
Münster. Der Abschied steht nicht in einer nüchternen Mitteilung, sondern direkt am Stand. Hinter Glas, dort, wo sonst Kundinnen und Kunden ihre Milchprodukte, Eier oder Käse auswählen, hat Klaus Höggemann seine letzten Worte an den Wochenmarkt Münster gehängt. Ende Juni schließt der Milchmann vom Wochenmarkt seine Klappen. Ein Satz, der für viele Stammkunden mehr bedeutet als das Ende eines Verkaufsstandes.
Mehr als 40 Jahre lang gehörte Höggemann zum Markt am Domplatz. Wer mittwochs oder samstags regelmäßig über den Wochenmarkt ging, kannte den Stand, die Ware und oft auch den Mann dahinter. Milch, Joghurt, Butter, Sahne, Käse, Eier und kleine Spezialitäten gehörten zum Sortiment. Doch eigentlich war der Milchmann immer mehr als eine Adresse für Lebensmittel. Er war einer dieser Stände, an denen Münsteraner Marktalltag sichtbar wurde: verlässlich, persönlich, gewachsen über Jahre.
Für Klaus Höggemann begann diese Geschichte im Mai 1984. Damals startete er als Angestellter auf dem Wochenmarkt, unterstützt von seinen Eltern. 1998 wurde daraus sein eigenes Unternehmen. Aus einem Arbeitsplatz wurde ein Lebenswerk, aus einem Marktstand ein fester Treffpunkt für Kundinnen und Kunden, die oft über viele Jahre kamen.
In seinem Abschiedstext schreibt Höggemann, er habe über Jahrzehnte diesen besonderen Platz auf dem Markt gestalten und so viele wunderbare Menschen kennenlernen dürfen. Es ist ein stiller, dankbarer Rückblick, ohne großes Pathos. Gerade deshalb wirkt er so eindringlich. Denn er erzählt von einer Arbeitswelt, die auf Nähe beruht: auf Stammkundschaft, auf Handschlag, auf Vertrauen, auf Verlässlichkeit zwischen den Ständen.
Nun geht Klaus Höggemann mit 67 Jahren in den Ruhestand. Damit endet für ihn ein Marktleben, das über Jahrzehnte von früher Arbeit, Organisation, Einkauf, Verkauf und körperlichem Einsatz geprägt war. Ein Wochenmarktstand steht nicht erst dann bereit, wenn die ersten Kundinnen und Kunden kommen. Er beginnt lange vorher, mit Vorbereitung, Ware, Transport, Aufbau und der Sicherheit, bei Wind, Regen, Hitze oder Kälte präsent zu sein.
Die Familie beschreibt, wie sehr der Betrieb den Alltag bestimmt hat. Kranksein oder Urlaub seien kaum möglich gewesen, weil der Stand immer Vorrang gehabt habe. Genau diese Belastung wollten die Töchter zunächst auffangen. Die nächste Generation hatte den Betrieb im Blick, aber am Ende ließ sich der Plan nicht tragen.
Auch die Töchter von Klaus Höggemann wollten den Milchmann vom Wochenmarkt nicht leichtfertig aufgeben. Julia und Franziska standen ihrem Vater über Jahre als Angestellte zur Seite. Gemeinsam sollte der Betrieb weitergehen, mit einer anderen Verteilung der Arbeit und mehr Schultern für die Verantwortung. Doch das Leben entschied anders.
Nachdem eine der Schwestern Mutter geworden war, ließ sich die gemeinsame Fortführung nicht mehr wie geplant umsetzen. Die Familie suchte weiter nach einer Person, die den Stand mit übernehmen könnte. Doch niemand fand sich. So wurde aus dem Wunsch, ein Stück Familiengeschichte fortzuschreiben, eine Entscheidung zum Abschied.
Der Milchmann ist nicht nur der Stand von Klaus Höggemann. Er steht für eine Familiengeschichte, die weit zurückreicht. Bereits der Urgroßvater hatte mit dem Geschäft begonnen, danach folgten der Großvater und später Klaus Höggemann. Zeitweise war auch die nächste Generation beteiligt. So wuchs der Stand über Jahrzehnte in den Markt hinein.
In seinem Abschied nennt Höggemann die Menschen, die diese Geschichte mitgetragen haben: seine Eltern, seine Geschwister, seine verstorbene Ehefrau Margret, seine Ehefrau Beate und seine vier Kinder. Besonders erwähnt er Julia und Franziska. Es sind Namen, die zeigen, wie eng dieser Marktstand mit Familie verbunden war. Nicht als Kulisse, sondern als tägliche Wirklichkeit.
Der Milchmann stand auf dem Wochenmarkt Münster vor allem für Milchprodukte und Käse. Zum Sortiment gehörten Milch, Joghurt, Butter, Sahne und verschiedene Käsesorten. Dazu kamen Eier, Marmeladen, Plätzchen und Spezialitäten kleiner Betriebe. Auf der offiziellen Seite des Wochenmarkts Münster wird der Stand als Anbieter beschrieben, der ausschließlich Biokäse führt. Auch Produkte der Upländer Bauernmolkerei aus dem Sauerland gehörten zum Angebot.
Für viele Kundinnen und Kunden war genau das der Grund, regelmäßig dort einzukaufen. Wochenmarkt bedeutet nicht nur Auswahl, sondern Beratung und Vertrauen. Wer an einem Stand über Jahre kauft, entscheidet sich nicht jedes Mal neu. Er kommt wieder, weil er weiß, wer dort steht, welche Qualität er bekommt und dass ein kurzer Austausch dazugehört.
In seinem Abschied richtet Klaus Höggemann den Blick nicht nur auf die eigene Familie. Er dankt auch seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die den Stand über die Jahre begleitet haben. Namentlich nennt er die aktuell Mitarbeitenden Peter Teupe und Helene Gaukesbrink. Sie hätten ihm geholfen, auf dem Markt zuverlässig präsent zu sein.
Auch den Kolleginnen und Kollegen auf dem Markt dankt Höggemann für gute Nachbarschaft und gegenseitige Unterstützung zwischen den Ständen. Lieferanten und Händler erwähnt er ebenso wie die Kundinnen und Kunden. Ihnen gilt ein besonderer Dank: den Menschen, die den Stand nicht nur gelegentlich, sondern über Jahre regelmäßig besucht haben. Aus solchen Beziehungen entsteht das, was einen Wochenmarkt von einem anonymen Einkauf unterscheidet.
Das Ende des Milchmanns ist auch ein Hinweis darauf, wie schwierig der Betrieb kleiner Marktstände geworden ist. Die Familie nennt neben der ungeklärten Nachfolge auch eine veränderte Marktsituation. Höhere Standgebühren, steigende Stromkosten, Mautgebühren, ein anderes Einkaufsverhalten und die Parkplatzsituation rund um den Markt erschweren den Alltag.
Gerade kleine Betriebe haben wenig Spielraum, wenn vieles gleichzeitig zusammenkommt. Ein Marktstand braucht Personal, Zeit, körperliche Kraft und eine Nachfolge, die bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Wenn diese Grundlage fehlt, wird selbst ein über Jahrzehnte gewachsener Betrieb verletzlich. Der Milchmann verschwindet deshalb nicht, weil ihm Geschichte fehlt, sondern weil Geschichte allein einen Stand nicht weiterführen kann.
Bis Ende Juni bleibt der Milchmann vom Wochenmarkt Münster noch auf dem Domplatz. Danach schließen die Klappen endgültig. Für Klaus Höggemann, seine Familie und sein Team endet eine lange Zeit, die im Mai 1984 begann und den Markt über Jahrzehnte mitgeprägt hat.
Für viele Kundinnen und Kunden wird an den Markttagen künftig ein vertrauter Stand fehlen. Der Abschied verändert nicht den ganzen Wochenmarkt, aber er verändert etwas an seinem Gesicht. Denn Märkte bestehen nicht nur aus Waren und Ständen. Sie bestehen aus Menschen, die wiederkommen, weil andere Menschen zuverlässig dort sind. Genau dafür stand der Milchmann vom Wochenmarkt Münster über mehr als 40 Jahre.
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