
Die Strafjustiz in Deutschland arbeitet am Limit. Nach aktuellen Angaben des Deutschen Richterbundes (DRB) ist die Situation im Norden und Westen der Republik besonders angespannt. Vor allem in Nordrhein-Westfalen und Hamburg steigen die Verfahrenszahlen deutlich – mit spürbaren Folgen für Ermittlungen, Gerichte und Untersuchungshaft.
In Nordrhein-Westfalen wurden im Jahr 2025 erstmals mehr als 1,3 Millionen neue Strafverfahren registriert. Konkret summierten sich die Neueingänge auf 1.303.773 Fälle. Parallel wuchs der Berg unerledigter Verfahren erheblich: Während Ende 2020 noch 177.846 Ermittlungen offen waren, lag die Zahl zum Jahresende 2025 bei 299.959. Das entspricht einem Anstieg um rund 69 Prozent.
Bereits im Herbst 2025 hatte das nordrhein-westfälische Justizministerium von knapp 284.000 offenen Verfahren berichtet. Die aktuelle Entwicklung bestätigt damit den Trend steigender Rückstände in der Strafverfolgung.
Noch drastischer fällt die Entwicklung in Hamburg aus. Dort erhöhte sich die Zahl offener Fälle seit 2020 von 29.355 auf 76.637. Das entspricht einem Plus von 161 Prozent. Gleichzeitig verzeichnete die Staatsanwaltschaft 2025 rund 186.000 neue Verfahren – ein Höchstwert.
Der Deutsche Richterbund sieht in diesen Zahlen ein deutliches Warnsignal für die Funktionsfähigkeit der Justiz.
Die Überlastung beschränkt sich nicht auf Nordrhein-Westfalen und Hamburg. In Niedersachsen stieg die Zahl neuer Strafsachen 2025 auf 556.156 Fälle, nach 550.735 im Vorjahr. Die offenen Verfahren wuchsen seit 2020 von 57.937 auf 81.078 an – ein Zuwachs von rund 40 Prozent.
In Schleswig-Holstein erhöhte sich der Bestand unerledigter Verfahren von 26.892 im Jahr 2020 auf 40.026 Ende 2025. Das entspricht einem Anstieg um 49 Prozent. Die Neueingänge gingen dort im Vergleich zum Vorjahr leicht zurück, blieben mit 181.773 Fällen aber weiterhin auf hohem Niveau.
Erstmals wurde Ende 2025 bundesweit die Marke von einer Million unerledigter Strafverfahren überschritten. Der Deutsche Richterbund macht deutlich, dass diese Entwicklung konkrete Auswirkungen hat: Verfahren ziehen sich länger hin, und in einzelnen Fällen müssen Beschuldigte aus der Untersuchungshaft entlassen werden, weil gesetzliche Fristen nicht eingehalten werden können. Nach Angaben des Verbands geschieht dies im Schnitt etwa einmal pro Woche.
Vor diesem Hintergrund fordert der Richterbund eine Neuauflage des sogenannten „Pakts für den Rechtsstaat“. Bereits 2019 hatten Bund und Länder vereinbart, die Justiz personell zu stärken. Damals war unter anderem von insgesamt 2.000 zusätzlichen Stellen für Richterinnen, Richter und Staatsanwälte die Rede.
Nach Einschätzung des DRB fehlen aktuell bundesweit rund 2.000 Staatsanwälte und Strafrichter. Allein Nordrhein-Westfalen benötige etwa 350 zusätzliche Strafverfolger, um die Belastung spürbar zu reduzieren. Eine erneute Einigung zwischen Bund und Ländern war 2025 Thema politischer Gespräche, wurde jedoch im Dezember kurzfristig vertagt. Hintergrund waren unter anderem Fragen zur Finanzierung und zu langfristigen Personalkosten.
Auch einzelne Staatsanwaltschaften in Nordrhein-Westfalen verdeutlichen die Dimension. Nach Landtagsdaten zum Stichtag 31. Dezember 2024 waren bei der Staatsanwaltschaft Münster 14.783 Ermittlungsverfahren anhängig. Zum Vergleich: In Bielefeld lag die Zahl bei 28.156, in Düsseldorf bei 27.688 offenen Verfahren. Zwar beziehen sich diese Werte auf 2024, sie zeigen jedoch, wie unterschiedlich stark einzelne Standorte belastet sind.
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