Wenn alte Ideen zurückkehren: Historikerin Dagmar Herzog warnt

Franz Hitze Haus: Herzog über Eugenik bis heute
STBR, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

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Am Internationalen Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar 2026, veröffentlicht die Akademie Franz Hitze Haus in Münster ein schriftliches Interview mit der HistorikerinDagmar Herzog. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt. Herzog warnt darin eindringlich davor, dass eugenische Denkweisen aus der Zeit des Nationalsozialismus nicht verschwunden sind, sondern bis heute fortwirken – teils offen, teils in neuen politischen und technologischen Gewändern.

Der 27. Januar erinnert weltweit an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Der Gedenktag wurde 2005 von den Vereinte Nationen eingeführt und gilt als Mahnung gegen das Vergessen. Genau an diesem Tag will das Franz Hitze Haus eine Debatte anstoßen, die weit über historische Rückblicke hinausgeht.

Warum das Interview ausgerechnet jetzt erscheint

Das Interview knüpft an einen Vortrag an, den Herzog im November 2025 im Franz Hitze Haus gehalten hatte. Unter dem Titel „Eugenische Phantasmen“ zeichnete sie dort die Vor- und Nachgeschichte der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde nach. Thematisiert wurden die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen sowie die ideologischen Grundlagen dieser Verbrechen.

Nach Angaben der Akademie soll das nun veröffentlichte Gespräch den Vortrag nicht nur dokumentieren, sondern vertiefen und für ein breiteres Publikum zugänglich machen. Geführt wurde das Interview von Sebastian Schiffmann; die schriftlichen Antworten gingen am 19. Januar 2026 ein.

Worum es Herzog geht – und warum es unbequem ist

Herzog ordnet Eugenik als eine Ideologie ein, die auf die vermeintliche „Verbesserung“ des menschlichen Erbguts zielte. Im Nationalsozialismus war sie eng mit der sogenannten „Rassenhygiene“ verbunden. Zwangssterilisierungen, Ausgrenzung und die Ermordung vieler Menschen folgten nicht zufällig, sondern aus einem Weltbild, das Leistung, Gesundheit und „Nützlichkeit“ über das individuelle Leben stellte.

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Dabei macht Herzog deutlich, dass diese Ideen nicht allein Ausdruck brutaler Machtpolitik waren. Sie seien getragen worden von gesellschaftlich verbreiteten Vorstellungen eines idealen, starken und leistungsfähigen „Volkskörpers“. Gerade diese scheinbar rationalen oder medizinisch begründeten Argumente hätten die Verbrechen erst möglich gemacht.

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Kein deutsches Einzelphänomen – aber mit besonderer Prägung

Eugenische Ideen waren international verbreitet, doch in Deutschland nahmen sie laut Herzog besonders radikale Formen an. Als Ursachen nennt sie unter anderem die traumatischen Folgen des Ersten Weltkriegs, eine weit verbreitete Angst vor „Unvollkommenheit“ sowie die politische Überhöhung biologischer Fragen zu einer Frage des nationalen Überlebens.

Hinzu kamen religiöse und theologische Deutungen, mit denen Zwangssterilisierungen teils legitimiert wurden. Beide Texte – Interview und begleitender Beitrag – machen deutlich: Viele dieser Denkmuster verschwanden nicht automatisch mit dem Ende des NS-Staates im Jahr 1945.

Die lange Leerstelle nach 1945

Ein zentraler Teil des Interviews widmet sich der Nachkriegszeit. Herzog beschreibt, dass die Opfer der NS-„Euthanasie“ jahrzehntelang nicht als Opfer anerkannt wurden. Behindertenfeindliche Haltungen blieben in der Gesellschaft bestehen, häufig unsichtbar, aber wirksam.

Erst ab den 1970er Jahren setzten engagierte Fachkräfte, Elterninitiativen und die Behindertenbewegung ein Umdenken durch. Dieses gesellschaftliche Ringen gilt als Grundlage für spätere Fortschritte hin zu Inklusion und für internationale Vereinbarungen wie die UN-Behindertenrechtskonvention.

Warum Herzog heute erneut warnt

Besonders eindringlich wird Herzog dort, wo sie Gegenwartsbezüge herstellt. Sie sieht die Gefahr, dass gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausgespielt werden: Menschen mit Behinderungen, Ältere, Arme oder Menschen mit Migrationsgeschichte. Soziale Rechte könnten erneut als verzichtbarer Luxus dargestellt werden.

Auch moderne Technologien betrachtet sie kritisch. Entwicklungen in Genetik und Künstlicher Intelligenz bergen aus ihrer Sicht das Risiko, sozialdarwinistische Denkweisen neu zu legitimieren und Hierarchien zu verschärfen. Für den medizinischen Bereich fordert Herzog deshalb eine klare ethische Verantwortung. Die Geschichte der NS-Eugenik und der „Euthanasie“-Morde müsse verpflichtender Bestandteil der Ausbildung bleiben.

Darüber hinaus verweist sie auf die Rolle von Sexualpolitik in autoritären Bewegungen. Diese werde gezielt eingesetzt, um zu provozieren, Macht zu demonstrieren und Emotionen zu mobilisieren.

Ein Appell gegen das Vergessen

Am Ende ihres Interviews steht ein Plädoyer für Solidarität und für die Anerkennung menschlicher Verwundbarkeit. Ein inklusives Zusammenleben sei kein Randthema, sondern eine Voraussetzung für den Schutz demokratischer Werte. Wer historische Verbrechen wirklich ernst nehme, müsse ihre Denkmuster erkennen – auch dann, wenn sie in moderner Sprache oder neuer Technik wiederkehren

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