
Münster. Eigentlich sollte am Sonntagabend das Tanzstück „Die Schwäne“ im Theater Münster aufgeführt werden. Doch bevor die Vorstellung beginnen konnte, betraten Beschäftigte in Warnwesten die Bühne und protestierten gegen drohende Arbeitsplatzverluste. Hintergrund ist der bevorstehende Intendantenwechsel im Jahr 2027. Die Zahlen sind brisant: Nach Angaben der Bühnengewerkschaft GDBA könnten 92 Prozent des Tanzensembles und sämtliche Mitglieder des Jungen Theaters ihre Stellen verlieren. Auch im Musiktheater und Schauspiel stehen zahlreiche Beschäftigte vor einer ungewissen Zukunft. In einer gemeinsamen Rede schilderten die Betroffenen, welche persönlichen Konsequenzen die geplanten Personalveränderungen für sie und ihre Familien haben könnten.
Der Streik am Theater Münster fand unmittelbar vor der letzten Aufführung des Tanzstücks „Die Schwäne“ statt, die für 18 Uhr im Großen Haus angesetzt war. Das gesamte Tanzensemble trat gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern aus Schauspiel, Oper und weiteren Bereichen des Hauses auf die Bühne. Während einer gemeinsamen Ansprache legten die Beschäftigten symbolisch ihre Arbeit nieder. Durch den Protest verzögerte sich der Beginn der Vorstellung.
Die Rede hielten Nadja Simchen, Tänzerin und Sprecherin des Tanzensembles, sowie Schauspieler Christian Bo Salle, der zugleich Gewerkschaftsvertreter der GDBA ist. Beide betonten, dass sich der Protest nicht gegen das Publikum, das Theater Münster oder die Stadt richte. Vielmehr wollten sie auf die bundesweit geltenden tariflichen Regelungen aufmerksam machen, die bei einem Wechsel der Theaterleitung umfangreiche Nichtverlängerungen ermöglichen. Ihre zentrale Forderung formulierten die Beschäftigten deutlich: „Wir brauchen dringend eine Reform unseres Tarifvertrages“, erklärten sie und verlangten einen besseren Schutz vor willkürlichen Entlassungen sowie faire Arbeitsbedingungen.
Besonders deutlich wird das Ausmaß der befürchteten Veränderungen beim Blick auf die einzelnen Ensembles. Nach Angaben des Münsteraner Lokalverbands der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) droht im Musiktheater vier von sechs Sängerinnen und Sängern die Nichtverlängerung ihrer Verträge. Das entspricht rund 67 Prozent. Im Schauspiel stehen demnach sieben von 15 Ensemblemitgliedern vor einer ungewissen Zukunft. In der Rede bezifferten die Beschäftigten den Anteil unter den nichtverlängerbaren Schauspielern im Abendspielplan auf 50 Prozent. Besonders drastisch ist die Situation im Tanzbereich, wo elf von zwölf Beschäftigten betroffen sein sollen. Auch sämtliche Ensemblemitglieder des Jungen Theaters sowie weitere Beschäftigte hinter der Bühne könnten ihre Arbeitsplätze verlieren.
Die Gewerkschaft hatte ihre ursprünglich veröffentlichten Zahlen für das Musiktheater nachträglich von drei auf vier betroffene Personen korrigiert. Die Angaben beziehen sich auf drohende beziehungsweise geplante Nichtverlängerungen und nicht auf bereits abgeschlossene Beschäftigungsenden. Welche Verträge tatsächlich auslaufen werden, steht noch nicht abschließend fest.
Während ihrer Rede machten Nadja Simchen und Christian Bo Salle deutlich, dass hinter den Zahlen persönliche Schicksale stehen. So berichteten sie von einem Kollegen, der erst zwei Wochen zuvor Vater geworden sei und unmittelbar danach ein Schreiben über die drohende Nichtverlängerung seines Vertrags erhalten habe. Eine andere Beschäftigte stehe kurz vor dem Ruhestand und müsse nun um ihren Arbeitsplatz bangen. Hinzu kämen Familien, die sich in Münster niedergelassen hätten und deren Kinder hier zur Schule oder in die Kita gingen.
Besonders schwer könnte es nach Darstellung der Beschäftigten eine junge Familie mit einem einjährigen Kind treffen, bei der beide Elternteile am Theater arbeiten und ihre Verträge nicht verlängert werden sollen. Auch für internationale Ensemblemitglieder könnten die Folgen weit über den Arbeitsplatzverlust hinausgehen. Je nach Aufenthaltsstatus könnte der Verlust des Arbeitsvertrags auch Auswirkungen auf ihre Aufenthaltserlaubnis haben. Zudem erschwere die schwierige Beschäftigungssituation im Tanzbereich die Suche nach einer neuen Stelle. Die Beschäftigten fassten ihre Sorgen in einem eindringlichen Satz zusammen: „Viele von uns hier heute auf der Bühne werden in einem Jahr nicht mehr da sein!“
Neben den drohenden Stellenverlusten kritisierten die Beschäftigten auch den bisherigen Umgang mit ihnen. Insbesondere im Tanzensemble habe es nach Angaben der Redner keine ausreichende Gelegenheit gegeben, sich persönlich mit der künftigen Spartenleitung auszutauschen. Auf mehrfache Nachfrage seien Gespräche zunächst angeboten, kurz darauf jedoch wieder abgesagt worden. Auch die Zustellung von Schreiben zu möglichen Nichtverlängerungen sorgte für Kritik. Nach Darstellung der Beschäftigten seien entsprechende Briefe teilweise auf Fluren, vor Proben oder auf dem Theatervorplatz übergeben worden, mitunter im Beisein anderer Kolleginnen und Kollegen.
Die Betroffenen sehen darin einen Mangel an Wertschätzung und Transparenz. Für viele seien die formellen Anhörungsgespräche die erste Gelegenheit gewesen, überhaupt persönlich über ihre berufliche Zukunft zu sprechen. Nach ihrer Darstellung führten diese Situationen zu großer Verunsicherung, Wut und Hilflosigkeit. Die Gewerkschaft fordert deshalb nicht nur eine Reform der Vertragsregelungen, sondern auch einen respektvolleren und nachvollziehbaren Umgang mit den Beschäftigten.
Auslöser der Auseinandersetzung ist der bevorstehende Führungswechsel am Theater Münster. Neil Barry Moss wurde am 25. März 2026 vom Rat der Stadt Münster zum neuen Generalintendanten gewählt. Er übernimmt die Leitung zur Spielzeit 2027/28 und folgt damit auf Katharina Kost-Tolmein, deren Vertrag nicht verlängert wird. Moss war zuvor unter anderem am Landestheater Coburg und an der Deutschen Oper Berlin tätig. Mit dem Wechsel soll sich das Theater auch künstlerisch neu ausrichten.
Das künftige Leitungsteam ist bereits weitgehend festgelegt. Anne Verena Freybott übernimmt das Schauspiel, Kevin O’Day die Tanzsparte, Daniel C. Schindler wird Chefdramaturg und Alexander Becker leitet künftig das Junge Theater. Welche Rolle die geplante Neuausrichtung bei den drohenden Nichtverlängerungen spielt und wie die künftige Theaterleitung die umfangreichen Personalveränderungen begründet, ist bislang nicht abschließend geklärt.
Hinter dem Konflikt steht eine Besonderheit des deutschen Theaterbetriebs. Viele künstlerisch Beschäftigte arbeiten auf Grundlage des sogenannten Normalvertrags Bühne (NV Bühne). Diese Arbeitsverträge sind häufig auf eine Spielzeit befristet und verlängern sich automatisch, wenn keine fristgerechte Nichtverlängerungsmitteilung erfolgt. Gerade bei einem Intendantenwechsel können deshalb zahlreiche Beschäftigungsverhältnisse enden, ohne dass eine klassische Kündigung ausgesprochen wird.
Allerdings gelten bestimmte Schutzvorschriften und Fristen. Vor einer Nichtverlängerungsmitteilung ist grundsätzlich ein Anhörungsgespräch vorgesehen. Für Beschäftigte mit längerer Betriebszugehörigkeit bestehen zusätzliche Regelungen. Die GDBA fordert dennoch eine grundlegende Reform des Systems und kritisiert, dass die bestehenden Tarifregelungen einen weitreichenden Personalaustausch ermöglichen. Die Gewerkschaft hat den Tarifvertrag gekündigt, um Veränderungen beim Nichtverlängerungsrecht zu erreichen. Zu ihren Forderungen gehören unter anderem Obergrenzen für Nichtverlängerungen und bessere Schutzregelungen für künstlerisch Beschäftigte.
Obwohl sich der Protest vor allem gegen die bundesweiten Tarifregelungen richtet, sehen die Beschäftigten auch die Stadt Münster in der Verantwortung. In ihrer Rede verwiesen Nadja Simchen und Christian Bo Salle darauf, dass Rat, Verwaltung und zuständige Gremien über die Besetzung der Theaterleitung mitentscheiden und damit auch Einfluss auf die Rahmenbedingungen eines Intendantenwechsels nehmen können.
Als mögliche Lösungen nannten sie Übergangsjahre, in denen neue Leitungen und bestehende Ensembles zunächst zusammenarbeiten können, sowie verbindliche Vorgespräche und Begrenzungen bei Nichtverlängerungen. Vergleichbare Ansätze gebe es nach Darstellung der Redner beispielsweise in Neuss, Krefeld, Essen und am Theater Vorpommern. Auch die Einbindung von Ensemblevertretungen in künftige Auswahlverfahren für Theaterleitungen wurde vorgeschlagen.
Die Beschäftigten befürchten, dass durch einen nahezu vollständigen Austausch einzelner Ensembles nicht nur Arbeitsplätze verloren gehen, sondern auch über Jahre gewachsene künstlerische Erfahrungen und Verbindungen zur Stadt. Ihr Protest solle deshalb nicht allein den aktuell Betroffenen helfen, sondern langfristig bessere Arbeitsbedingungen für nachfolgende Künstlergenerationen erreichen. Mit dem Ende der Ansprache erklärten die Beschäftigten ihren Streik für beendet, sodass die Vorstellung beginnen konnte.
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