
Greven. Die Stadt Greven steht finanziell vor einem Widerspruch: Obwohl die Verwaltung Jahr für Jahr mit Millionendefiziten rechnet, kann sie weiterhin große Bauprojekte planen. Möglich machen das hohe Rücklagen, die in den vergangenen Jahren aufgebaut wurden. Doch die finanziellen Spielräume sind nicht unbegrenzt. Bei der Einbringung des Haushaltsentwurfs 2027 am Mittwoch, 4. November, warnten Bürgermeister Dietrich Aden und Stadtkämmerer Matthias Bücker vor den Folgen steigender Schulden und wachsender Ausgaben. Besonders die Kreisumlage sorgt für Ärger. Allein 26,6 Millionen Euro soll Greven im kommenden Jahr an den Kreis Steinfurt zahlen. Gleichzeitig stehen Investitionen an, deren Gesamtkosten inzwischen fast 200 Millionen Euro erreichen.
Die Kreisumlage gehört zu den größten Ausgaben im Grevener Haushalt. Mit den geplanten 26,6 Millionen Euro fließen rund 18 Prozent des städtischen Haushaltsvolumens an den Kreis Steinfurt. Gegenüber der bisherigen Finanzplanung bedeutet das eine zusätzliche Belastung von 1,3 Millionen Euro. Und es könnte noch teurer werden: Nach Angaben von Kämmerer Bücker könnte der inzwischen vorgelegte Kreishaushaltsentwurf weitere rund 350.000 Euro kosten.
Bürgermeister Aden richtete deshalb in seiner Haushaltsrede einen deutlichen Appell an die Kreistagsfraktionen. Sie sollten dafür sorgen, dass die Kreisumlage sinke und auf zusätzliche freiwillige Aufgaben sowie neue Stellen verzichtet werde. Mit dieser Forderung steht Greven nicht allein. Bereits Anfang Oktober hatten sich die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der kreisangehörigen Kommunen gemeinsam gegen die geplante Erhöhung ausgesprochen. Nach ihren Angaben soll die Kreisumlage für alle Städte und Gemeinden zusammen um rund 29 Millionen Euro auf etwa 319 Millionen Euro steigen. Der Umlagesatz würde von 33,5 auf 36,5 Prozent klettern.
Allerdings steht auch der Kreis selbst unter finanziellem Druck. Landrat Martin Sommer verweist auf die strukturelle Unterfinanzierung der Kommunen und steigende Pflichtausgaben. Ein erheblicher Teil der Mittel wird für soziale Leistungen benötigt. Nach Angaben Adens entfallen von Grevens Kreisumlage rechnerisch rund 15 Millionen Euro auf Mittel, die letztlich an den Landschaftsverband zur Finanzierung der Eingliederungshilfe weitergeleitet werden.
Damit zeigt sich ein grundlegender Konflikt: Während Städte wie Greven ihre eigenen Ausgaben begrenzen wollen, benötigt der Kreis ebenfalls mehr Geld zur Erfüllung seiner Aufgaben. Die endgültige Höhe der Kreisumlage für 2027 steht noch nicht fest.
Der neue Haushaltsentwurf sieht Erträge von 141,4 Millionen Euro und Aufwendungen von 147,8 Millionen Euro vor. Unter dem Strich bleibt ein Minus von 6,4 Millionen Euro. Das Ergebnis fällt zwar um 1,2 Millionen Euro besser aus als bislang erwartet, von einem ausgeglichenen Haushalt aus eigener Kraft ist Greven aber weiterhin entfernt.
Eine Besonderheit gibt es beim laufenden Jahr 2026. Ursprünglich hatte die Stadt mit einem Defizit von 10,1 Millionen Euro gerechnet. Inzwischen erwartet sie einen Überschuss von 47,5 Millionen Euro. Dahinter steckt allerdings kein unerwarteter Geldsegen aus Steuern, sondern die einmalige Auflösung einer zuvor gebildeten Rückstellung. Der Effekt verbessert die Bilanz, wiederholt sich aber nicht in den Folgejahren.
Dadurch wächst die Ausgleichsrücklage erheblich. Nach der aktuellen Prognose könnte sie selbst Ende 2030 noch rund 86 Millionen Euro betragen. Greven kann seine geplanten Fehlbeträge damit vorerst rechnerisch ausgleichen und muss kein Haushaltssicherungskonzept aufstellen. Die Ausgleichsrücklage ist allerdings nicht mit frei verfügbarem Geld auf einem Bankkonto gleichzusetzen. Von 2027 bis 2030 erwartet die Verwaltung weiterhin Defizite von insgesamt 21,4 Millionen Euro.
Bücker formulierte die Situation in seiner Haushaltsrede ungewöhnlich deutlich: „Damit leben wir aktuell deutlich über unsere Verhältnisse.“
Auch bei den laufenden Einnahmen und Ausgaben gibt es gegenläufige Entwicklungen. Die Gewerbesteuer soll 2027 rund 29 Millionen Euro einbringen, netto 1,5 Millionen Euro weniger als bisher für das Jahr vorgesehen. Höhere Schlüsselzuweisungen verbessern den Haushalt dagegen um 2,3 Millionen Euro. Das ist allerdings auch eine Folge der vergleichsweise schwächeren Steuerentwicklung Grevens. Weitere Verbesserungen ergeben sich bei den Zinsen und der Kindertagesbetreuung. Auf der anderen Seite steigen Personal- und Versorgungskosten sowie die Ausgaben für die Unterhaltung städtischer Gebäude.
Besonders große Herausforderungen kommen durch die geplanten Investitionen auf Greven zu. Für 2027 sind Auszahlungen von 51,2 Millionen Euro vorgesehen. Dem stehen lediglich 17,2 Millionen Euro an investiven Einzahlungen gegenüber. Bleiben sämtliche Vorhaben im Plan, müsste die Stadt die Differenz von rund 34 Millionen Euro durch Darlehen finanzieren. Darin enthalten sind auch 13,5 Millionen Euro für Gesellschafterdarlehen an städtische Beteiligungen.
Noch größer ist das gesamte Investitionsprogramm der kommenden Jahre. Die einzeln aufgeführten Großmaßnahmen von 2027 bis 2030 summieren sich inzwischen auf rund 197 Millionen Euro.
Der größte Posten ist der geplante Rathausneubau mit Stadtbibliothek und Quartiersgarage. Dafür werden mittlerweile 67 Millionen Euro angesetzt, nachdem zuvor noch mit rund 60 Millionen Euro gerechnet worden war. Da sich das Projekt weiterhin in einer frühen Planungsphase befindet, sind weitere Kostenänderungen nicht ausgeschlossen.
Weitere erhebliche Ausgaben sind für eine neue Feuer- und Rettungswache mit 30 Millionen Euro, die Rönnesporthalle und eine neue Dreifachhalle mit 26,1 Millionen Euro sowie den Ersatzneubau am Gymnasium West I mit 21,1 Millionen Euro vorgesehen. Hinzu kommen das Sportzentrum Emsaue mit zwölf Millionen Euro, die Erweiterung der Josef-Grundschule mit 8,2 Millionen Euro und der Neubau der Erich-Kästner-Grundschule mit sieben Millionen Euro.
Auch für Grundstücksankäufe, zusätzliche Unterbringungskapazitäten und die Innenstadtentwicklung sind Millionenbeträge eingeplant. Dazu zählen unter anderem der Umbau der Rathausstraße, der Emspark und die Neugestaltung der Ortsmitte Reckenfeld.
Bürgermeister Aden betonte, dass allein mehr als 77 Millionen Euro in Schul- und Sportinfrastruktur fließen sollen. Neue freiwillige Aufgaben und Prestigeprojekte wolle die Stadt dagegen vermeiden. Kämmerer Bücker ging noch weiter: Aus seiner Sicht müssten selbst bereits geplante und politisch beschlossene Maßnahmen erneut daraufhin überprüft werden, ob Umfang und Ausstattungsstandards tatsächlich notwendig seien. Auch das verfügbare Personal könnte bei der Umsetzung zum begrenzenden Faktor werden.
Die Finanzierung dieser Projekte könnte Greven langfristig stark belasten. Für Ende 2026 erwartet die Verwaltung einen Schuldenstand von rund 64 Millionen Euro. Schon Ende 2027 könnten es 91,9 Millionen Euro sein. Ohne Gegenmaßnahmen prognostiziert der Kämmerer bis 2030 einen Anstieg auf nahezu 150 Millionen Euro.
Damit würde sich der Schuldenstand innerhalb weniger Jahre mehr als verdoppeln. Hinzu kommt, dass neue Kredite Zinsen verursachen und fertiggestellte Bauprojekte langfristig über Abschreibungen die Haushalte belasten. Bücker warnte deshalb davor, die hohen Rücklagen als Freibrief für sämtliche geplanten Investitionen zu betrachten.
Tatsächlich steht Greven mit diesen Problemen nicht allein da. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verzeichneten die deutschen Kommunen 2025 ein Finanzierungsdefizit von 31,9 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2026 lag das Minus bereits bei 20,1 Milliarden Euro. Eine Umfrage der kommunalen Spitzenverbände in Nordrhein-Westfalen ergab zudem, dass nur sieben von 396 Städten und Gemeinden ihre laufenden Aufwendungen 2026 durch entsprechende Erträge decken können.
Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Kommunen. Die benachbarten Städte Rheine und Emsdetten rechnen für 2027 beispielsweise jeweils mit einem Fehlbetrag von rund 17,2 Millionen Euro. Ein direkter Vergleich allein anhand der absoluten Defizite wäre wegen unterschiedlicher Einwohnerzahlen, Aufgaben und finanzieller Reserven aber wenig aussagekräftig.
Greven befindet sich damit in einer vergleichsweise besonderen Situation. Die Stadt hat weiterhin hohe Rücklagen und kann dadurch große Projekte vorantreiben. Gleichzeitig wächst das Risiko, dass die künftigen Belastungen aus Krediten, Baukosten und laufenden Aufgaben die finanziellen Spielräume zunehmend einschränken.
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