
Die Sommertour von Cem Özdemir führt Baden-Württembergs neuen Ministerpräsidenten seit Dienstag, 11. August 2026, quer durch das Land. Erst seit dem 13. Mai steht der Grünen-Politiker an der Spitze der Landesregierung, an diesem Freitag ist er damit seit 93 Tagen im Amt. Für seine erste Sommerreise als Regierungschef hat Özdemir Betriebe, soziale Einrichtungen, ehrenamtliche Projekte sowie Stationen zu Landwirtschaft, Klimafolgen und Sicherheit in den Mittelpunkt gestellt. Nach seinen eigenen Ankündigungen ist die Tour nicht auf wenige Tage beschränkt, sondern auf einen Zeitraum von rund einem Monat angelegt.
Gestartet ist Özdemir am Dienstag in Heilbronn. Im Evangelischen Waldheim auf dem Gaffenberg traf er Kinder, Jugendliche und Ehrenamtliche. Das Ferienangebot gehört zu den traditionsreichsten Einrichtungen dieser Art in der Region. Der Regierungschef stellte dort vor allem die Arbeit freiwillig Engagierter heraus. Seine Reise solle nicht nur zu Unternehmen führen, sondern auch zu Menschen, die Verantwortung für andere übernehmen. Weitere Stationen des ersten Tages lagen in Künzelsau und Freudenberg sowie in Schöntal. Im Kloster Schöntal endete der Tourtag. Von dort reiste Özdemir am folgenden Morgen weiter nach Nordbaden.
Ein festes, durchgehend verwendetes Tourmotto ist für die aktuelle Reise bislang nicht ausgewiesen. Inhaltlich hat Özdemir die Leitidee jedoch klar beschrieben. Er wolle dorthin fahren, wo die neuen Quellen des Wohlstands entstünden, und zugleich Menschen treffen, die durch Ehrenamt und gesellschaftliches Engagement das Land zusammenhielten. Dabei hebt er wiederholt eine Besonderheit Baden-Württembergs hervor: Wirtschaftliche Stärke konzentriere sich nicht allein auf die großen Städte. Viele international erfolgreiche Mittelständler und sogenannte Hidden Champions seien im ländlichen Raum angesiedelt. Genau diese Mischung aus Industrie, Mittelstand und regionaler Verwurzelung gehört zu den Schwerpunkten der Reise.
Am Mittwoch verlagerte sich die Tour nach Nordbaden. In Heidelberg besuchte Özdemir die Gewaltambulanz des Universitätsklinikums. Dort können Verletzungen nach Gewalttaten niedrigschwellig und gerichtsfest dokumentiert werden. Der Ministerpräsident bezeichnete solche Einrichtungen als wichtigen Bestandteil des Opferschutzes und sprach sich für die Weiterentwicklung des landesweiten Netzes aus. In Mannheim stand mit einem Projekt gegen Armut und soziale Ausgrenzung anschließend ein weiteres soziales Angebot auf dem Programm. Dabei thematisierte Özdemir auch die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt und verwies auf Wohnraumförderung sowie weniger bürokratische Hürden beim Bauen.
Weitere Termine führten ihn unter anderem zu einem Beachvolleyballcamp für Kinder und Jugendliche in Bruchsal sowie zum Seehaus Leonberg. Die Einrichtung arbeitet mit jungen Straffälligen in einer offenen Form des Jugendstrafvollzugs und verbindet den Alltag mit Ausbildung, festen Strukturen und sozialpädagogischer Betreuung. Özdemir informierte sich dort über die Arbeit mit den Jugendlichen, Täter-Opfer-Ausgleich und Opferhilfe. Bei diesem Teil der Reise wurde er von seiner Ehefrau Flavia Zaka begleitet. Die Zusammensetzung der Begleitung wechselt insgesamt je nach Station. Ein dauerhaft mitreisendes politisches Team aus mehreren Kabinettsmitgliedern gibt es bei der Tour nicht.
Die wirtschaftliche Lage ist eines der zentralen Themen der Reise. Baden-Württemberg ist besonders stark von Automobilindustrie, Maschinenbau und exportorientiertem Mittelstand geprägt. Özdemir hatte deshalb schon in seinen ersten Wochen als Ministerpräsident Gespräche mit Unternehmen, Betriebsräten und Gewerkschaften geführt. Während der Sommertour wirbt er erneut dafür, industrielle Wertschöpfung im Land zu halten und gleichzeitig Veränderungen bei Technologie und Produktion voranzutreiben. Betriebe, die sich neu aufstellen, betrachtet er als Beispiele dafür, wie Baden-Württemberg auf den internationalen Wettbewerbsdruck reagieren könne.
Auch die Tarifpartner nimmt Özdemir in die Verantwortung. Arbeitgeber müssten sich nach seiner Darstellung zum Standort bekennen, zugleich seien Beiträge nötig, um die Kosten der Produktion wettbewerbsfähig zu halten. Damit knüpft der Regierungschef an eines der schwierigsten Felder seiner noch jungen Amtszeit an. Schon in den ersten drei Monaten standen die Zukunft der Autoindustrie, Investitionen und Beschäftigung im Zentrum zahlreicher Termine. Die Sommertour dient damit nicht ausschließlich repräsentativen Besuchen. Sie führt gezielt zu Unternehmen und Einrichtungen, an denen sich politische Herausforderungen des Landes konkret zeigen.
Wie schnell aktuelle Ereignisse die Planung verändern können, zeigte sich am Donnerstag. Eigentlich gehörte eine Wanderung im Nationalpark Schwarzwald zu den zentralen Programmpunkten. Özdemir war dort gemeinsam mit seinem Vorgänger Winfried Kretschmann unterwegs. Begleitet wurden beide unter anderem von ihren Ehefrauen Flavia Zaka und Gerlinde Kretschmann sowie von Umweltministerin Thekla Walker. Der Termin verband die Entwicklung des Nationalparks mit Fragen des Waldumbaus und der Anpassung an veränderte klimatische Bedingungen.
Nach den Waldbränden in der Ortenau wurde der Ablauf kurzfristig ergänzt. Özdemir fuhr nach Zell am Harmersbach, um sich über die Lage und den Einsatz der Feuerwehr zu informieren. Auch Landwirtschaftsministerin Marion Gentges nahm an diesem Teil teil. Özdemir sagte dort, Waldbrände dieser Art würden Baden-Württemberg angesichts der dauerhaften klimatischen Veränderungen stärker beschäftigen als früher. Gleichzeitig dankte er den Einsatzkräften. Zu den Ursachen der Brände liefen Ermittlungen, deshalb stellte der Ministerpräsident keinen direkten Zusammenhang zwischen einem konkreten Feuer und der Trockenheit als gesicherte Brandursache her. Zusätzlich wurde ein Termin zur Dürresituation in der Landwirtschaft in das Programm aufgenommen.
Damit rückten Landwirtschaft und Wasserverfügbarkeit stärker in den Vordergrund als ursprünglich vorgesehen. Für Baden-Württemberg treffen dabei mehrere Themen aufeinander: die wirtschaftliche Existenz landwirtschaftlicher Betriebe, die Anpassung von Wäldern und Feldern an längere Trockenperioden sowie die Ausstattung von Feuerwehren und Katastrophenschutz. Özdemirs bisherige Tour verbindet diese Bereiche, ohne daraus ein einzelnes Klimaprogramm zu machen. Vielmehr stehen konkrete Einrichtungen und Betroffene vor Ort im Mittelpunkt.
Für Freitag, 14. August, waren zwei ausdrücklich sicherheitspolitisch geprägte Stationen angekündigt. Im Markgräflerland sollte Özdemir zunächst die Deutsch-Französische Brigade in Müllheim besuchen. Anschließend war ein Termin bei der Bergrettungswache Feldberg der Bergwacht Schwarzwald vorgesehen. Damit reicht die Bandbreite der Reise von militärischer und europäischer Sicherheitskooperation bis zum ehrenamtlich getragenen Rettungsdienst im Mittelgebirge. Zum Stand am Freitagnachmittag waren diese Termine als Programmpunkte angekündigt. Sie sind deshalb von den bereits bestätigten Besuchen der vorangegangenen Tage zu unterscheiden.
Das Thema Migration, das in Baden-Württemberg ebenfalls zu den wichtigen landespolitischen Feldern gehört, war in den ersten Tagen dagegen nicht als eigenständige Tourstation erkennbar. In seiner Regierungserklärung im Mai hatte Özdemir angekündigt, irreguläre Migration ordnen, steuern und begrenzen zu wollen. Das zuständige Ressort führt seit Mai der CDU-Politiker Moritz Oppelt als Minister der Justiz und für Migration. Eine eigene migrationspolitische Station lässt sich für die bisher bestätigte Sommerreise jedoch nicht daraus ableiten. Die frühen Tourtage setzen sichtbar andere Schwerpunkte, darunter Wirtschaft, Jugend, gesellschaftliche Teilhabe, Landwirtschaft, Klimafolgen und Sicherheit.
Özdemirs Reise findet nur wenige Monate nach einer äußerst knappen Landtagswahl statt. Bei der Wahl vom 8. März 2026 erreichten die Grünen landesweit 30,2 Prozent, die CDU kam auf 29,7 Prozent. Beide Parteien erhielten jeweils 56 Mandate. Die AfD stellt mit 35 Sitzen die größte Oppositionsfraktion, die SPD kommt auf zehn Abgeordnete. Die erneut gebildete Koalition aus Grünen und CDU verfügt damit über 112 der insgesamt 157 Sitze und über eine sehr große rechnerische Mehrheit. Gleichzeitig sind beide Regierungspartner im Parlament exakt gleich stark.
Özdemir wurde am 13. Mai zum zehnten Ministerpräsidenten Baden-Württembergs gewählt und folgte auf Winfried Kretschmann, der das Amt seit 2011 ausgeübt hatte. In der geheimen Wahl erhielt Özdemir 93 Stimmen. Für die absolute Mehrheit waren 79 erforderlich. Rechnerisch verfügten Grüne und CDU zusammen allerdings über 112 Mandate. Die neue Regierung startete damit zwar mit komfortabler parlamentarischer Mehrheit, aber zugleich mit dem Auftrag, zwei gleich große Koalitionspartner zusammenzuführen. Am Dienstag, dem ersten Tag seiner Sommertour, war Özdemir genau 90 Tage im Amt.
Die SPD-Opposition zog zu diesem Zeitpunkt eine kritische Zwischenbilanz der Regierungsarbeit. Fraktionsgeschäftsführerin Dorothea Kliche-Behnke bemängelte unter anderem, dass nach drei Monaten aus ihrer Sicht zu wenige konkrete Gesetzesvorhaben sichtbar seien. Gleichzeitig bescheinigte sie Özdemir persönliche Zugänglichkeit und kündigte eine konstruktive Begleitung seiner Regierung an. Die Kritik bezog sich auf die ersten Regierungsmonate insgesamt, nicht ausdrücklich auf die Sommertour. Eine gesonderte, belastbar belegte Kritik der Opposition am Reiseformat selbst stand zunächst nicht im Mittelpunkt.
Sommertouren gehören auf Landes- und Bundesebene seit Jahren zum politischen Betrieb. Die sitzungsärmere Ferienzeit ermöglicht Regierungsmitgliedern längere Besuche in Betrieben, Kommunen und Einrichtungen, für die während regulärer Plenar- und Kabinettswochen häufig weniger Zeit bleibt. Özdemir selbst begründet seine Reise entsprechend mit der Möglichkeit, ausführlicher mit Menschen vor Ort zu sprechen. Für Regierungschefs verbindet dieses Format mehrere Funktionen: Sie erhalten unmittelbare Einblicke in regionale Probleme, können politische Schwerpunkte erklären und sind zugleich außerhalb der Landeshauptstadt öffentlich präsent.
Bei Özdemir hat die Reise noch eine zusätzliche Bedeutung, weil es seine erste Sommertour als Ministerpräsident ist und sie nur drei Monate nach dem Regierungswechsel stattfindet. Anders als eine klassische Parteitour stehen bislang überwiegend Einrichtungen, Unternehmen, Hilfsorganisationen und öffentliche Projekte auf dem Programm. Die Mischung reicht vom Ferienwaldheim über Gewaltambulanz und Jugendstrafvollzug bis zum Nationalpark, zu Feuerwehren, Bundeswehr und Bergwacht. Gleichzeitig spiegeln die Stationen zentrale Herausforderungen seiner Regierung wider, vor allem die Transformation der Wirtschaft, den Umgang mit Klimafolgen, gesellschaftlichen Zusammenhalt und staatliche Sicherheit.
Nach der ersten Tourphase ist die Sommerreise noch nicht beendet. Weitere Termine sind für den 9. und 10. September angekündigt. Damit erstreckt sich Özdemirs erste Sommertour als Ministerpräsident tatsächlich über ungefähr einen Monat. Eine vollständige Liste sämtlicher noch folgender Stationen war zunächst nicht veröffentlicht. Fest steht damit vor allem die politische Klammer der Reise: Der neue Regierungschef will sich möglichst früh in verschiedenen Regionen des Landes zeigen und seine ersten Monate im Amt mit Begegnungen außerhalb der Stuttgarter Regierungszentrale verbinden.
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