
Die Zahl der Großinsolvenzen in Deutschland bleibt hoch. Im zweiten Quartal 2026 stellten 105 Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als zehn Millionen Euro einen Insolvenzantrag. Das zeigt die aktuelle Auswertung der Restrukturierungsberatung Falkensteg. Besonders betroffen waren Industrieunternehmen aus den Bereichen Metallwaren, Automobilzulieferung und Maschinenbau. Zugleich zeigen weitere Daten, dass das Insolvenzgeschehen auch über große Unternehmen hinaus weiterhin deutlich über dem Niveau der Jahre vor der Corona-Pandemie liegt.
Falkensteg erfasste für die Monate April bis Juni insgesamt 105 Insolvenzanträge von Unternehmen mit mehr als zehn Millionen Euro Jahresumsatz. Das zweite Quartal lag nach der aktuellen Auswertung rund 40 Prozent über dem dort ausgewiesenen Fünfjahresdurchschnitt von 75 Verfahren.
Knapp die Hälfte der Fälle entfiel auf Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen zehn und 19 Millionen Euro. In dieser Größenklasse wurden 50 Insolvenzanträge gezählt. Auffällig ist zugleich die Zahl deutlich größerer Unternehmen. Zwölf Fälle betrafen Firmen mit einem Jahresumsatz zwischen 50 und 99 Millionen Euro. Weitere zwölf Unternehmen kamen auf mehr als 100 Millionen Euro Umsatz.
Damit beschränkt sich das Insolvenzgeschehen nicht auf kleinere Unternehmen des Mittelstands. Auch Firmen mit erheblichen Umsätzen geraten weiterhin in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die Zahl allein lässt allerdings keine Aussage darüber zu, wie viele Arbeitsplätze oder welche Forderungssummen mit den einzelnen Verfahren verbunden sind. Ein Unternehmen mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz kann wirtschaftlich erheblich größere Auswirkungen haben als mehrere kleinere Fälle zusammen.
Unter den erfassten Großinsolvenzen waren Unternehmen aus industrienahen Bereichen besonders stark vertreten. Falkensteg zählte 14 Verfahren bei Metallwarenherstellern, zwölf bei Automobilzulieferern und elf im Maschinenbau. Im Einzelhandel wurden elf Fälle registriert, in der Logistik zehn und in der Elektrotechnik neun. Beim Bau von Immobilien waren es acht Verfahren.
Die Zahlen treffen auf eine weiterhin uneinheitliche Entwicklung der deutschen Industrie. Die Produktion im Produzierenden Gewerbe stieg im Juni 2026 zwar real um 0,2 Prozent gegenüber dem Vormonat. Die Industrieproduktion ohne Energie und Bau blieb jedoch unverändert. Gegenüber Juni 2025 lag sie kalenderbereinigt 0,8 Prozent niedriger. Im Maschinenbau ging die Produktion im Monatsvergleich um 3,9 Prozent zurück.
Auch bei den Auftragseingängen zeigt sich kein einheitliches Bild. Im Juni lagen die Bestellungen im Verarbeitenden Gewerbe real 3,1 Prozent über dem Vormonat. Ohne Großaufträge ergab sich dagegen ein Rückgang um 0,5 Prozent. Einzelne umfangreiche Bestellungen können die monatlichen Konjunkturdaten daher erheblich beeinflussen.
Die Entwicklung bei großen Unternehmen fügt sich in ein insgesamt hohes Insolvenzgeschehen ein. Die deutschen Amtsgerichte registrierten von Januar bis Mai 2026 insgesamt 10.546 beantragte Unternehmensinsolvenzen. Das waren 4,9 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Im Mai allein lag die Zahl bei 1.995 Fällen und damit 2,0 Prozent unter dem Wert vom Mai 2025.
Die amtliche Statistik bildet die Insolvenzentwicklung mit zeitlicher Verzögerung ab. Ein Antrag wird dort erst berücksichtigt, nachdem das Insolvenzgericht eine erste Entscheidung getroffen hat. Zwischen dem eigentlichen Insolvenzantrag und seiner Erfassung in der Statistik können nach Angaben des Statistischen Bundesamtes annähernd drei Monate liegen.
Aktuellere Hinweise liefert deshalb auch der Insolvenztrend des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Das Institut registrierte im zweiten Quartal 2026 bei Personen- und Kapitalgesellschaften so viele Insolvenzen wie seit 21 Jahren nicht mehr. Im Juni wurden 1.702 Fälle gezählt. Das waren 20 Prozent mehr als ein Jahr zuvor und 80 Prozent mehr als in einem durchschnittlichen Juni der Jahre 2016 bis 2019.
Im Juli blieb das Niveau hoch. Das IWH erfasste 1.689 Insolvenzen, ein Prozent weniger als im Juni, aber sieben Prozent mehr als im Juli 2025. Gegenüber einem durchschnittlichen Juli der Jahre 2016 bis 2019 lag die Zahl 75 Prozent höher. Damit gibt es bislang keine deutliche Rückkehr zu den Insolvenzständen der Jahre vor der Pandemie.
Bei den Großinsolvenzen zeigt sich zugleich eine günstigere Entwicklung bei bereits abgeschlossenen Verfahren. Von 70 im zweiten Quartal ausgewerteten Verfahrensausgängen führten 45 zu einer Fortführung des Geschäftsbetriebs oder wesentlicher Unternehmensteile. Die entsprechende Quote lag bei 64 Prozent.
In 37 Fällen wurde die Fortführung über einen sogenannten Asset Deal erreicht. Dabei übernimmt ein Käufer Vermögenswerte oder operative Teile eines insolventen Unternehmens. Acht weitere Verfahren wurden über einen Insolvenzplan fortgeführt. Dem standen zehn Fälle mit Masseunzulänglichkeit und 15 Betriebseinstellungen gegenüber.
Bei den neu beantragten Verfahren dominierte die klassische Regelinsolvenz. 81 der 105 Fälle entfielen darauf. In 21 Fällen wurde eine Eigenverwaltung beantragt, drei Unternehmen nutzten ein Schutzschirmverfahren. Eigenverwaltung und Schutzschirm sollen grundsätzlich ermöglichen, eine Sanierung unter gerichtlicher Aufsicht stärker aus dem Unternehmen heraus zu organisieren.
Die hohen Insolvenzzahlen stehen inzwischen einer etwas besseren gesamtwirtschaftlichen Entwicklung gegenüber. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt stieg im zweiten Quartal 2026 preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,3 Prozent gegenüber den ersten drei Monaten des Jahres. Gegenüber dem zweiten Quartal 2025 lag die Wirtschaftsleistung real 1,0 Prozent höher.
Deutschland wuchs damit allerdings langsamer als die Europäische Union insgesamt. Dort legte die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 0,5 Prozent zu. Spanien erreichte ein Plus von 0,7 Prozent, Frankreich und Italien jeweils 0,2 Prozent. In den USA lag das Wachstum bei 0,4 Prozent.
Eine Verbesserung der laufenden Konjunktur führt nicht automatisch zu einem schnellen Rückgang der Insolvenzen. Finanzielle Belastungen können sich über längere Zeit in Unternehmensbilanzen aufbauen. Entscheidend sind unter anderem Liquidität, Finanzierungsmöglichkeiten, Kostenentwicklung und die tatsächliche Nachfrage im jeweiligen Geschäftsfeld. Die aktuellen Daten zeigen deshalb zwei Entwicklungen gleichzeitig: Die deutsche Wirtschaft wächst wieder, während die Zahl der Unternehmensinsolvenzen vorerst auf einem hohen Niveau bleibt.
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