
Die großen westlichen Industriestaaten wollen erneut strategische Ölreserven einsetzen, um den angespannten Energiemarkt zu entlasten. Die G7 haben eine koordinierte Freigabe von 100 Millionen Barrel Diesel und Rohöl beschlossen. Die Maßnahme soll über vier Monate laufen. Besonders viel Diesel soll bereits innerhalb der ersten 20 Tage verfügbar gemacht werden. Noch offen ist allerdings, welche Länder welche Mengen bereitstellen und wie sich die 100 Millionen Barrel auf Rohöl und fertige Kraftstoffe verteilen.
Am Dienstag, 6. Oktober, wurde bekannt, dass diese Einzelheiten voraussichtlich bei Beratungen des Verwaltungsrats der Internationalen Energieagentur am 14. und 15. Oktober festgelegt werden sollen. Zwei mit den Beratungen vertraute Personen nannten diese Termine. Eine entsprechende Detailentscheidung hatte die IEA bis Dienstagnachmittag noch nicht veröffentlicht. Für Mittwoch ist zudem ein Treffen der Öl-Koordinierungsgruppe der Europäischen Union vorgesehen.
Die G7-Staaten hatten sich am 2. Oktober auf die zusätzliche koordinierte Maßnahme verständigt. Nach ihrer gemeinsamen Erklärung soll die Bereitstellung sofort beginnen und sich über vier Monate erstrecken. In den ersten 20 Tagen soll ein erheblicher Teil aus Diesel bestehen. Zugleich verpflichteten sich die G7, untereinander keine neuen Exportbeschränkungen für Energieprodukte einzuführen.
Allerdings ist noch nicht vollständig geklärt, wie viele zusätzliche Barrel dadurch tatsächlich gegenüber bereits bestehenden Zusagen auf den Markt gelangen. Die G7 erklären ausdrücklich, dass bei den 100 Millionen Barrel bereits erfüllte Verpflichtungen berücksichtigt werden. Eine Aufschlüsselung nach Staaten, Rohöl und Mineralölprodukten wurde zunächst nicht veröffentlicht.
Das sorgt auch am Markt für Unsicherheit über die tatsächliche zusätzliche Angebotsmenge. Italien soll sich nach Angaben einer mit dem Vorgang vertrauten Person an der Freigabe beteiligen. Für Deutschland, Frankreich und andere beteiligte Staaten waren am Dienstagnachmittag noch keine abschließenden Einzelmengen offiziell genannt.
Die jetzige Entscheidung folgt auf eine deutlich größere Notfallaktion aus dem Frühjahr. Die 32 Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur hatten am 11. März beschlossen, insgesamt 400 Millionen Barrel aus strategischen und vorgeschriebenen Reserven verfügbar zu machen. Es war die größte koordinierte Freigabe seit Gründung der IEA.
Bis Anfang Oktober waren davon nach Angaben von IEA-Direktor Fatih Birol rund 325 Millionen Barrel tatsächlich freigegeben worden. Das entspricht mehr als 80 Prozent der im März vereinbarten Menge. Vor allem bei Rohöl hat sich die Versorgungslage zuletzt verbessert. Deutlich angespannter bleibt dagegen der Markt für verarbeitete Produkte wie Diesel.
Genau dort setzt die jüngste G7-Maßnahme an. Die IEA verwies darauf, dass die Ausfuhren von Rohöl aus dem Nahen Osten wieder deutlich zugenommen hätten, während die Lieferungen raffinierter Produkte weiterhin stark eingeschränkt seien. Dadurch können Rohölpreise fallen, ohne dass Diesel und andere Kraftstoffe im gleichen Umfang billiger werden.
Parallel läuft in den USA eine weitere konkrete Maßnahme. Das Energieministerium bietet Unternehmen einen Tausch von bis zu 40 Millionen Barrel Rohöl aus der Strategic Petroleum Reserve an. Die Frist für Angebote endet am Dienstag, 6. Oktober, um 11 Uhr Central Time, entsprechend 18 Uhr deutscher Zeit. Das Öl soll aus den Lagerstätten Big Hill und Bryan Mound stammen. Die Auslieferung ist für November und Dezember vorgesehen.
Es handelt sich dabei nicht um einen klassischen endgültigen Verkauf. Unternehmen erhalten Rohöl aus der staatlichen Reserve und müssen die geliehene Menge später einschließlich zusätzlicher Barrel zurückgeben. Das US-Energieministerium verbindet die kurzfristige Marktversorgung damit mit dem Ziel, den Bestand der Reserve später wieder zu erhöhen.
Die amerikanische Reserve ist durch die umfangreichen Freigaben der vergangenen Monate stark gesunken. Anfang Oktober lagen dort nach Daten des US-Energieministeriums rund 283 Millionen Barrel. Das war der niedrigste Stand seit Oktober 1982.
Wie unterschiedlich die 100 Millionen Barrel innerhalb der G7 behandelt werden, zeigt Japan. Regierungssprecher Minoru Kihara erklärte am 5. Oktober, dass derzeit keine weitere separate Freigabe von Rohöl aus den nationalen Reserven geplant sei. Japan habe bereits erhebliche Mengen bereitgestellt. Im Rahmen der großen IEA-Aktion vom März hatte das Land rund 80 Millionen Barrel angekündigt.
Damit wird deutlich, warum die genaue Ausgestaltung der neuen Vereinbarung entscheidend ist. Die angekündigten 100 Millionen Barrel bedeuten nicht automatisch, dass sämtliche G7-Staaten zusätzlich zu ihren bisherigen Maßnahmen noch einmal große neue Mengen aus ihren Lagern entnehmen.
Die Aussicht auf zusätzliche Mengen aus den strategischen Reserven hat zusammen mit höheren Exporten aus dem Nahen Osten bereits für Entspannung am Rohölmarkt gesorgt. Am Montag fiel Brent-Rohöl um knapp zwei Prozent auf 100,32 Dollar je Barrel. US-Rohöl der Sorte WTI verbilligte sich auf 89,43 Dollar.
Am Dienstag setzte sich der Rückgang fort. Brent lag zeitweise bei rund 98,62 Dollar je Barrel, WTI bei etwa 87,60 Dollar. Neben der geplanten Freigabe strategischer Ölreserven spielte dabei eine wichtige Rolle, dass die Ölausfuhren mehrerer Golfstaaten im September wieder deutlich gestiegen waren.
Die Entspannung hat jedoch Grenzen. Transportkosten, Versicherungsprämien und fehlende Raffineriekapazitäten bleiben hoch. Vor allem Diesel ist international deutlich knapper als Rohöl. Damit entscheidet nicht allein der Preis eines Barrels Brent darüber, wie schnell Kraftstoff für Verbraucher günstiger wird.
Für Autofahrer können niedrigere Rohölpreise grundsätzlich entlastend wirken. Der Effekt kommt an Tankstellen aber weder sofort noch vollständig an. Bei Benzin und besonders bei Diesel spielen zusätzlich Raffineriekapazitäten, Transportkosten, Lagerbestände, Steuern, Wechselkurse und die Versorgung mit fertigen Mineralölprodukten eine Rolle.
Die Bedeutung der Energiepreise für Deutschland ist zuletzt deutlich gestiegen. Nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes lagen die Energiepreise im September 2026 um 14,9 Prozent über dem Vorjahresmonat. Die Verbraucherpreise insgesamt erhöhten sich voraussichtlich um 3,3 Prozent.
Die jüngste Freigabe kann den internationalen Preisauftrieb deshalb dämpfen, garantiert aber keinen entsprechenden Preisrückgang an deutschen Tankstellen. Besonders beim Diesel hängt viel davon ab, wie schnell tatsächlich fertiger Kraftstoff aus den Reserven verfügbar wird und wie groß der Dieselanteil der 100 Millionen Barrel ausfällt.
Der nächste wichtige Schritt ist die konkrete Umsetzung. Die G7 verlangen eine schnelle Freigabe, nennen bislang aber keine verbindliche Tabelle mit Beiträgen der einzelnen Länder. Der Verwaltungsrat der IEA soll nach den derzeit bekannten Planungen Mitte Oktober über Einzelheiten beraten. Die G7 verlangen zudem innerhalb von 20 Tagen einen Bericht über die Wirkung und mögliche weitere Maßnahmen.
Damit steht fest, dass strategische Ölreserven erneut ein zentraler Bestandteil der internationalen Reaktion auf die angespannte Versorgungslage sind. Wie stark die Maßnahme die Kraftstoffpreise tatsächlich senken kann, hängt nun vor allem davon ab, wie viel Diesel kurzfristig verfügbar wird, welche Mengen zusätzlich zu bereits beschlossenen Freigaben kommen und ob sich die Lieferströme aus dem Nahen Osten weiter stabilisieren.
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