
Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge hat eine mögliche Bundesregierung aus Grünen, SPD und Linken ins Gespräch gebracht. Die Vorsitzende der Linken, Ines Schwerdtner, reagierte darauf allerdings mit deutlicher Kritik. Stein des Anstoßes ist weniger die Idee eines linken Dreierbündnisses selbst als Dröges gleichzeitige Offenheit für eine Zusammenarbeit mit CDU und CSU. Damit beginnt mehr als zwei Jahre vor der regulär anstehenden Bundestagswahl eine Debatte über neue Koalitionsoptionen im Bund.
Dröge warb in einem Interview mit der Zeit für Grün-Rot-Rot im Bund. Zwischen Grünen, SPD und Linken gebe es ihrer Einschätzung nach erhebliche Schnittmengen bei sozialen Fragen und möglicherweise auch beim Klimaschutz. Als konkrete Themen nannte sie unter anderem eine stärkere Besteuerung sehr hoher Vermögen, Maßnahmen für bezahlbares Wohnen und den Kampf gegen Kinderarmut.
Die Grünen-Politikerin verbindet die Koalitionsfrage damit mit einer grundsätzlichen These über die politische Stimmung in Deutschland. Nach ihrer Auffassung gibt es für mehrere sozialpolitische Forderungen Mehrheiten in der Bevölkerung. Eine Zusammenarbeit von Grünen, SPD und Linken könnte daraus ein gemeinsames Regierungsprojekt entwickeln.
Dröge beschränkt ihre Überlegungen allerdings ausdrücklich nicht auf das linke Lager. Auch ein Bündnis der Grünen mit CDU und CSU hält sie grundsätzlich für möglich. Sowohl Schwarz-Grün als auch Grün-Rot-Rot könnten ihrer Darstellung zufolge für einen politischen Neuanfang stehen. Die derzeitige Koalition aus Union und SPD kritisierte sie dagegen scharf.
Gerade diese gleichzeitige Offenheit stößt bei Linken-Chefin Ines Schwerdtner auf Widerstand. Ihre Partei stehe nicht als Mehrheitsbeschafferin für politische Machtspiele zur Verfügung, erklärte Schwerdtner am Sonntag. Zugleich kritisierte sie, dass Dröge sowohl ein Bündnis mit der Linken als auch eine Regierung mit CDU und CSU als denkbare Perspektive beschreibt.
Schwerdtner formulierte ihre Ablehnung deutlich. Wer eine Zusammenarbeit mit Union und Linken gleichermaßen als politische Aufbruchsperspektive betrachte, lasse aus ihrer Sicht eine klare politische Richtung vermissen. Die Linke wolle stattdessen konkrete Veränderungen für die Mehrheit der Bevölkerung erreichen.
Die Reaktion ist damit keine grundsätzliche Erklärung, dass die Linke unter keinen Umständen mit Grünen und SPD regieren würde. Schwerdtner richtet ihre Kritik insbesondere gegen eine Strategie, bei der die Grünen nach mehreren Seiten koalitionsfähig bleiben wollen.
Im derzeitigen Bundestag hätte ein Bündnis aus SPD, Grünen und Linken keine Mehrheit. Die SPD verfügt aktuell über 120 Sitze, die Grünen über 85 und die Linke über 64. Zusammen kommen die drei Fraktionen damit auf 269 der insgesamt 630 Sitze. Für eine parlamentarische Mehrheit wären mindestens 316 Mandate erforderlich.
Dröges Überlegungen beziehen sich deshalb auf eine mögliche künftige politische Konstellation und nicht auf einen kurzfristigen Regierungswechsel mit den derzeitigen Kräfteverhältnissen.
Bei der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 erreichte die SPD 16,4 Prozent der Zweitstimmen. Die Grünen kamen auf 11,6 Prozent und die Linke auf 8,8 Prozent. Zusammen entsprach das 36,8 Prozent. CDU und CSU erreichten zusammen 28,6 Prozent, die AfD kam auf 20,8 Prozent.
In aktuellen Umfragen liegen die Grünen nach den am Sonntag verbreiteten Angaben teilweise zwischen 14 und 16 Prozent. SPD und Linke folgen demnach mit relativ geringem Abstand. Daraus ergibt sich rechnerisch eine andere Ausgangslage als bei der Bundestagswahl 2025, ohne dass derzeit eine gesicherte Mehrheit für ein Dreierbündnis besteht.
Deutschland wird derzeit von einer Koalition aus CDU, CSU und SPD unter Bundeskanzler Friedrich Merz geführt. Der Koalitionsvertrag wurde im Frühjahr 2025 geschlossen. Die Bundesregierung setzt nach eigenen Angaben unter anderem auf wirtschaftliches Wachstum, stabile Finanzen, innere Sicherheit und eine Reform der sozialen Sicherungssysteme.
Dröge stellt sich mit ihrem Vorstoß damit auch gegen eine dauerhafte Fortsetzung dieser politischen Konstellation. Zugleich hält sie den Grünen zwei strategische Richtungen offen: eine Regierung mit der Union oder ein Bündnis links der Union.
Die nächste reguläre Bundestagswahl ist für Anfang 2029 vorgesehen. Nach Angaben der Bundeswahlleiterin muss sie zwischen dem 26. Januar und dem 25. März 2029 stattfinden, sofern die laufende Wahlperiode nicht vorzeitig endet.
Zusätzliche Aktualität erhält die Debatte durch die Regierungsbildung in Berlin. Dort führen Linke, Grüne und SPD nach der Abgeordnetenhauswahl Gespräche über eine mögliche gemeinsame Landesregierung. Die Linke war bei der Wahl vom 20. September stärkste Kraft geworden. Zugleich gibt es zwischen den potenziellen Partnern erhebliche Konflikte, unter anderem beim Umgang mit Antisemitismus.
Dröge hatte erst wenige Tage vor ihrem bundespolitischen Vorstoß erklärt, die Voraussetzungen für reguläre Sondierungsgespräche in Berlin seien aus ihrer Sicht noch nicht vollständig erfüllt. Sie verlangte insbesondere von der dortigen Linken ein konsequentes Vorgehen gegen Antisemitismus.
Damit zeigt sich zugleich die politische Schwierigkeit hinter der neuen Koalitionsdebatte: Gemeinsamkeiten bei Sozialpolitik, Mieten oder Klimaschutz bedeuten noch keine Einigkeit über Außenpolitik, Sicherheitsfragen oder andere Konfliktfelder. Dröges Vorstoß eröffnet den Grünen dennoch ausdrücklich eine weitere Machtoption für die Zeit nach der nächsten Bundestagswahl. Schwerdtners Reaktion macht deutlich, dass der Weg zu einem solchen Bündnis schon bei der strategischen Grundausrichtung umstritten wäre.
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