
Der Schweizer Pharmakonzern Roche stellt künftige Investitionsentscheidungen in Deutschland zurück. Hintergrund ist der Streit über die Sparvorgaben der Bundesregierung für die Arzneimittelindustrie. Deutschlandchef Daniel Steiners kritisiert die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen und fordert mehr Planungssicherheit. Bereits beschlossene Großprojekte sollen von der Entscheidung nicht betroffen sein. Dazu gehört auch der Ausbau des Standorts Penzberg in Bayern.
„Wir haben sämtliche künftigen Investitionsentscheidungen in Deutschland erst einmal auf Hold gesetzt“, sagte Steiners der „Welt“ am Montag, 19. Oktober 2026. Der Manager begründete die Entscheidung mit einem Vertrauensverlust gegenüber der Politik. Besonders kritisch bewertet er die zusätzlichen finanziellen Belastungen für Pharmaunternehmen durch das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz.
Die Ankündigung betrifft zunächst neue Investitionsentscheidungen und bedeutet keinen vollständigen Baustopp an den deutschen Roche-Standorten. Eine Unternehmenssprecherin bestätigte gegenüber Reuters, dass bereits beschlossene Vorhaben weitergeführt werden. Dazu zählt das neue Diagnostik-Produktionszentrum im oberbayerischen Penzberg, für das Roche mehr als 600 Millionen Euro bereitstellt. Das Unternehmen bezeichnet die Anlage als seine bislang größte Einzelinvestition in Deutschland. Der Produktionsbeginn ist für 2028 vorgesehen.
Penzberg gehört zu den wichtigsten Forschungs- und Produktionsstandorten des Schweizer Konzerns. Nach aktuellen Unternehmensangaben arbeiten dort rund 7.900 Menschen. Erst im Februar 2026 eröffnete Roche ein neues Diagnostik-Innovationszentrum für rund 300 Millionen Euro. Dort sollen etwa 1.000 Beschäftigte an der Entwicklung diagnostischer Tests und neuer Technologien arbeiten. Insgesamt investierte das Unternehmen seit 2020 mehr als 3,5 Milliarden Euro in Deutschland, ein erheblicher Teil davon floss nach Penzberg.
Wie viele weitere Projekte von der vorläufigen Zurückhaltung betroffen sein könnten, ist bislang nicht beziffert. Auch ein konkretes Finanzvolumen für die ausgesetzten Investitionsentscheidungen wurde nicht veröffentlicht. Aus der Erklärung lässt sich deshalb weder eine Schließung bestehender Standorte noch ein geplanter Personalabbau ableiten. Der Konzern beschäftigt deutschlandweit mehr als 18.000 Menschen und unterhält neben Penzberg unter anderem große Standorte in Mannheim und Grenzach.
Roche ist nicht das erste Pharmaunternehmen, das seine Investitionsstrategie wegen der deutschen Gesundheitspolitik verändert. Bereits Anfang Juni 2026 kündigte der US-Konzern Eli Lilly an, sein ursprünglich auf 2,3 Milliarden Euro angelegtes Produktionsprojekt im rheinland-pfälzischen Alzey um die Hälfte zu reduzieren. Das Werk soll weiterhin 2027 in Betrieb gehen, allerdings mit geringerer Produktionskapazität. Statt der ursprünglich vorgesehenen rund 1.000 Arbeitsplätze sollen zunächst etwa 500 entstehen. Konzernchef Dave Ricks verwies bei der Ankündigung auf die Sparpolitik der Bundesregierung.
Ebenfalls im Juni strich Boehringer Ingelheim geplante Investitionen über insgesamt 900 Millionen Euro für die Jahre 2027 bis 2030. Vorgesehen waren unter anderem Infrastrukturprojekte und neue Laborgebäude an deutschen Standorten. Das Unternehmen führte die Entscheidung auf schwierige wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die gesundheitspolitischen Sparmaßnahmen und den zunehmenden internationalen Wettbewerbsdruck zurück. Auch der US-Pharmakonzern Pfizer hatte im Sommer erklärt, geplante Investitionen in Deutschland überprüfen zu wollen.
Im Mittelpunkt des Konflikts steht das im Juli 2026 beschlossene GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Es soll die Ausgabenentwicklung der gesetzlichen Krankenversicherung begrenzen und steigenden Zusatzbeiträgen entgegenwirken. Dazu werden auch Pharmahersteller stärker herangezogen. Ab dem 1. Januar 2027 steigt der gesetzliche Herstellerabschlag für bestimmte patentgeschützte Arzneimittel grundsätzlich von sieben auf 15,5 Prozent. Die Bundesregierung verfolgt damit das Ziel, die Finanzierung der Krankenkassen zu stabilisieren. Die Pharmaindustrie kritisiert dagegen, dass höhere Abschläge die Wirtschaftlichkeit langfristiger Forschungs- und Produktionsprojekte verschlechterten.
Das Bundesgesundheitsministerium reagierte am Montag auf die Ankündigung von Roche. Gegenüber Reuters bezeichnete ein Ministeriumssprecher unternehmerische Entscheidungen zulasten des Standorts Deutschland als bedauerlich. Deutschland und die Europäische Union müssten die Herausforderungen des internationalen Standortwettbewerbs ernst nehmen. Die Bundesregierung werde sich weiterhin für stabile und attraktive Bedingungen für die Pharmaindustrie einsetzen, auch auf europäischer Ebene.
Ein möglicher Ansatz ist die sogenannte Standortklausel. Sie soll Unternehmen, die in Deutschland forschen und produzieren, unter bestimmten Voraussetzungen eine Entlastung beim zusätzlichen Herstellerabschlag ermöglichen. Ein von der Bundesregierung eingesetztes Fachgremium legte dazu Ende September Vorschläge vor. Die Branchenverbände vfa, BPI und Pharma Deutschland bezeichneten die Ergebnisse grundsätzlich als wichtigen Schritt, verlangten aber weitere Reformen. Roche-Deutschlandchef Steiners hält die geplanten Erleichterungen ebenfalls nicht für ausreichend, um sämtliche Nachteile der neuen Regelungen auszugleichen. Die endgültige Ausgestaltung der Standortklausel war am 19. Oktober noch offen.
Die Investitionsentscheidung fällt zudem mit dem Auftakt des „Invest in Germany Summit“ in Berlin zusammen. Bundeskanzler Friedrich Merz will dort gemeinsam mit weiteren Regierungsmitgliedern für Investitionen internationaler und deutscher Unternehmen werben. Am Montagabend ist ein Empfang vorgesehen, die Hauptveranstaltung folgt am Dienstag. Während die Bundesregierung damit neue Investoren gewinnen möchte, fordert die Pharmaindustrie Änderungen an den bestehenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Für Roche ist die Fortsetzung seiner bereits beschlossenen Projekte in Deutschland bestätigt. Die weitere Vergabe neuer Investitionsmittel bleibt dagegen vorerst ausgesetzt. Ob und unter welchen Bedingungen der Konzern seine Investitionsentscheidungen wieder aufnimmt, hat Roche bislang nicht konkretisiert.
Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu