
Münster. Der Westfälische Friedenspreis 2026 hat Münster am Donnerstag in den Mittelpunkt der europäischen Sicherheitspolitik gerückt. Mit Friedrich Merz und Mark Rutte kamen hochrangige Gäste ins Rathaus, während draußen Gegner der NATO-Auszeichnung demonstrierten. Im Historischen Rathaus nahm Rutte den Hauptpreis stellvertretend für das Verteidigungsbündnis entgegen. Der Jugendpreis ging an das europäische Netzwerk socioMovens.
Der politische Teil des Tages begann bereits Stunden vor der Preisverleihung. Bundeskanzler Friedrich Merz, NATO-Generalsekretär Mark Rutte und der niederländische Ministerpräsident Rob Jetten besuchten das 1. Deutsch-Niederländische Corps. Dort standen sicherheits-, europa- und außenpolitische Fragen auf dem Programm, anschließend traten die drei gemeinsam vor die Presse. Merz verteidigte dabei bereits die umstrittene Auszeichnung. Ein Friedenspreis für eine Militärallianz erscheine „auf den ersten Blick widersprüchlich“, sei tatsächlich aber folgerichtig. Die NATO bezeichnete er als tragende Säule der euro-atlantischen Friedensordnung.
Anschließend ging es in die Innenstadt. Oberbürgermeister Tilman Fuchs empfing die Preisträger und weitere Gäste im Friedenssaal. Rutte trug sich ebenso in das Goldene Buch der Stadt ein wie Friedrich Merz, NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, WWL-Vorsitzender Reinhard Zinkann, Staatskanzlei-Chef Nathanael Liminski sowie Ana Novotni, Gábor Reisz und Daria Maria Lung von socioMovens.
Parallel demonstrierten Gegner der Preisvergabe in unmittelbarer Nähe des Rathauses. Am frühen Nachmittag versammelten sich nach Beobachtung von ms-aktuell rund 150 Menschen am Domplatz und Michaelisplatz. Zu sehen waren Anti-NATO-Plakate, Transparente und Informationsstände. Unter anderem sprachen Sevim Dağdelen und der Europaabgeordnete Martin Sonneborn. Später verlagerte sich ein Teil des Protests an die Absperrungen des Prinzipalmarkts. Dort skandierten Demonstrierende unter anderem „Blut, Blut, Blut an euren Händen!“.
Auch mit dem Ende der Preisverleihung verstummte der Protest nicht. Als Rutte, Merz, Wüst und weitere Gäste zum abschließenden Gruß auf den Sentenzbogen traten, waren weiterhin lautstarke Sprechchöre zu hören. Nach Beobachtung vor Ort bezogen sich Rufe unter anderem auf Palästina, außerdem waren Vorwürfe mit dem Wort „Mörder“ zu hören. Bereits sechs Tage zuvor hatte die Kritik an der NATO-Ehrung zur Verleihung eines Alternativen Westfälischen Friedenspreises an Connection e.V. geführt.
Kurz nach 16 Uhr begann der Festakt im Historischen Rathaus. Hendrik Wüst eröffnete die Veranstaltung und verband die Geschichte des Westfälischen Friedens mit der aktuellen Sicherheitslage. „Wir leben erneut in Zeiten der Großmächte“, sagte der NRW-Ministerpräsident. Diplomatische Lösungen und die „Herrschaft des Rechts“ seien notwendig, zugleich dürfe ein Kompromiss nicht um jeden Preis geschlossen werden. „Frieden muss verteidigt werden“, betonte Wüst. Dafür brauche es aus seiner Sicht auch militärische Stärke.
Wüst warnte zudem vor Gefahren für demokratische Gesellschaften „von innen“. Populisten und Extremisten wollten demokratische Werte angreifen und Europa spalten. Demokraten müssten sich diesen Kräften entgegenstellen. Merz lobte Wüst dafür, in sicherheitspolitischen Fragen „Kurs gehalten“ und der NATO damit Halt gegeben zu haben.
Bevor die NATO ausgezeichnet wurde, ging der Jugendpreis an socioMovens – Giving Europe a Soul. Drei Jugendliche aus Kroatien, Ungarn und Rumänien nahmen die Auszeichnung stellvertretend für das Netzwerk entgegen. socioMovens hat seinen Sitz in Dortmund und bringt Jugendliche aus Mittel- und Osteuropa zusammen. Ziel sind europäische Verständigung und soziales Engagement.
Die Laudatio hielt Kardinal Michael Czerny. Europa brauche nach seinen Worten nicht nur Stabilität und Wachstum, sondern auch moralische Orientierung. „True greatness is always born of solidarity and openness“, sagte Czerny – wahre Größe entstehe aus Solidarität und Offenheit. Anschließend nahmen die drei jungen Vertreter den Preis entgegen.
Danach begann die Laudatio von Friedrich Merz auf die NATO. Der Kanzler ging ausdrücklich auf die Kritik daran ein, ein Militärbündnis mit einem Friedenspreis auszuzeichnen. Die NATO „zähmt das Recht des Stärkeren“ und mache daraus die „Stärke des Rechts“, sagte Merz. Seit drei Generationen bürge das Bündnis für Frieden und Ordnung im atlantischen Raum, schütze Sicherheit und Wohlstand und „dient dem Frieden“.
Den Schwerpunkt legte Merz auf Russland und den Krieg gegen die Ukraine. Der „revisionistische, expansive Großmachtanspruch Russlands“ sei die „größte Gefahr für den Frieden hier und heute“. „Dieser Krieg geht uns etwas an“, sagte der Bundeskanzler. In der Ukraine stehe auch die Sicherheit Europas auf dem Spiel. Zugleich sprach sich Merz dafür aus, die Möglichkeit einer Verhandlungslösung nicht aus den Augen zu verlieren. Dafür müsse der Westen jedoch geschlossen und entschlossen auftreten. Deutschland sei „willens, fähig und bereit“, innerhalb eines erneuerten Bündnisses mehr Verantwortung zu übernehmen.
Auch innenpolitisch wurde Merz deutlich. „Wir lassen uns nicht spalten durch die Parolen der AfD und ihre russischen Hintermänner“, sagte er unter Applaus im Saal. Zum Ende seiner Rede forderte er Russland auf, den Angriff auf die Ukraine zu beenden und von hybriden Angriffen auf Europa abzulassen.
Nach der Laudatio folgte der zentrale Moment des Tages. Mark Rutte nahm den Westfälischen Friedenspreis stellvertretend für die NATO entgegen. Die Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen und Lippe begründet ihre Entscheidung damit, dass das Bündnis in Zeiten globaler Unsicherheit Verlässlichkeit schaffen, Partnerschaften fördern und Frieden durch Stabilität ermöglichen solle. Zu den von der Jury genannten Gründen gehört auch die Unterstützung der Ukraine.
Rutte richtete in seiner Dankesrede ebenfalls deutliche Worte an Russland. „Putin will uns einschüchtern und spalten, aber er wird scheitern“, sagte der NATO-Generalsekretär. Er lobte Merz für dessen Rede und Deutschlands deutlich höhere Verteidigungsausgaben. Zugleich dankte Rutte Deutschland für sein Engagement und forderte eine kontinuierliche Unterstützung der Ukraine.
Zum Abschluss griff WWL-Vorsitzender Reinhard Zinkann noch einmal den grundlegenden Streit um die Preisvergabe auf. Er wolle keine weitere Laudatio halten, sondern einen Appell formulieren. In einer Zeit großer Verunsicherung brauche es den Mut, Widersprüche auszuhalten. Die NATO stehe nicht nur für Panzer, Flugzeuge und militärische Fähigkeiten, sondern für das Versprechen demokratischer Staaten: „Wir stehen füreinander ein.“
Zinkann verband die Friedensfrage außerdem mit wirtschaftlicher Stabilität. „Wirtschaft braucht Frieden“, sagte er, zugleich brauche Frieden wirtschaftliche Stärke. Frieden brauche Menschen, die bereit seien, Verantwortung für ihn zu übernehmen – „und ja, auch für ihn zu kämpfen“. Mit der Nationalhymne endete der Festakt. Zum abschließenden Auftritt auf dem Sentenzbogen waren die Proteste von draußen weiterhin deutlich zu hören.
Die hohen Sicherheitsvorkehrungen waren in der Innenstadt den ganzen Tag sichtbar. Der Prinzipalmarkt war nach Angaben der Stadt von etwa 10:30 Uhr bis voraussichtlich 18:30 Uhr für den Verkehr gesperrt. Das Historische Rathaus, das Stadtweinhaus und der Rathausinnenhof waren für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Geschäfte und Praxen blieben zu Fuß erreichbar.
Der Westfälische Friedenspreis wird alle zwei Jahre von der Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe vergeben und ist mit insgesamt 100.000 Euro dotiert. Er erinnert an die 1648 nach jahrelangen Verhandlungen in Münster und Osnabrück geschlossenen Friedensverträge. Erstmals wurde die Auszeichnung 1998 zum 350. Jahrestag des Westfälischen Friedens verliehen.






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