
Kanada und die EU wollen ihre Beziehungen auf eine neue Stufe heben. Nachdem EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Mitte September sogar die Möglichkeit ins Spiel gebracht hatte, Kanada zum ersten „assoziierten Mitglied“ der Europäischen Union zu machen, wird über die Reichweite einer solchen Partnerschaft diskutiert. Fest steht bislang: Eine reguläre EU-Mitgliedschaft Kanadas ist nicht geplant. Ebenso gibt es derzeit keinen in den EU-Verträgen definierten Status eines „assoziierten Mitglieds“. Konkrete Verhandlungen sollen vielmehr klären, wie Handel, Verteidigung, Technologie, Energie und Mobilität enger miteinander verbunden werden können.
Den politischen Anstoß gab Ursula von der Leyen am 16. September bei ihrer Rede zur Lage der Europäischen Union in Straßburg. In Anwesenheit des kanadischen Premierministers Mark Carney erklärte sie, die Beziehungen mit Kanada auf das höchstmögliche Niveau heben zu wollen. Dabei brachte sie ausdrücklich die Idee auf, Kanada könne das erste assoziierte Mitglied der EU werden.
Von der Leyen verband den Vorschlag mit einer breiteren „Allianz für die Zukunft“. Geplant seien unter anderem eine stärkere Zusammenarbeit bei moderner Industrie, Technologie, Verteidigung, Energie, kritischen Rohstoffen, Batterien, künstlicher Intelligenz, Quantencomputing, Cybersicherheit und wirtschaftlicher Sicherheit. Einen konkreten rechtlichen Rahmen für die von ihr genannte Assoziierung legte sie jedoch nicht vor.
Kanadas Regierung hat grundsätzlich Interesse an einer deutlich engeren Verbindung mit Europa. Carney hatte jedoch bereits vor von der Leyens Rede klargestellt, dass Kanada keine reguläre Mitgliedschaft in der Europäischen Union anstrebt. Sein Ziel sei vielmehr eine besondere Allianz zwischen beiden Seiten.
Bei seiner Rede vor dem Europäischen Parlament am 17. September begrüßte Carney die Ambition, die Beziehungen weiter auszubauen. Konkret nannte er unter anderem eine engere Zusammenarbeit bei kritischen Rohstoffen, Verteidigungsindustrie, künstlicher Intelligenz, Energie, Raumfahrt und Zahlungssystemen. Auch einen weitgehend reibungslosen digitalen Handel mit nicht landwirtschaftlichen Waren und zahlreichen Dienstleistungen stellte er als Ziel heraus. Hinzu kommen Überlegungen zu engeren Finanzmärkten sowie mehr Möglichkeiten für junge Menschen, auf beiden Seiten des Atlantiks zu leben, zu arbeiten und zu studieren.
Der Begriff „assoziiertes Mitglied“ klingt konkreter, als der rechtliche Stand derzeit ist. Die EU-Verträge kennen keine entsprechende Mitgliedschaftskategorie zwischen einem gewöhnlichen Drittstaat und einem vollständigen Mitglied der Europäischen Union.
Artikel 49 des Vertrags über die Europäische Union sieht eine reguläre Mitgliedschaft grundsätzlich für europäische Staaten vor. Kanada fällt nicht unter dieses klassische Beitrittsmodell. Eine normale EU-Mitgliedschaft ist zudem politisch von der kanadischen Regierung ausgeschlossen worden.
Davon zu unterscheiden sind Assoziierungsabkommen. Artikel 217 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union erlaubt der EU, mit Drittstaaten Abkommen über eine Assoziierung mit gegenseitigen Rechten und Pflichten, gemeinsamen Maßnahmen und besonderen Verfahren zu schließen. Ein solches Abkommen wäre jedoch nicht automatisch mit einer „assoziierten Mitgliedschaft“ gleichzusetzen. Welche rechtliche Konstruktion Brüssel und Ottawa tatsächlich wählen könnten, ist bislang offen.
Die Annäherung beginnt nicht bei null. Kanada und die EU verfügen seit Jahren über ein dichtes Netz von Vereinbarungen. Das Freihandelsabkommen CETA wird seit September 2017 vorläufig angewendet. Es hat zahlreiche Zölle und andere Handelshemmnisse zwischen beiden Wirtschaftsräumen reduziert. Vollständig in Kraft treten kann das gemischte Abkommen allerdings erst nach Abschluss der erforderlichen Ratifizierungen. Auf der offiziellen Vertragsübersicht des EU-Rates fehlen weiterhin entsprechende Notifikationen mehrerer Mitgliedstaaten.
Hinzu kommt eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft, die beim EU-Kanada-Gipfel im Juni 2025 unterzeichnet wurde. Sie umfasst unter anderem Verteidigungsindustrie, Cybersicherheit, maritime Sicherheit, militärische Mobilität, Weltraumsicherheit sowie die Abwehr hybrider Bedrohungen.
Besonders weit fortgeschritten ist die Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich. Kanada ist seit 2026 das erste außereuropäische Land, das am EU-Instrument SAFE beteiligt ist. Das Programm soll gemeinsame Beschaffung und den Ausbau der europäischen Verteidigungsindustrie unterstützen. Das entsprechende Abkommen mit Kanada wurde im Februar 2026 unterzeichnet und im Juni vom Rat formal abgeschlossen.
Damit erhalten kanadische Unternehmen unter bestimmten Voraussetzungen Zugang zu Beschaffungsvorhaben im Rahmen des Programms. Die Beteiligung zeigt, dass eine stärkere institutionelle Verbindung zwischen der EU und einem außereuropäischen Partner auch ohne EU-Mitgliedschaft möglich ist. Sie liefert allerdings kein fertiges Modell für den von von der Leyen vorgeschlagenen neuen Status.
Weitere Bausteine entstehen bereits auf sektoraler Ebene. Kanada und die EU arbeiten seit 2021 strategisch bei kritischen Rohstoffen zusammen. Dabei geht es unter anderem um sichere Lieferketten, Investitionen, Forschung und Verarbeitung. Gerade Rohstoffe für Batterien, Halbleiter, saubere Technologien und Verteidigung spielen in den neuen Plänen eine zentrale Rolle.
Auch die digitale Zusammenarbeit wird ausgebaut. Am 1. Oktober führten Kanada und die Europäische Kommission einen weiteren Digitaldialog. Themen waren künstliche Intelligenz, Hochleistungsrechnen, sichere Datenverbindungen über die Arktis, digitale Identitäten sowie der Schutz Minderjähriger im Internet. Die Gespräche knüpfen ausdrücklich an die von von der Leyen angekündigte Vertiefung der Beziehungen an.
Carney brachte zudem eine kanadische Teilnahme an Erasmus+ und an der nächsten Generation des EU-Forschungsprogramms Horizon ins Gespräch. Dabei handelt es sich bislang um politische Zielvorstellungen und nicht um bereits beschlossene Mitgliedschaften in diesen Programmen.
Fachleute beschäftigen sich inzwischen mit möglichen Modellen für die neue Partnerschaft. Dabei reichen die Vorstellungen von einer Erweiterung bestehender Abkommen bis hin zu einem neuartigen institutionellen Status mit Zugang zu einzelnen Bereichen des europäischen Binnenmarktes. Solche Szenarien sind bislang jedoch Expertenmodelle und keine beschlossenen Pläne der EU.
Wissenschaftler weisen insbesondere darauf hin, dass eine echte „assoziierte Mitgliedschaft“ erst rechtlich definiert werden müsste. Sollte dafür eine Änderung der EU-Verträge notwendig werden, wären umfangreiche politische Verfahren und die Zustimmung der Mitgliedstaaten erforderlich. Denkbar wären zugleich weniger weitreichende Lösungen auf Grundlage bestehender Vertragsinstrumente. Welche Variante verfolgt wird, haben Kanada und EU bislang nicht festgelegt.
Mehr Klarheit könnte der nächste EU-Kanada-Gipfel bringen. Das Treffen ist für den 29. und 30. Oktober 2026 in Montreal angesetzt. Der Europäische Rat führt den Termin bereits offiziell, eine detaillierte Agenda soll erst näher am Gipfel veröffentlicht werden.
Bis dahin bezeichnet die angekündigte Assoziierung vor allem die politische Absicht, Kanada und EU institutionell enger miteinander zu verbinden. Beschlossen sind zahlreiche einzelne Kooperationen, von CETA über Verteidigung bis zur Digitalpolitik. Ein neuer Mitgliedschaftsstatus existiert dagegen noch nicht. Ebenso wenig läuft ein klassisches EU-Beitrittsverfahren. Entscheidend wird sein, ob Ottawa, die EU-Kommission und die 27 Mitgliedstaaten aus der politischen Initiative einen konkreten rechtlichen Rahmen entwickeln können.
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