
Die frühere russische Olympiasiegerin Alina Kabajewa steht wenige Tage vor der Europameisterschaft in rhythmischer Sportgymnastik erneut im Mittelpunkt einer sportpolitischen Debatte. Anlass ist die Meldeliste für den Wettbewerb, der vom 27. bis 31. Mai 2026 im bulgarischen Varna stattfinden soll. Die russischen Teilnehmerinnen treten dort weiterhin unter neutralem Status an. In russischen Gymnastikkreisen gibt es Kritik an der Zusammensetzung des Kaders, weil Athletinnen aus dem Umfeld der von Kabajewa aufgebauten Akademie Sky Grace eine besonders sichtbare Rolle spielen sollen. Belastbar belegt ist zunächst die offizielle Meldeliste. Ein Regelverstoß ergibt sich daraus nicht.
Die Russische Gymnastikföderation veröffentlichte Ende April den Kader für die Europameisterschaft in Varna. Genannt wurden für die Seniorinnen im Einzel Arina Kowshowa, Maria Borissowa und Sofia Ilterjakowa. Für die Gruppenübung wurden Aljona Seliwerstowa, Alina Proschtschaljykina, Darja Melnik, Slata Remtschukowa, Nelli Reuzkaja und Nikol Androntschik aufgeführt. Bei den Juniorinnen stehen unter anderem Alesja Naifonowa, Eva Tschewtajewa, Ksenija Sawinowa und Jana Saikina auf der Liste. Die später aktualisierte Meldeliste von European Gymnastics führt die russischen Starterinnen unter dem Kürzel AIN2.
Kabajewa gehört zu den bekanntesten Figuren der rhythmischen Sportgymnastik. Laut Weltverband gewann sie bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen Gold im Einzelmehrkampf und 2000 in Sydney Bronze. Nach ihrer aktiven Laufbahn war sie politisch und medial tätig. Die Website ihrer Akademie beschreibt sie zudem als Präsidentin der Sky Grace International Association. Die Alina Kabaeva Sky Grace Rhythmic Gymnastics Academy wurde demnach 2022 im föderalen Gebiet Sirius eröffnet. Genau diese Akademie steht nun im Zentrum der Debatte um den russischen Kader.
Die Kritik kommt vor allem aus russischen Fachkreisen der rhythmischen Sportgymnastik. Das russische Medium Agentstwo dokumentierte Einträge aus einem Telegram-Fachchat, in dem nach eigener Darstellung Fachleute, Eltern, Trainer, Athletinnen und Sportjournalisten diskutieren. Dort wurde die Auswahl als sportlich nicht ausreichend nachvollziehbar kritisiert. Eine unabhängige Bestätigung aller dort geschilderten Bewertungen lag zunächst nicht vor. Offiziell bestätigt war zunächst nur, welche Athletinnen gemeldet wurden. Unklar blieb zunächst, ob die Russische Gymnastikföderation die Auswahlkriterien öffentlich weiter erläutern wird.
Der Streit fällt in eine Phase, in der sich die Regeln für russische und belarussische Sportler in der internationalen Gymnastik erneut verändern. Die Russische Gymnastikföderation erklärte am 18. Mai, World Gymnastics habe russische Athleten wieder zu internationalen Wettbewerben unter russischer Flagge und mit Hymne zugelassen. Für die rhythmische Sportgymnastik nennt der Verband als erste Wettbewerbe unter nationalen Symbolen jedoch spätere Termine, darunter den Challenge Cup in Rumänien Ende Juni, den Weltcup in Mailand im Juli und die Weltmeisterschaft in Deutschland im August. Die Europameisterschaft in Varna bleibt davon zunächst getrennt, weil sie unter dem Dach von European Gymnastics stattfindet und die Meldeliste neutrale Starterinnen ausweist.
Die rhythmische Sportgymnastik ist in Russland seit Jahren ein Prestigegebiet. Der Ausschluss russischer und belarussischer Athletinnen nach dem Angriff auf die Ukraine hatte die internationale Konkurrenz spürbar verändert. Bereits vor den Olympischen Spielen 2024 wurde eingeordnet, dass Russland und Belarus in dieser Sportart lange prägend waren und ihre Abwesenheit neue Chancen für andere Nationen eröffnete. Der aktuelle Fall zeigt nun, dass die Rückkehr russischer Starterinnen nicht nur sportlich, sondern auch politisch aufmerksam verfolgt wird. Im Kern geht es in Varna um Transparenz bei der Auswahl, um die Rolle von Kabajewas Akademie und um die Frage, wie der Weltsport mit russischen Athletinnen nach Jahren der Einschränkungen umgeht.
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