Gegenentwurf zur NATO-Ehrung: Connection gewinnt Alternativen Friedenspreis

Connection erhält in Münster den ersten Alternativen Westfälischen Friedenspreis. Der Protestpreis ist mit 10.000 Euro dotiert.

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Münster. Premiere im Historischen Rathaus: Am Freitagabend ist erstmals der Alternative Westfälische Friedenspreis in Münster vergeben worden. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung ging an Connection e.V. aus Offenbach. Der Verein unterstützt seit Jahrzehnten Kriegsdienstverweigerer und Deserteure in verschiedenen Ländern. Der neue Friedenspreis war nach der Entscheidung entstanden, den Internationalen Preis des Westfälischen Friedens 2026 an die NATO zu vergeben, und versteht sich bewusst als Protest- und Gegenpreis. Neben dem Preisgeld erhielt Connection eine eigens für die Auszeichnung geschaffene Skulptur.

Begonnen hatte der Tag bereits am Nachmittag mit einem Friedens- und Kulturfest auf dem Domplatz. Musik, gemeinsames Singen, Improvisationstheater, Poetry Slam, Satire und Kunst gehörten zum Programm. Am Abend folgte schließlich die eigentliche Preisverleihung im Friedenssaal des Historischen Rathauses. Moderiert wurde sie von Johanna Zschornack.

Fuchs: „Frieden ist die Möglichkeit, die eigene Zukunft zu gestalten“

Juliane Brüggemann, Vorsitzende des Trägervereins, eröffnete die Veranstaltung. Anschließend begrüßte Oberbürgermeister Tilman Fuchs die Gäste. Sein Auftritt war schon vor der Preisverleihung politisch diskutiert worden. Die CDU-Ratsfraktion hatte insbesondere kritisiert, dass Fuchs an einer Veranstaltung teilnimmt, deren Entstehung ausdrücklich mit der Ablehnung der NATO-Auszeichnung verbunden ist. CDU-Fraktionschef Stefan Weber hatte die Inszenierung des Alternativpreises als Gegenentwurf zur NATO-Ehrung als „höchst problematisch und politisch naiv“ bezeichnet. Die CDU stellte dabei zugleich klar, dass sie das Recht auf Kriegsdienstverweigerung nicht infrage stelle. Zivile Friedensarbeit und militärische Verteidigung dürften aus Sicht der Fraktion aber nicht gegeneinander ausgespielt werden. Weber formulierte die Position seiner Fraktion mit dem Satz: „Frieden und Freiheit werden nicht durch Wehrlosigkeit gesichert.“

Von Fuchs hatte die CDU vorab zudem eine klare Einordnung zur NATO und zur Unterstützung der Ukraine verlangt. Eine direkte Auseinandersetzung mit dieser Kritik stellte der Oberbürgermeister bei seiner Begrüßung allerdings nicht in den Mittelpunkt. Stattdessen sprach er über seinen jüngsten Besuch in der Ukraine, über die Hoffnung auf Frieden und darüber, wie mit unterschiedlichen politischen Vorstellungen umgegangen werden könne.

„Frieden ist die Möglichkeit, die eigene Zukunft zu gestalten“, sagte Fuchs. Gerade vor dem Hintergrund seines Ukraine-Besuchs verband er Frieden damit nicht nur mit dem Ende von Gewalt, sondern auch mit der Möglichkeit, über das eigene Leben und die eigene Zukunft bestimmen zu können. Zugleich warb er dafür, auch weit auseinanderliegende Positionen auszuhalten und miteinander im Gespräch zu bleiben. Dialog zu suchen und Verständigung zu ermöglichen, sei gerade dann wichtig, wenn die politischen Gegensätze groß seien.

Damit griff Fuchs einen Gedanken auf, der auch zur besonderen Situation dieses Abends passte: Nur wenige Tage später wird im selben Historischen Rathaus die NATO mit dem Internationalen Preis des Westfälischen Friedens ausgezeichnet. Während die Initiatoren des Alternativpreises gerade darin einen Widerspruch sehen, begründen die Stifter des internationalen Preises ihre Entscheidung mit der Bedeutung des Bündnisses für Sicherheit und Stabilität. Fuchs stellte bei der ersten Preisverleihung jedoch vor allem das Aushalten solcher Gegensätze und den weiteren Dialog in den Vordergrund.

Musikalisch wurde die Veranstaltung unter anderem vom Flötenensemble sowie mit dem „Peace Bell Song“ von Niki Dilka, Lukas Sawicki und Ariane Oeynhausen begleitet. Später standen auch „Wozu sind Kriege da?“ und „Imagine“ auf dem Programm. Amelie Schmidt und Lara Helmers von der Friedensschule Münster trugen ihre „Gedanken zum Frieden“ vor.

Heribert Prantl spricht über ein „unbequemes Grundrecht“

Einen Schwerpunkt der Preisverleihung bildete der Beitrag des Juristen und Publizisten Heribert Prantl. Er sprach über Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes und damit über das Recht, den Kriegsdienst mit der Waffe aus Gewissensgründen zu verweigern.

Prantl bezeichnete dieses Recht als ein „unbequemes Grundrecht“. Seine zentrale Botschaft: Der Schutz der Gewissensentscheidung dürfe nicht davon abhängig gemacht werden, ob die politische oder militärische Lage gerade ruhig oder angespannt sei. „Dieses Grundrecht ist keine Schleuse, die man nach Bedarf öffnet und schließt“, sagte Prantl.

Dabei ging er auch auf einen Beschluss des Bundesgerichtshofs aus dem Januar 2025 ein, den er kritisch bewertet. Der BGH hatte sich in einem Auslieferungsfall mit möglichen Einschränkungen für Wehrpflichtige in außergewöhnlichen Situationen befasst. Prantl sieht darin ein problematisches Signal. Das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung selbst wurde durch die Entscheidung allerdings nicht aufgehoben oder generell eingeschränkt.

Käßmann würdigt internationale Arbeit von Connection

Die Laudatio auf Connection hielt Margot Käßmann. Sie rückte vor allem die Situation von Menschen in den Mittelpunkt, die sich in Staaten mit Krieg, Wehrpflicht oder politischer Verfolgung dem Militärdienst entziehen. Dabei sprach sie unter anderem über Russland und die Ukraine, die Türkei sowie über Verweigerer in Israel.

Connection arbeitet seit 1993 international zu Kriegsdienstverweigerung und Desertion, die Vorgeschichte der Arbeit reicht noch weiter zurück. Der Verein berät Betroffene, unterstützt ihre Selbstorganisation und setzt sich dafür ein, dass Menschen wegen ihrer Entscheidung gegen den Dienst an der Waffe Schutz erhalten. Genau diese Arbeit war für die Jury ausschlaggebend für die Auszeichnung.

„Wir stehen an der Seite jedes Einzelnen, der sagt: Ich will nicht töten“

Für Connection nahm Geschäftsführerin Sarah Ghebremariam den Preis entgegen. „Wir stehen an der Seite jedes Einzelnen, der sagt: Ich will nicht töten“, sagte sie.

Ghebremariam stellte die Arbeit des Vereins in den Zusammenhang mit Kriegen und weltweiter Aufrüstung. Im Mittelpunkt standen dabei nicht abstrakte sicherheitspolitische Konzepte, sondern die Menschen, die sich persönlich gegen den Dienst mit der Waffe entscheiden und dafür teilweise Verfolgung oder erhebliche Nachteile in Kauf nehmen.

Das Thema hat auch in Deutschland wieder an Aktualität gewonnen. Seit 2026 erhalten 18-Jährige einen Fragebogen zum neuen Wehrdienst, Männer müssen ihn beantworten. Ab Juli 2027 sollen Männer des Jahrgangs 2008 verpflichtend gemustert werden. Der eigentliche Wehrdienst bleibt zunächst freiwillig. Das grundgesetzlich geschützte Recht auf Kriegsdienstverweigerung besteht weiter.

Neuer Preis soll künftig alle zwei Jahre vergeben werden

Der Trägerverein des Alternativen Westfälischen Friedenspreises wurde im Dezember 2025 gegründet. Auslöser war die Entscheidung, den Internationalen Preis des Westfälischen Friedens in diesem Jahr an die NATO zu vergeben. Der neue Preis soll künftig alle zwei Jahre verliehen werden und wird nach Angaben des Vereins aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert.

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