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Kiepenkerl: Vom Wanderhändler zum Wahrzeichen Münsters

Der Kiepenkerl in Münster.
Quelle: Stadt Münster

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In Münster kennt jeder den Kiepenkerl – die bronzene Figur eines wandernden Händlers in der Altstadt ist beliebter Treffpunkt und Fotomotiv. Doch hinter dem Wahrzeichen steckt mehr als nur ein Denkmal: Die Geschichte des Kiepenkerls reicht tief in die Tradition Westfalens zurück. Einst zogen Kiepenkerle als Händler mit großem Rückenkorb durch Münster und das Umland, brachten Waren und Neuigkeiten von Hof zu Hof. Heute lebt diese Traditionsfigur als Symbolfigur der Stadt Münster fort und verbindet historisches Brauchtum mit dem modernen Stadtleben.

Historische Wurzeln des Kiepenkerls

Der Kiepenkerl war ursprünglich ein Wanderhändler im Münsterland und anderen Teilen Westfalens. Seinen Namen verdankt er der Kiepe – einem großen Tragkorb aus Holz und Geflecht, den er auf dem Rücken trug​. Darin transportierte der Kiepenkerl alles, was Stadt und Land voneinander brauchten: Vom Land brachte er Eier, Butter, Milchprodukte, Geflügel und Schinken in die Städte; im Gegenzug lieferte er Salz, Stoffe und andere städtische Waren in die Dörfer​. Neben Waren brachte er auch Neuigkeiten und erzählte auf den Höfen von den Geschehnissen in der Stadt – eine wichtige Verbindung in Zeiten, als es weder Radio noch Internet gab. Bis ins späte 19. Jahrhundert waren diese Händler auf den Märkten und Wegen der Region ein vertrauter Anblick und trugen maßgeblich zum wirtschaftlichen Austausch zwischen Stadt und Land bei.

Typisch für einen Kiepenkerl waren Aussehen und Ausstattung, die ihn überall erkennbar machten:

  • Blaue Leinenkittel und ein robustes weißes oder buntes Halstuch (meist rot) als Arbeitskleidung​
  • Ein breiter Tragekorb (Kiepe) auf dem Rücken, oft bis zu 20 kg schwer bepackt
  • Ein langer Knotenstock (Gehstock) als Gehhilfe, der auch als Maßstab zum Abmessen von Stoff diente
  • Eine Tabakpfeife im Mund, die in der sumpfigen Landschaft dabei half, Insekten fernzuhalten​
  • Wetterfeste, derbe Schuhe oder Holzschuhe für die weiten Fußwege über Land

Mit dieser Montur zog der Kiepenkerl von Hof zu Hof und von Markt zu Markt. Frauen waren in diesem Gewerbe die Ausnahme; doch es gab sie, zum Beispiel in Gestalt der sagenumwobenen „Kiepenlisettken“ im Sauerland​. Insgesamt verkörperte der Kiepenkerl Fleiß, Tradition und die enge Verbundenheit zwischen Münster und dem Umland.

Der Kiepenkerl als westfälische Traditionsfigur

Im 19. Jahrhundert, als die Industrialisierung voranschritt, begann man in Westfalen, ländliche Traditionen bewusst zu pflegen – dazu gehörte auch die Figur des Kiepenkerls. Obwohl das Berufsbild des Wanderhändlers langsam verschwand, blieb der Kiepenkerl als Brauchtumsfigur lebendig. Bei Volksfesten und Heimatabenden wurde er zum Sinnbild des Münsterlands: ein bodenständiger, freundlicher „Pängelanton“ (wie man ihn in der Region liebevoll nannte), der für Heimatverbundenheit steht. Bereits in der Zeit zwischen den Weltkriegen trat der Kiepenkerl bei Heimatfesten als Vertreter westfälischer Identität auf.

Nach 1945 gewann die Traditionsfigur noch mehr Bedeutung, um das verlorene kulturelle Erbe zu beleben. So schlüpften engagierte Münsteraner in die Rolle des Kiepenkerls, um Geschichte anschaulich zu halten. Einer der bekanntesten war der Bäckermeister Heinrich Morthorst: Ab den 1960er Jahren verkörperte er den Kiepenkerl bei Stadtfesten und besonderen Anlässen und wurde weit über Münster hinaus als „der Kiepenkerl“ bekannt​. Er trug die historische Tracht und begrüßte Gäste in münsterländischem Platt – ein lebendiges Stück Geschichte zum Anfassen.

Bis heute spielen Kiepenkerle in der Region eine Rolle. In Münsterland werden beispielsweise Stadtführungen oder Museumsfeste gelegentlich von als Kiepenkerl gekleideten Guides bereichert, die Anekdoten von früher erzählen. Auch im jährlichen Lambertus-Brauchtum – einem traditionellen Kinder- und Erntefest im Spätsommer – taucht die Gestalt auf: Beim Lambertussingern übernimmt ein verkleideter Kiepenkerl symbolisch die Rolle des „Buern“ (Bauern) im Singspiel „O Buer, wat kost dien Hei?“, was den Bogen von der Tradition zur Gegenwart schlägt​. All das zeigt: Der Kiepenkerl ist längst mehr als ein historischer Händler – er ist eine Symbolfigur Westfalens, die für regionale Tradition und Gemeinschaft steht.

Das Kiepenkerl-Denkmal in Münsters Altstadt

In Münster wurde dem Kiepenkerl bereits 1896 ein Denkmal gesetzt: Im historischen Kiepenkerlviertel der Altstadt, am Spiekerhof, enthüllte man am 16. Oktober 1896 eine Statue, geschaffen vom Bildhauer August Schmiemann​. Dieses Standbild – ursprünglich aus Gips mit Kupferüberzug gefertigt – stellte einen Kiepenkerl mit all seinen typischen Merkmalen dar. Schnell avancierte es zum Wahrzeichen der Stadt.

Wie durch ein Wunder überstand das Denkmal die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs zunächst unbeschadet. 1944 nutzte die Propaganda dies und stilisierte den standhaften Kiepenkerl mit dem Spruch „Trotzdem und dennoch – Wi staoht fast!“ (münsterländisch für „Wir stehen fest“) zum Symbol für Durchhaltewillen​. Doch kurz vor Kriegsende wurde die Statue beim Einmarsch alliierter Truppen zerstört. Die Lücke währte nicht lange: 1953 erhielt Münster seinen Kiepenkerl zurück. Der münstersche Bildhauer Albert Mazzotti junior schuf – gemeinsam mit Heinrich Ostlinning – eine originalgetreue Kopie aus Bronze. Am 20. September 1953 wurde das neue Kiepenkerl-Denkmal feierlich enthüllt, in Anwesenheit von Bundespräsident Theodor Heuss​. Heuss zeigte sich damals begeistert von Münsters Charme und unterstrich mit seiner Präsenz die Bedeutung dieser Symbolfigur für die Stadt.

Seither steht der bronzene Kiepenkerl fest auf seinem Sockel und hat viel miterlebt. Direkt gegenüber laden zwei Traditionsgaststätten – passenderweise „Großer Kiepenkerl“ und „Kleiner Kiepenkerl“ genannt – zu westfälischer Gastlichkeit ein. Das kleine Kopfsteinpflaster-Plätzchen rund um die Statue ist bis heute ein beliebter Treffpunkt in Münsters Altstadt, wo Einheimische und Besucher gern „am Kiepenkerl“ zusammenkommen​. Das Denkmal selbst zog sogar internationale Aufmerksamkeit auf sich: 1987 schuf der US-Künstler Jeff Koons im Rahmen der Skulptur Projekte Münster eine glänzende Edelstahl-Kopie des Kiepenkerls​. Koons’ Version reiste später weiter und ist heute im Hirshhorn Museum in Washington, D.C. ausgestellt – ein Stück Münster in der Ferne. Das Original in Münster aber bleibt unverrückbar an seinem Platz und erinnert Tag für Tag an die Geschichte und die Traditionen der Region.

Der Kiepenkerl heute: Wahrzeichen und lebendiges Erbe

Heute ist der Kiepenkerl aus Münster nicht wegzudenken. Als Wahrzeichen verkörpert er die Verbundenheit der Stadt mit ihrer Geschichte und ihren Wurzeln. Ob als Skulptur im Herzen der Altstadt oder als lebendige Figur bei Brauchtumsveranstaltungen – der Kiepenkerl symbolisiert ein Stück Identität für Münster und das Münsterland. Viele Münsteraner verabreden sich gerne „beim Kiepenkerl“, und für Touristen gehört ein Foto mit der Statue zum Pflichtprogramm. Auf unzähligen Postkarten, in Reiseführern und sogar in Kreuzworträtseln steht der Kiepenkerl stellvertretend für Münster und seine traditionsreiche Altstadt​.

Darüber hinaus lebt der Spirit des Kiepenkerls in modernen Formen weiter. Die Idee des direkten Handels zwischen Bauern und Bürgern spiegelt sich heute in Wochenmärkten wider – zum Beispiel auf dem Münsteraner Wochenmarkt am Domplatz, wo Erzeuger aus der Region ihre Waren anbieten und so die Stadt-Land-Tradition fortführen. Der historische Wanderhändler mag im Alltag verschwunden sein, doch sein Erbe trägt zur lokalen Wirtschaft bei: Das Kiepenkerl-Viertel mit seinen Gaststätten und Läden zieht Besucher an und belebt die Innenstadt. Nicht zuletzt haben findige Unternehmer den Namen „Kiepenkerl“ auch als Marke genutzt – etwa für traditionelle Gaststätten oder als Logo einer Saatgutmarke – was zeigt, welchen positiven Ruf diese Symbolfigur genießt.

Der Kiepenkerl steht heute sinnbildlich für Tradition, Zusammenhalt und westfälische Lebenskultur. Vom einstigen Wanderhändler, der Waren und Geschichten brachte, hat er sich zum Identifikationssymbol einer ganzen Region gewandelt. Die Stadt Münster ehrt und pflegt dieses Erbe: So bleibt der Kiepenkerl im Stadtbild und im Bewusstsein der Menschen lebendig. Er erinnert daran, woher Münster kommt, und er lädt dazu ein, das lokale Brauchtum wertzuschätzen – ein lebendes Stück Geschichte mitten im modernen Münster.