
Münster. Der Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) schlägt Alarm: Durch die verschobene Generalsanierung überlasteter Bahnstrecken droht ein Engpass im Regionalverkehr. Die Deutsche Bahn will den ursprünglichen Zeitplan für 40 stark befahrene Schienenkorridore bundesweit deutlich strecken. Davon betroffen ist auch der Raum Westfalen-Lippe. Doch die Zeit drängt: Der Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) warnt eindringlich vor einem drohenden Bahnkollaps in NRW. Vor allem wichtige Einzelmaßnahmen müssten dringend vorgezogen und von der Gesamtplanung der Deutschen Bahn entkoppelt werden, fordert der NWL.
Die Deutsche Bahn hatte ursprünglich vor, jährlich acht bis neun stark belastete Schienenkorridore grundlegend zu sanieren. Nun wurde die Zahl auf maximal fünf reduziert. Dadurch verschiebt sich der Abschluss der Maßnahmen bundesweit auf das Jahr 2036. Der NWL, zuständig für den Schienennahverkehr in Westfalen-Lippe, zeigt Verständnis für die Anpassung. Gleichzeitig mahnt er jedoch: Dringende Einzelprojekte dürfen nicht bis in die Mitte der 2030er-Jahre aufgeschoben werden. Der drohende Bahninfarkt in NRW sei real – und aus Sicht der Verantwortlichen nur durch sofortiges Handeln abwendbar.
Besonders betroffen ist die Strecke Münster–Osnabrück. Dort ist ein Ausbau der Bahnstromversorgung im Hauptbahnhof Münster zwingend erforderlich. Hintergrund: Ab 2030 sollen neue Akku-Züge die bisherigen Dieseltriebwagen ersetzen. Ohne rechtzeitige technische Aufrüstung kann diese klimafreundliche Umstellung nicht stattfinden. Auch die Verlängerung der Bahnsteige entlang der Strecke ist essenziell – sonst fehlen absehbar die Voraussetzungen für den Einsatz neuer, längerer Züge. Der drohende Bahnkollaps in NRW wird hier bereits sichtbar: Verzögerte Einzelmaßnahmen führen zu Dominoeffekten, die den gesamten Regionalverkehr belasten.
Ein zweiter kritischer Korridor ist die Strecke Minden–Wunstorf. Sie zählt zu den meistbefahrenen Schienenverbindungen in Nordrhein-Westfalen und ist heute schon eine Hauptursache für Verspätungen, die sich bis tief nach Westfalen auswirken. Geplante Entlastungsmaßnahmen – etwa ein neues Stellwerk, zusätzliche Bahnsteige in Minden und Haste sowie neue Überleitstellen – sind im Klimaschutzprogramm des Bundes fest verankert. Werden sie nicht fristgerecht umgesetzt, droht der Verlust von Fördergeldern. Auch hier sei die Gefahr real, betont der NWL.
In einer offiziellen Stellungnahme hat der NWL seine Erwartungen an die Deutsche Bahn formuliert. Einzelmaßnahmen mit hoher verkehrlicher Relevanz müssten sofort entkoppelt und umgesetzt werden – unabhängig vom verschobenen Gesamtzeitplan. NWL-Geschäftsführerin Christiane Auffermann und Kai Schulte vom Kompetenzcenter Integraler Taktfahrplan (KCITF NRW) fordern ein klares Bekenntnis zur Umsetzung bestehender Vereinbarungen. Die Menschen in Nordrhein-Westfalen hätten ein Recht auf einen funktionierenden Schienenverkehr. Und Unternehmen bräuchten Planungssicherheit.