
In Münster geboren, hier das Chemiestudium begonnen – und nun mit der höchsten Auszeichnung der Medizin geehrt: Peter Hegemann erhält gemeinsam mit Georg Nagel und Karl Deisseroth den Medizin-Nobelpreis 2026. Ihre Forschung zur Optogenetik hat grundlegend verändert, wie Wissenschaftler Nervenzellen und das Gehirn untersuchen können. Das Nobelkomitee würdigt die drei Forscher für ihre Entdeckungen zu lichtgesteuerten Ionenkanälen und die Entwicklung der Optogenetik.
Der Medizin-Nobelpreis für Peter Hegemann hat einen besonderen Bezug zu Münster. Hegemann wurde am 11. Dezember 1954 in der Stadt geboren und begann 1975 sein Chemiestudium an der damaligen Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Später wechselte er nach München. Heute arbeitet er als Professor für Experimentelle Biophysik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Kanalrhodopsine, Photorezeptoren und die Optogenetik.
Gemeinsam mit dem ebenfalls ausgezeichneten Georg Nagel untersuchte Hegemann lichtempfindliche Proteine, die unter anderem in einzelligen Grünalgen vorkommen. Diese Kanalrhodopsine reagieren auf Licht und funktionieren zugleich als Ionenkanäle. Trifft beispielsweise blaues Licht auf bestimmte dieser Proteine, öffnet sich der Kanal und geladene Teilchen können durch die Zellmembran strömen. Dadurch entsteht ein elektrisches Signal.
Der US-Forscher Karl Deisseroth entwickelte diese Grundlagen für die Neurowissenschaften weiter. 2005 zeigte er, dass sich Nervenzellen mithilfe von Channelrhodopsin gezielt durch Licht aktivieren lassen. Wenige Jahre später wurde die Technik auch im Gehirn lebender Versuchstiere eingesetzt. Damit konnten Forscher nicht mehr nur beobachten, welche Hirnregionen bei bestimmten Vorgängen aktiv sind, sondern ausgewählte Nervenzellen gezielt beeinflussen und anschließend untersuchen, wie sich etwa Verhalten oder Wahrnehmung verändern.
Heute wird die Optogenetik weltweit genutzt, um unter anderem Lernen, Gedächtnis, Bewegung, Angst und Motivation zu erforschen. Auch bei Untersuchungen zu Parkinson, Epilepsie und psychiatrischen Erkrankungen spielt sie eine Rolle. Eine reguläre optogenetische Behandlung dieser Erkrankungen gibt es bislang allerdings nicht.
Ein viel beachteter klinischer Versuch gelang 2021 bei einem Patienten mit der erblichen Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa. Dabei wurde ein lichtempfindliches Protein in Zellen des Auges eingebracht und mit einer speziellen Brille kombiniert. Der Patient konnte anschließend bestimmte Gegenstände wieder wahrnehmen und lokalisieren. Es handelte sich jedoch um einen klinischen Machbarkeitsnachweis und nicht um eine bereits etablierte Standardtherapie.
Die Bedeutung der Optogenetik liegt bislang vor allem darin, biologische Zusammenhänge genauer untersuchen zu können. Durch die gezielte Steuerung bestimmter Nervenzellen lassen sich Ursache und Wirkung in neuronalen Netzwerken wesentlich präziser erforschen als mit vielen früheren Methoden.
Neben Peter Hegemann werden Georg Nagel und Karl Deisseroth ausgezeichnet. Nagel forscht an der Universität Würzburg und war zuvor unter anderem am Max-Planck-Institut für Biophysik in Frankfurt tätig. Deisseroth arbeitet an der Stanford University und ist dort Professor für Bioengineering sowie Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften. Alle drei Wissenschaftler erhielten bereits vor dem Nobelpreis bedeutende Forschungsauszeichnungen. Hegemann wurde unter anderem mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis und dem Albert Lasker Basic Medical Research Award geehrt.
Der Medizin-Nobelpreis ist 2026 mit insgesamt zwölf Millionen schwedischen Kronen dotiert. Die drei Forscher erhalten jeweils ein Drittel. Die Medaillen und Diplome werden traditionell am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, überreicht.
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