
Münster. Als Tilman Fuchs vor einem Jahr das Amt des Oberbürgermeisters übernahm, waren die Erwartungen groß. Nach 16 Jahren unter CDU-Oberbürgermeister Markus Lewe sollte der erste grüne Verwaltungschef neue Impulse setzen, den Wohnungsbau beschleunigen und die Stadtverwaltung bürgerfreundlicher machen. Zwölf Monate später fällt die Bilanz vielschichtig aus. Erste Vorhaben wurden umgesetzt, wichtige Entscheidungen getroffen und langjährige Projekte vorangebracht. Gleichzeitig steht Münster vor einer Haushaltskrise, die den politischen Handlungsspielraum erheblich einschränkt. Ausgerechnet zum Ende seines ersten Amtsjahres muss Fuchs die Menschen auf Einschnitte vorbereiten. Was also hat sich seit seinem Amtsantritt tatsächlich verändert?
Am 28. September 2025 gewann Tilman Fuchs die Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt mit 57,91 Prozent der Stimmen gegen CDU-Kandidat Georg Lunemann. Insgesamt 80.084 Menschen stimmten für den Grünen-Politiker, der am 1. November die Nachfolge von Markus Lewe antrat. Damit endete eine 16-jährige Amtszeit an der Spitze der Stadtverwaltung. Fuchs hatte im Wahlkampf nicht nur einen anderen politischen Stil angekündigt, sondern auch konkrete Veränderungen versprochen.
Wenige Tage vor der Stichwahl stellte er fünf Sofortmaßnahmen vor, die er in den ersten Monaten angehen wollte. Dazu gehörten ein schnellerer Wohnungsbau, ein besserer Bürgerservice mit digitalen Verfahren und festen Fristen, ein Klimacheck für politische Entscheidungen, ein entschlosseneres Vorgehen gegen Rechtsextremismus und die konsequente Entfernung von Schrottfahrrädern.
Besonders sichtbar ist der neue Umgang mit abgestellten Schrottfahrrädern. Seit April 2026 arbeiten das Ordnungsamt und die Abfallwirtschaftsbetriebe Münster enger zusammen, um nicht mehr fahrtüchtige Räder systematisch zu entfernen. Dafür werden die Fahrräder zunächst markiert und anschließend abgeholt. Die Stadt strebt an, auf diesem Weg künftig bis zu 10.000 Fahrräder jährlich aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Im Jahr 2025 waren insgesamt 4.828 Räder beseitigt worden. Das neue Verfahren greift damit eines der ausdrücklich angekündigten Wahlkampfvorhaben auf.
Auch bei den Schwimmbädern gibt es eine konkrete Veränderung. Die seit Juni 2022 für die Öffentlichkeit geschlossenen Hallenbäder in Wolbeck und Roxel sollen ab November wieder an Wochenenden öffnen. Den Anfang macht Wolbeck am 7. und 8. November, eine Woche später folgt Roxel. Anschließend wechseln sich beide Standorte im wöchentlichen Rhythmus ab. Jeweils sechs Stunden am Samstag und Sonntag stehen für den öffentlichen Badebetrieb zur Verfügung. Fuchs hatte zusätzliche Schwimmzeiten zu einem seiner frühen Schwerpunkte gemacht. Die Öffnung erfolgt durch eine veränderte Organisation des Personaleinsatzes und der verfügbaren Schwimmzeiten.
Eine der größten Herausforderungen bleibt der Wohnungsmarkt. Im Wahlkampf hatte Fuchs angekündigt, verfügbare Flächen, Leerstände und Nachverdichtungsmöglichkeiten stärker in den Blick zu nehmen und die Zusammenarbeit zwischen Stadt, Wohnungswirtschaft und weiteren Beteiligten zu verbessern. Tatsächlich hat die Zahl der Baugenehmigungen in Münster wieder zugenommen. In den ersten acht Monaten 2026 wurden nach Angaben der Stadt 1.640 Wohneinheiten genehmigt. Im gesamten Vorjahr waren es 1.831 gewesen. Der Aufwärtstrend hatte allerdings bereits 2025 begonnen.
Der Bedarf an Wohnraum bleibt erheblich. Ende 2025 lag die Leerstandsquote in Münster bei lediglich 0,2 Prozent. Gleichzeitig waren 4.154 Wohnungen zwar genehmigt, aber noch nicht fertiggestellt. Bei 2.571 davon hatte der Bau noch nicht begonnen. Neue Genehmigungen bedeuten deshalb nicht automatisch, dass kurzfristig zusätzlicher Wohnraum zur Verfügung steht. Am 7. Oktober 2026 beschloss der Rat außerdem ein fortgeschriebenes Baulandprogramm, das bis 2035 Flächen für bis zu 12.750 Wohnungen vorsieht. Damit wurden langfristige Entwicklungsmöglichkeiten festgelegt, deren Umsetzung sich über mehrere Jahre erstrecken wird.
Auch in anderen Politikfeldern wurden im ersten Amtsjahr wichtige Beschlüsse gefasst. Im Mai verabschiedete der Rat den kommunalen Wärmeplan, der den Weg zu einer klimaneutralen Wärmeversorgung bis 2045 aufzeigen soll. Gleichzeitig wurde mit dem Planfeststellungsbeschluss vom Januar die Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Münster und Sendenhorst vorangebracht. Das Verkehrsprojekt war allerdings bereits lange vor Fuchs‘ Amtsantritt vorbereitet worden. Im Bildungsbereich beschloss der Rat im Juli die Erweiterung des Schulzentrums Hiltrup samt neuer Sporthalle für 36,2 Millionen Euro. Der Baubeginn ist für 2027 vorgesehen.
Dass Entscheidungen der Stadtpolitik nicht immer Bestand haben, zeigte sich unter anderem in Gievenbeck. Dort stoppte der Rat im Oktober die Planungen für den Umbau des Kreisverkehrs an der Von-Esmarch-Straße zu einer Ampelkreuzung. Zuvor hatte eine Bürgerinitiative rund 18.000 Unterschriften für den Erhalt des Kreisverkehrs gesammelt. Bereits im Februar hatten die Menschen in Münster-Mitte bei einem Bürgerentscheid mit 52,39 Prozent für die Beibehaltung von fünf umstrittenen Straßennamen gestimmt. Beide Auseinandersetzungen prägten die kommunalpolitischen Debatten während Fuchs‘ erstem Amtsjahr, auch wenn die ursprünglichen Entscheidungen zu den Straßennamen noch vor seiner Amtszeit getroffen worden waren.
Die mit Abstand größte Herausforderung für den Oberbürgermeister ist inzwischen die finanzielle Lage der Stadt. Für 2027 hatte Münster im Doppelhaushalt mit rund 95 Millionen Euro an Schlüsselzuweisungen des Landes Nordrhein-Westfalen gerechnet. Nach den im August veröffentlichten Berechnungen sollen es jedoch nur etwa 2,8 Millionen Euro sein. Gegenüber der ursprünglichen Planung fehlen damit rund 92 Millionen Euro. Besonders schwer wiegt das, weil der Haushalt bereits zuvor ein Defizit von rund 37,9 Millionen Euro für 2027 vorsah.
Die Stadt reagierte Anfang September mit einer Haushaltssperre. Seit dem 25. September werden freiwerdende Verwaltungsstellen zudem grundsätzlich nur noch nach einer Einzelfallprüfung neu besetzt. In der Ratssitzung vom 7. Oktober machte Fuchs deutlich, welche Konsequenzen er erwartet. „Wir werden spürbar verzichten müssen“, erklärte der Oberbürgermeister. Auch bisher selbstverständliche Leistungen müssten künftig auf den Prüfstand. Betriebsbedingte Kündigungen schloss er aus. Ein erstes Sparpaket will die Verwaltung im ersten Quartal 2027 vorlegen.
Bereits im Frühjahr hatte zudem ein Fehler im Haushaltsverfahren für Schwierigkeiten gesorgt. Der zunächst am 25. März verabschiedete Doppelhaushalt musste am 20. Mai erneut beschlossen werden, weil die vorgeschriebene öffentliche Bekanntmachung mit einer Frist für Einwendungen versäumt worden war. Fuchs und Stadtkämmerin Christine Zeller bedauerten den Fehler gemeinsam. Die Bezirksregierung genehmigte den Haushalt schließlich Anfang Juni. Die finanzielle Krise verschärft nun den Druck auf den Oberbürgermeister und die Ratsmehrheit, politische Prioritäten neu festzulegen.
Die politische Opposition bewertet das erste Amtsjahr kritisch. CDU-Fraktionsvorsitzender Stefan Weber würdigte zum Jahrestag zwar das freundliche Auftreten und die Repräsentationsarbeit des Oberbürgermeisters, vermisst aber eine klar erkennbare politische Richtung. „Der Oberbürgermeister muss politische Orientierung geben, Prioritäten setzen und eine Vorstellung davon entwickeln, wohin sich unsere Stadt bewegen soll“, erklärte Weber in einer Pressemitteilung. Gerade angesichts der Haushaltskrise müsse Fuchs deutlich machen, wie er politische Konflikte lösen und die finanzielle Handlungsfähigkeit Münsters sichern wolle. Seine Bilanz fasste Weber mit den Worten „Form okay, Inhalte unklar“ zusammen. Auch Michael Krapp von Move Münster kritisierte gegenüber dem WDR das Tempo beim Klimaschutz und insbesondere die fortgesetzte Flächenversiegelung.
Die Kritik trifft Fuchs zu einem Zeitpunkt, an dem die finanziellen Spielräume der Stadt deutlich kleiner werden. Mit dem angekündigten Sparpaket im ersten Quartal 2027 stehen Entscheidungen bevor, die zeigen werden, welche politischen Vorhaben der Oberbürgermeister und die Ratsmehrheit trotz der Haushaltskrise weiterverfolgen können.
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