
Der Schweizer Pharmakonzern Roche erweitert seine Aktivitäten bei der Entwicklung von Medikamenten gegen Fettleibigkeit. Mit dem chinesischen Biotechnologieunternehmen Rona Therapeutics wurde eine Lizenzvereinbarung geschlossen, deren Zahlungen einen Gesamtwert von bis zu 1,16 Milliarden US-Dollar erreichen können. Im Mittelpunkt steht ein experimenteller Wirkstoff, der einen anderen Ansatz verfolgt als die bereits etablierten Abnehmmedikamente.
Die Vereinbarung wurde am Dienstag, 13. Oktober 2026, von Rona Therapeutics bekannt gegeben. Roche erhält demnach eine exklusive weltweite Lizenz für einen Wirkstoffkandidaten auf Basis der sogenannten RNA-Interferenz. Die Technologie soll künftig zur Behandlung von Adipositas und weiteren Stoffwechselerkrankungen eingesetzt werden.
Finanziell umfasst das Geschäft zunächst Vorauszahlungen und kurzfristige Meilensteinzahlungen von insgesamt bis zu 100 Millionen US-Dollar. Weitere Zahlungen von bis zu 1,06 Milliarden Dollar sind an bestimmte Entwicklungsfortschritte, regulatorische Genehmigungen und kommerzielle Ziele gebunden. Zusätzlich wurden gestaffelte Beteiligungen an möglichen weltweiten Nettoverkaufserlösen vereinbart.
Der maximale Vertragswert von 1,16 Milliarden Dollar ist somit nicht mit einer sofortigen Zahlung gleichzusetzen. Welche Summe unmittelbar bei Vertragsabschluss fließt, wurde nicht gesondert beziffert. Ein erheblicher Teil der vereinbarten Zahlungen hängt vom künftigen Erfolg des Entwicklungsprogramms ab.
Das Besondere an dem Wirkstoff ist sein biologischer Ansatz. Während etablierte Medikamente wie die GLP-1-basierten Therapien unter anderem das Hungergefühl und die Nahrungsaufnahme beeinflussen, richtet sich das neue Forschungsprogramm gegen ein Zielprotein im Fettgewebe.
Dabei handelt es sich um ALK7, eine Rezeptorkinase, die unter anderem an der Regulierung von Fettspeicherung und Fettabbau beteiligt ist. Das Protein wird durch das Gen ACVR1C codiert.
Der Wirkstoffkandidat nutzt die RNA-Interferenz, kurz RNAi. Mit diesem Verfahren lässt sich die Produktion bestimmter Proteine gezielt verringern, indem entsprechende Boten-RNA ausgeschaltet wird.
Rona Therapeutics verfolgt damit das Ziel, insbesondere gesundheitlich problematische Fettdepots im Bauchraum zu reduzieren und gleichzeitig möglichst viel Muskelmasse zu erhalten. Ob sich dieser Ansatz beim Menschen tatsächlich als wirksam und sicher erweist, ist für den nun lizenzierten Kandidaten allerdings noch nicht klinisch nachgewiesen.
Das Unternehmen veröffentlichte mit der Vereinbarung keine konkreten Wirksamkeitsdaten aus klinischen Studien. Auch eine genaue Entwicklungsphase des betreffenden Wirkstoffs wurde nicht genannt.
Für Roche ist die Zusammenarbeit mit Rona Therapeutics ein weiterer Baustein beim Ausbau seines Geschäfts mit Medikamenten gegen Übergewicht und Adipositas.
Bereits im September 2026 hatte der Konzern neue Ergebnisse für den Wirkstoff Enicepatid vorgestellt. In einer klinischen Phase-II-Studie mit 447 Erwachsenen, die an Typ-2-Diabetes sowie Übergewicht oder Adipositas litten, erreichten Patienten mit der höchsten untersuchten Dosierung nach 48 Wochen eine durchschnittliche Gewichtsabnahme von 15,5 Prozent. Gleichzeitig verbesserten sich wichtige Blutzuckerwerte. Roche hat für Enicepatid bereits Phase-III-Studien zum langfristigen Gewichtsmanagement begonnen.
Ein weiteres Entwicklungsprojekt ist Petrelintid, das Roche gemeinsam mit dem dänischen Unternehmen Zealand Pharma vorantreibt. Anfang Oktober präsentierte Zealand Ergebnisse einer Phase-II-Studie mit 220 Menschen mit Typ-2-Diabetes und Übergewicht oder Adipositas. In der am stärksten wirksamen Behandlungsgruppe lag die durchschnittliche Gewichtsabnahme nach 28 Wochen bei 9,2 Prozent, verglichen mit 2,0 Prozent unter Placebo.
Diese Studienergebnisse beziehen sich auf andere Wirkstoffe und lassen keine Rückschlüsse auf die Wirksamkeit des neu lizenzierten ALK7-Kandidaten zu.
Der internationale Markt für Medikamente zur Gewichtsreduktion wird insbesondere von Novo Nordisk und Eli Lilly geprägt. Beide Unternehmen haben mit ihren Therapien neue Behandlungsmöglichkeiten geschaffen und entwickeln ihre Produktangebote weiter.
Auch andere Pharmakonzerne investieren in neue Wirkmechanismen und Kombinationstherapien. Dabei geht es nicht ausschließlich um eine möglichst hohe Gewichtsabnahme. Langfristige Verträglichkeit, der Erhalt von Muskelmasse und die Behandlung zusätzlicher Stoffwechselerkrankungen spielen ebenfalls eine Rolle.
Die weltweite gesundheitliche Bedeutung ist erheblich. Nach den im Oktober 2026 aktualisierten Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO lebten im Jahr 2024 etwa 1,1 Milliarden Menschen mit Adipositas. Die Erkrankung erhöht unter anderem das Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Mit der Lizenzvereinbarung erweitert Roche seine Forschung um einen Wirkmechanismus, der möglicherweise auch mit bestehenden Adipositastherapien kombiniert werden könnte. Ob daraus tatsächlich ein zugelassenes Medikament entsteht, hängt von weiteren Untersuchungen zur Wirksamkeit und Sicherheit ab.
Für den ALK7-Wirkstoff wurden weder ein möglicher Markteinführungstermin noch ein zukünftiger Behandlungspreis bekannt gegeben. Ebenso fehlen konkrete Angaben zur Dosierung und Anwendung beim Menschen.
Die Vereinbarung verschafft Roche damit Zugang zu einer zusätzlichen Technologie in der Adipositasforschung. Ein unmittelbares neues Behandlungsangebot für Patienten ist damit noch nicht verbunden.
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