
Steffen Bilger und Deutsche Bahn stehen zu Beginn der neuen Woche gleich aus mehreren Gründen im Mittelpunkt der Verkehrspolitik. Der erst seit dem 29. Juli amtierende Bundesverkehrsminister hatte am Sonntag, 9. August 2026, angekündigt, die Bonuszahlungen für Bahnmanager stärker davon abhängig machen zu wollen, ob vom Bund vorgegebene Ziele erreicht werden. Nur einen Tag später erlebte der CDU-Politiker auf seiner Sommerreise selbst ein Bahnproblem: In seinem ICE von Berlin nach Hamburg fiel in einem Wagen der zweiten Klasse die Klimaanlage aus. Der Wagen wurde geräumt und gesperrt. Später erreichte Bilger Kiel mit einem Regionalexpress nach Angaben des NDR 13 Minuten verspätet.
Ausgangspunkt der aktuellen Debatte ist ein Interview Bilgers mit der „Bild am Sonntag“, das am 9. August veröffentlicht und am Montag auch vom Bundesverkehrsministerium dokumentiert wurde. Darin bezeichnete Bilger die bisherigen Pünktlichkeitswerte im Fernverkehr als unzureichend. Nach seiner Darstellung soll eine bevorstehende Vereinbarung zwischen dem Bund und der Deutschen Bahn nicht nur die Finanzierung der Infrastruktur regeln, sondern zugleich klare Zielvorgaben enthalten. Werden diese verfehlt, soll sich das nach Bilgers Willen konkret auf die Bonuszahlungen der Führungskräfte auswirken.
Bilger verwies dabei auf das Ziel, die betriebliche Pünktlichkeit im Fernverkehr bis 2029 auf mindestens 70 Prozent zu steigern. Die Deutsche Bahn selbst nennt für 2025 eine Quote von 60,1 Prozent und für 2026 zunächst ein Ziel von 60 Prozent. Im Juni 2026 erreichten nach Angaben des Konzerns nur 52,6 Prozent der Fernverkehrshalte die von der Bahn verwendete Pünktlichkeitsgrenze von weniger als sechs Minuten Verspätung. Die Bahn führte den starken Rückgang im Juni unter anderem auf Extremwetter zurück.
Am Montag bekam Bilger die Probleme des Bahnverkehrs auf seiner ersten Sommerreise als Minister unmittelbar zu sehen. Nach Informationen von ZDFheute fiel während seiner Fahrt im ICE vom Berliner Hauptbahnhof nach Hamburg die Klimaanlage in dem von ihm genutzten Wagen der zweiten Klasse aus. Der Wagen wurde geräumt und anschließend gesperrt. Nach der Darstellung des ZDF konnte die Sicherheit der Reisenden dort nicht mehr gewährleistet werden. Bilger musste in einen anderen Wagen wechseln.
Die Reise führte den Verkehrsminister anschließend weiter nach Schleswig-Holstein. In Pinneberg und Kiel standen unter anderem Sicherheit in Zügen, Bahnhöfe und mehrere große Infrastrukturprojekte auf dem Programm. Nach Angaben des NDR traf Bilger mit dem Regionalexpress 7 schließlich 13 Minuten verspätet in Kiel ein. Dort äußerte er sich unter anderem zur Sicherheit des Bahnpersonals. Er kündigte Gespräche innerhalb der Bundesregierung über härtere Konsequenzen bei Angriffen auf Zugbegleiter an und sprach sich zudem für einen Test von Bodycams mit Tonaufzeichnung aus.
Bilgers Vorstoß bedeutet nicht, dass die Pünktlichkeit bislang überhaupt keine Rolle für die variable Vergütung der Bahnführung gespielt hätte. Der Geschäftsbericht der Deutschen Bahn für 2025 nennt die betriebliche Pünktlichkeit ausdrücklich als eine Kennzahl der kurzfristigen variablen Vergütung. Auch Kundenzufriedenheit, wirtschaftliche Kennzahlen und weitere Faktoren sind beziehungsweise waren Bestandteil des Vergütungssystems.
Neu wäre deshalb vor allem eine stärkere und unmittelbarere Verbindung zwischen den vom Bund gesetzten Zielen und den finanziellen Folgen für das Management. Auch Bilgers Vorgänger Patrick Schnieder hatte bereits angekündigt, die variable Vergütung stärker an den Zielen des Konzerns auszurichten. Wie genau Bilger das bestehende System verändern will, war zunächst nicht vollständig festgelegt. Über Veränderungen am Vergütungssystem entscheidet zudem nicht der Verkehrsminister allein. Nach Angaben der Deutschen Bahn erarbeitet der Personalausschuss des Aufsichtsrats entsprechende Vorschläge, über die anschließend der Aufsichtsrat beschließt.
Am Montag verschärfte der Fahrgastverband Pro Bahn die Debatte. Bundesvorsitzender Lukas Iffländer forderte, die Pünktlichkeit künftig strenger zu bewerten. Nach seiner Vorstellung sollten Verspätungen bereits ab drei Minuten berücksichtigt werden. Außerdem sollten ausgefallene Züge in die Bewertung einfließen. Die Deutsche Bahn wertet einen Halt bei der betrieblichen Pünktlichkeit derzeit noch als pünktlich, solange die Verspätung unter sechs Minuten bleibt.
Iffländer verband seine Forderung mit deutlicher Kritik am bisherigen System. Nach seiner Darstellung müsse Bilger verhindern, dass Zieldefinitionen so ausgestaltet würden, dass schlechte Leistungen dennoch zu Bonuszahlungen führen könnten. Der Ehrenvorsitzende des Verbandes, Karl-Peter Naumann, hatte Bilgers grundsätzliche Richtung zuvor unterstützt, zugleich aber auch den Bund in die Pflicht genommen. Der Eigentümer müsse eindeutige Vorgaben machen, diese kontrollieren und gleichzeitig ausreichend Mittel für die Infrastruktur bereitstellen, erklärte Naumann.
Auch aus anderen Parteien gab es Reaktionen auf Bilgers Vorstoß. Isabell Cademartori, Obfrau der SPD im Verkehrsausschuss des Bundestages, begrüßte ausdrücklich, dass Bonuszahlungen stärker an die Pünktlichkeit gekoppelt werden sollen. Sie verwies darauf, dass die Politik umfangreiche Investitionen in die Infrastruktur bereitstelle und sich diese auch in einer zuverlässigeren Bahn niederschlagen müssten.
Die stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Julia Verlinden unterstützte den Grundgedanken ebenfalls, setzte aber einen anderen Schwerpunkt. Sie erklärte, dass Verspätungen und Zugausfälle vor allem auf die über viele Jahre unzureichend finanzierte Schieneninfrastruktur zurückzuführen seien. Thüringens Digital- und Infrastrukturminister Steffen Schütz vom BSW kritisierte seinerseits die bisherigen Maßstäbe für Bonuszahlungen und stellte infrage, warum Sonderzahlungen auch bei vergleichsweise niedrigen Zielmarken möglich seien. Eine Stellungnahme der Deutschen Bahn zu Bilgers konkretem Vorstoß lag auf eine entsprechende Anfrage zunächst nicht vor.
Steffen Bilger wurde am 16. Februar 1979 im bayerischen Schongau geboren und wuchs in Baden-Württemberg auf. Er gehört der CDU seit 1996 an. Nach dem Abitur in Backnang und dem Zivildienst studierte er Rechtswissenschaften an der Universität Tübingen. Nach dem ersten Staatsexamen folgte das Rechtsreferendariat am Landgericht Stuttgart. 2006 schloss Bilger auch das zweite juristische Staatsexamen ab und arbeitete anschließend im Bereich der Energiewirtschaft.
Seine politische Laufbahn begann früh in der Jungen Union. Von 2006 bis 2011 führte er die Junge Union Baden-Württemberg. Seit 2011 steht er dem CDU-Bezirksverband Nordwürttemberg vor. 2009 zog Bilger erstmals in den Deutschen Bundestag ein. Dort beschäftigte er sich früh intensiv mit Verkehrsfragen und gehörte mehrere Jahre dem zuständigen Ausschuss an. Von März 2018 bis Dezember 2021 war er Parlamentarischer Staatssekretär im damaligen Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur und gehörte damit bereits zur politischen Führung des Hauses.
Nach dem Ende der damaligen Bundesregierung wechselte Bilger zurück in eine führende Rolle innerhalb der Unionsfraktion. Von 2021 bis 2025 war er stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Im Mai 2025 wurde er Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Dieses Amt hatte er bis zu seinem Wechsel in die Bundesregierung im Sommer 2026 inne. Am 29. Juli 2026 ernannte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Bilger zum Bundesminister für Verkehr. Er folgte auf Patrick Schnieder.
Neben seinem Ministeramt ist Bilger weiterhin Bundestagsabgeordneter. Seit seinem ersten Einzug 2009 gewann er den Wahlkreis Ludwigsburg jeweils direkt. Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt er dort 36,5 Prozent der Erststimmen. Es war sein fünfter direkter Wahlerfolg in Folge. Der Wahlkreis trägt die Nummer 265 und umfasst neben Ludwigsburg unter anderem Ditzingen, Gerlingen, Kornwestheim, Remseck am Neckar, Vaihingen an der Enz und weitere Kommunen des Landkreises Ludwigsburg.
Die Verbindung zum Wahlkreis spielt auch für Bilgers verkehrspolitisches Profil eine Rolle. Baden-Württemberg gehört zu den Bundesländern mit besonders intensiven Debatten über Schienenprojekte, Autobahnausbau, Pendlerverkehr und die Zukunft der Verkehrsinfrastruktur. Als Staatssekretär und Verkehrspolitiker war Bilger bereits vor seinem Ministeramt mit zahlreichen dieser Themen befasst. Seine neue Funktion erweitert diese Verantwortung nun auf das gesamte Bundesgebiet.
Entscheidend wird nun sein, wie Bilgers Ankündigung praktisch umgesetzt wird. Er selbst hat eine neue Vereinbarung zwischen Bund und Bahn angekündigt, in der sowohl die Bereitstellung von Infrastrukturmitteln als auch konkrete Zielvorgaben eine Rolle spielen sollen. Welche Pünktlichkeitswerte künftig unmittelbar über einzelne Bonusbestandteile entscheiden, wie stark eine Zielverfehlung die Vergütung reduziert und ob auch Zugausfälle stärker berücksichtigt werden, war am Montag noch nicht abschließend festgelegt.
Für Änderungen am Vergütungssystem muss außerdem die Unternehmensstruktur der Deutschen Bahn berücksichtigt werden. Die DB AG ist vollständig im Eigentum des Bundes, wird aber als Aktiengesellschaft mit Vorstand und Aufsichtsrat geführt. Der Aufsichtsrat überwacht den Vorstand und entscheidet über wesentliche Fragen der Vorstandsvergütung. Bilgers politischer Einfluss ergibt sich deshalb vor allem aus der Eigentümerrolle des Bundes, den Zielvorgaben und der Finanzierungspolitik. Ob daraus tatsächlich ein deutlich schärferes Bonussystem entsteht, hängt von den konkreten Beschlüssen ab. Fest steht bislang, dass Bilger die Pünktlichkeit zu einem zentralen Maßstab seiner noch jungen Amtszeit machen will.






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