
Deutschlands größte Börsenkonzerne verdienen so viel wie noch nie in einem zweiten Quartal, gleichzeitig schrumpfen ihre Belegschaften. Die Unternehmen im DAX kamen im zweiten Quartal 2026 zusammen auf einen operativen Gewinn vor Zinsen und Steuern von 52,6 Milliarden Euro. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht das einem Anstieg um knapp 16 Prozent. Der Umsatz wuchs um 4,6 Prozent auf rund 463 Milliarden Euro.
Parallel dazu sank die Zahl der Beschäftigten bei den Unternehmen, die entsprechende Angaben veröffentlichten. Zum 30. Juni arbeiteten nach einer Auswertung der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY rund 3,49 Millionen Menschen für die DAX-Konzerne. Das waren etwa 41.000 oder 1,2 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
Die beiden Entwicklungen widersprechen sich nur auf den ersten Blick. Hinter den Rekordwerten stehen unterschiedliche Branchen, internationale Geschäfte und teilweise außergewöhnliche Marktbedingungen. Besonders die deutsche Automobilindustrie verliert dagegen deutlich an Beschäftigung.
Besonders auffällig ist die Entwicklung bei den Autokonzernen. Ihre Beschäftigtenzahl verringerte sich innerhalb der EY-Auswertung um rund 40.000 oder 5,2 Prozent. Gleichzeitig sank ihr Umsatz im zweiten Quartal um 1,2 Prozent und ihr operativer Gewinn um zwölf Prozent.
BMW verzeichnete gegenüber dem Vorjahresquartal einen Rückgang des operativen Ergebnisses um 39 Prozent. Bei Volkswagen und Daimler Truck fiel das EBIT jeweils um neun Prozent. Belastend wirken unter anderem die schwächere Nachfrage auf wichtigen Märkten, zunehmender Wettbewerb aus China, Überkapazitäten sowie die hohen Kosten für den Umbau der Produktpalette und den Übergang zur Elektromobilität.
Volkswagen hat bereits ein umfangreiches Personalprogramm beschlossen. Nach Konzernangaben sollen bei Volkswagen, Audi, Porsche und der Softwaretochter Cariad in Deutschland bis 2030 insgesamt rund 50.000 Stellen wegfallen. Ein großer Teil soll über freiwillige Vereinbarungen und altersbedingtes Ausscheiden umgesetzt werden.
Der Rückgang beschränkt sich nicht auf die großen börsennotierten Hersteller. Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass die gesamte deutsche Automobilindustrie zum Ende des ersten Halbjahres 2026 rund 691.500 Beschäftigte zählte. Das waren 42.300 Menschen oder 5,8 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
Damit erreichte die Beschäftigung in der Branche den niedrigsten Stand seit 2005. Besonders stark war der Rückgang bei Herstellern von Teilen und Zubehör für Kraftwagen mit 7,6 Prozent. Bei den Fahrzeugherstellern selbst sank die Beschäftigung um 6,1 Prozent.
Auch das Verarbeitende Gewerbe insgesamt verlor Arbeitsplätze. Dort verringerte sich die Beschäftigtenzahl innerhalb eines Jahres um 2,7 Prozent auf rund 5,29 Millionen. Die Entwicklung der Autoindustrie fällt damit deutlich stärker aus als der industrielle Durchschnitt.
Die Zahlen von EY und Destatis sind allerdings nicht direkt miteinander vergleichbar. EY betrachtet die weltweiten Beschäftigtenzahlen der DAX-Unternehmen, Destatis dagegen Beschäftigte in deutschen Industriebetrieben. Beide Statistiken zeigen dennoch denselben strukturellen Druck auf die Autobranche.
Der hohe Gesamtgewinn der DAX-Konzerne bedeutet nicht, dass alle Unternehmen gleichermaßen profitieren. Von den in die Umsatzanalyse einbezogenen Unternehmen steigerten 31 ihren Umsatz. Beim operativen Gewinn lagen 29 Unternehmen über dem Vorjahreswert, elf verzeichneten Rückgänge.
Zu den besonders stark wachsenden Bereichen gehören Rüstung, Energieinfrastruktur sowie Unternehmen, die vom weltweiten Ausbau von Rechenzentren und künstlicher Intelligenz profitieren. Rheinmetall erhöhte seinen Umsatz im Jahresvergleich um rund 69 Prozent und seine Beschäftigtenzahl um 24 Prozent. Auch Airbus legte beim Umsatz deutlich zu.
Hinzu kommt die Finanzbranche. Banken und Versicherer im DAX erreichten zusammen ein operatives Ergebnis von 13,5 Milliarden Euro, zehn Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Auch Teile der Chemieindustrie erzielten höhere Ergebnisse.
Den größten operativen Quartalsgewinn meldete die Deutsche Telekom mit 6,9 Milliarden Euro. Dahinter folgten Allianz mit 4,9 Milliarden Euro, Volkswagen mit 3,5 Milliarden Euro und Siemens mit 3,4 Milliarden Euro.
Damit können hohe Gewinne einzelner großer Unternehmen oder Branchen die Schwäche anderer Bereiche in der DAX-Gesamtrechnung überdecken.
Bei der Beschäftigungszahl ist außerdem eine wichtige Abgrenzung nötig. Der Rückgang von 41.000 Stellen beschreibt die Veränderung der Mitarbeiterzahlen innerhalb eines Jahres. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass DAX-Unternehmen in diesem Zeitraum 41.000 Menschen gekündigt hätten.
Von 37 Unternehmen mit vergleichbaren Beschäftigtenangaben bauten laut EY sogar 21 ihre Mitarbeiterzahl aus. Bei 16 Unternehmen sank sie. Den stärksten prozentualen Zuwachs meldete Rheinmetall mit 24 Prozent, gefolgt von Scout24 mit 18 Prozent.
Der größte prozentuale Rückgang entfiel mit 21 Prozent auf Continental. Hier spielte allerdings eine Unternehmensabspaltung eine wesentliche Rolle. Bei BASF sank die ausgewiesene Beschäftigtenzahl um 14 Prozent. Auch dort beeinflussen Portfolioveränderungen und der Verkauf von Unternehmensteilen die Zahl der Konzernbeschäftigten.
Der Nettoverlust von 41.000 Beschäftigten konzentriert sich deshalb stark auf bestimmte Unternehmen und insbesondere auf die Automobilbranche.
Neben klassischen Sparprogrammen verändert die Digitalisierung die Personalplanung der Großkonzerne. Nach Einschätzung von EY wirkt sich insbesondere der zunehmende Einsatz künstlicher Intelligenz auf Verwaltungsfunktionen aus. Unternehmen gehen deshalb bei Neueinstellungen zurückhaltender vor.
Das bedeutet nicht, dass jeder weggefallene Arbeitsplatz unmittelbar durch künstliche Intelligenz ersetzt wurde. Personalabbau, nicht wiederbesetzte Stellen, natürliche Fluktuation, Automatisierung und organisatorische Veränderungen greifen ineinander.
Gleichzeitig investieren die Unternehmen weiter. Die 21 DAX-Konzerne mit entsprechenden Angaben erhöhten ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung im zweiten Quartal um 1,2 Prozent auf rund 16,8 Milliarden Euro. Kostensenkungen und Investitionen in neue Technologien laufen damit parallel.
Eine weitere Erklärung für die scheinbar widersprüchlichen Zahlen liegt in der Internationalität der DAX-Konzerne. Ein erheblicher Teil der Umsätze und Gewinne wird außerhalb Deutschlands erzielt. Auch neue Kapazitäten und damit zusätzliche Arbeitsplätze entstehen vielfach auf Auslandsmärkten.
Damit kann ein Konzern weltweit wachsen und gleichzeitig seine Beschäftigung an deutschen oder europäischen Standorten reduzieren. Dahinter stehen unterschiedliche Faktoren wie Produktionskosten, Kundennähe, regionale Nachfrage, Energiepreise, Investitionsbedingungen und die Organisation internationaler Lieferketten.
Bei BASF ist diese Verschiebung beispielsweise Teil der langfristigen Strategie. Das Unternehmen setzt stärker auf Wachstum in Asien und restrukturiert zugleich Teile seines europäischen Geschäfts. Volkswagen will sein Produktionsnetz ebenfalls stärker an die regionale Nachfrage anpassen und bestehende Überkapazitäten reduzieren.
Der Beschäftigungsabbau bei den DAX-Konzernen ist deshalb weniger ein Widerspruch zum Gewinnrekord als Ausdruck einer zunehmend gespaltenen Wirtschaftsentwicklung. Während Finanzunternehmen, Rüstung, Infrastruktur und Teile der Technologiebranche wachsen, stehen klassische Industriezweige unter erheblichem Anpassungsdruck. Hohe globale Konzerngewinne und schrumpfende Beschäftigung in einzelnen Branchen oder Regionen können dadurch gleichzeitig auftreten.






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