
Syrien gewährt der Internationalen Atomenergie Organisation IAEA umfassenderen Zugang zu Standorten und Nuklearmaterial aus der Zeit der früheren Regierung von Baschar al Assad. Bei einem Besuch von IAEA Generaldirektor Rafael Grossi am 17. und 18. August wurden der Standort Deir ez-Zor sowie ein zweiter Ort besucht, an dem Syrien zuvor nicht deklariertes Nuklearmaterial identifiziert hatte. Beide Seiten vereinbarten weitere Inspektionen und einen Zeitplan, um seit Jahren offene Fragen zu früheren syrischen Atomaktivitäten zu klären.
Damit gibt es beim Atommaterial in Syrien erstmals konkrete Fortschritte bei einem Fall, der die IAEA seit fast zwei Jahrzehnten beschäftigt. Die neue syrische Führung hat zugesagt, die internationalen Verpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag und dem dazugehörigen Sicherungsabkommen vollständig umzusetzen.
Ausgangspunkt der jüngsten Entwicklung ist eine syrische Erklärung vom 17. Juli 2026. Damaskus informierte die IAEA dabei über Nuklearmaterial an einem Standort, der der Behörde zuvor nicht gemeldet worden war. Nach Angaben der IAEA stellte die syrische Regierung anschließend Informationen bereit und ermöglichte Inspektoren den Zugang. Wo sich dieser zweite Standort genau befindet und um welche Art von Material es sich handelt, wurde zunächst nicht öffentlich mitgeteilt.
Die syrischen Behörden ermöglichten nach Angaben der IAEA bereits eine erste Überprüfung. Weitere Kontrollen sollen folgen, damit das Material vollständig erfasst und unter die Sicherungsmaßnahmen der Atomenergiebehörde gestellt werden kann. Außenminister Asaad al Schibani erklärte, das Material bleibe in syrischer Hand und solle den internationalen Kontrollmechanismen unterliegen. Die syrische Regierung bezeichnete es aufgrund technischer Bewertungen als ungefährlich. Eine entsprechende eigene Sicherheitsbewertung der IAEA wurde in der gemeinsamen Erklärung nicht veröffentlicht.
Grossi sprach bei seinem Auftritt in Damaskus von einigen Tonnen Nuklearmaterial, das vollständig erfasst und in das internationale Sicherungssystem aufgenommen werden solle. Genauere Angaben zur Zusammensetzung machte er zunächst nicht.
Der zweite Schwerpunkt der Inspektionen liegt in Deir ez-Zor im Osten Syriens. Dort zerstörte Israel im September 2007 eine Anlage. Die IAEA kam nach jahrelangen Untersuchungen zu der Einschätzung, dass es sich bei dem zerstörten Gebäude sehr wahrscheinlich um einen Kernreaktor gehandelt habe, der Syrien nach seinem Sicherungsabkommen hätte melden müssen.
Nach der damaligen Bewertung der IAEA entsprachen Form, Aufbau und Infrastruktur der Anlage einem gasgekühlten, graphitmoderierten Reaktortyp. Auch Wasserversorgung, elektrische Infrastruktur sowie Spuren von künstlich verarbeitetem Natururan unterstützten nach Einschätzung der Behörde die Annahme eines nuklearen Zusammenhangs. Syrien hatte unter Assad dagegen erklärt, die Anlage habe militärischen, aber keinen nuklearen Zweck gehabt.
Die IAEA stellte 2011 fest, dass der Reaktor sehr wahrscheinlich hätte deklariert werden müssen. Der Gouverneursrat erklärte Syrien anschließend wegen der fehlenden Meldung und unzureichenden Zusammenarbeit für nicht konform mit seinen Verpflichtungen aus dem Sicherungsabkommen.
Die Behörde hat jedoch nie festgestellt, dass Syrien über ein fertiges Atomwaffenarsenal verfügte. Auch heute ist kein einsatzfähiger syrischer Bestand an Nuklearmaterial für ein Atomwaffenprogramm bekannt. Deshalb ist die Bezeichnung eines erwiesenen syrischen Atomwaffenprogramms nicht von den bisherigen IAEA Feststellungen gedeckt.
Bei seinem aktuellen Besuch ließ sich Grossi in Deir ez-Zor über laufende Ausgrabungen informieren. Nach der gemeinsamen Erklärung konnte er Merkmale des Geländes begutachten, die für die Bewertung früherer Nuklearaktivitäten relevant sind. Syrien und die IAEA haben vereinbart, die Arbeiten nach einem festgelegten Zeitplan fortzusetzen.
Bereits vor dem Machtwechsel hatte die IAEA ihre Untersuchungen wieder verstärkt. 2024 wurden an drei Orten Proben genommen, die nach damaligen Angaben funktional mit Deir ez-Zor verbunden sein könnten. Bei einem dieser Standorte wurden später Uranpartikel festgestellt. Welche Bedeutung diese Spuren für die früheren Aktivitäten haben, sollte durch weitere Untersuchungen geklärt werden.
Die nun vereinbarten Arbeiten gehen darüber hinaus. Nach Abschluss der Inspektionen und Verifikationen will Grossi dem Gouverneursrat der IAEA Bericht erstatten. Ziel ist es, die seit 2011 offenen Fragen möglichst vollständig abzuschließen.
Politisch ist die Vereinbarung Teil eines deutlich veränderten Umgangs der syrischen Führung mit internationalen Kontrollorganisationen. Präsident Ahmed al Scharaa hatte Grossi bereits im Juni 2025 zugesagt, bei der Aufarbeitung früherer Nuklearaktivitäten umfassend und transparent mit der IAEA zusammenzuarbeiten. Im Juni 2026 erklärte Grossi vor dem Gouverneursrat, die syrischen Behörden setzten diese Zusammenarbeit fort.
Damaskus stellt die Kooperation als Teil des politischen Neuanfangs seit dem Ende der Assad Herrschaft im Dezember 2024 dar. In der gemeinsamen Erklärung bezeichnete die syrische Regierung die Klärung der offenen Nuklearfragen ausdrücklich als Bestandteil eines breiteren staatlichen Erneuerungsprozesses.
Gleichzeitig schließt die neue Führung eine zivile Nutzung der Kerntechnik nicht aus. Syrien und die IAEA wollen ihre Zusammenarbeit bei friedlichen Anwendungen nuklearer Wissenschaft und Technologie ausbauen. Dazu können grundsätzlich Bereiche wie Medizin, Forschung oder Energie gehören. Konkrete Projekte wurden in der Vereinbarung vom 18. August jedoch nicht angekündigt.
Für die IAEA steht zunächst die Kontrolle des vorhandenen Materials und die Aufarbeitung der Vergangenheit im Vordergrund. Erst wenn die vereinbarten Inspektionen abgeschlossen und die Ergebnisse ausgewertet sind, kann der Gouverneursrat über den jahrzehntealten syrischen Sicherungsfall erneut beraten.
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