
Der französische Zughersteller Alstom hat am Montag, 2. November 2026, seine Erwartungen für das laufende Geschäftsjahr deutlich zurückgenommen und damit einen massiven Kursrückgang ausgelöst. Die Alstom-Aktie verlor an der Pariser Börse im frühen Handel zeitweise rund 30 Prozent. Hintergrund sind technische Schwierigkeiten und Verzögerungen bei Bahnprojekten, insbesondere in Deutschland. Der Konkurrent von Siemens Mobility erwartet inzwischen eine wesentlich geringere operative Gewinnmarge und einen erheblichen Mittelabfluss.
Die neue Jahresprognose fällt erheblich schwächer aus als bislang angekündigt. Alstom erwartet für das Geschäftsjahr 2026/27, das Ende März 2027 endet, nur noch eine bereinigte operative Gewinnmarge von rund 1 Prozent. Zuvor hatte das Unternehmen mit etwa 6,5 Prozent gerechnet.
Gleichzeitig verschlechtert sich die Einschätzung zur finanziellen Entwicklung. Beim freien Cashflow rechnet Alstom inzwischen mit einem negativen Ergebnis von rund 1,5 Milliarden Euro. Ursprünglich hatte der Konzern einen positiven Wert in Aussicht gestellt. Der freie Cashflow zeigt vereinfacht, wie viel Geld einem Unternehmen nach den laufenden Geschäften und Investitionen zur Verfügung steht.
Auch seine Produktionsplanung hat Alstom korrigiert. Statt der bisher erwarteten 4.400 bis 4.500 Schienenfahrzeugeinheiten sollen im Gesamtjahr nur noch etwa 4.000 hergestellt werden. Das organische Umsatzwachstum wird nun im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich erwartet, nachdem zuvor rund 5 Prozent vorgesehen waren.
Eine wesentliche Ursache der verschlechterten Geschäftsaussichten liegt bei der Regionalzugplattform Coradia Max. Die elektrischen Doppelstockzüge werden unter anderem für den deutschen Regionalverkehr produziert. Nach Angaben von Alstom führten zusätzliche technische Schwierigkeiten und umfangreichere Prüfanforderungen zu Verzögerungen bei der Zulassung und Fertigung.
Bereits im ersten Quartal des Geschäftsjahres wurde die Produktion der betroffenen Plattform zeitweise unterbrochen, um technische Probleme zu beheben und spätere Nacharbeiten möglichst zu vermeiden. Weitere Überprüfungen laufender Schienenfahrzeugprojekte ergaben zusätzlichen Arbeitsbedarf und Auswirkungen auf die Zeitpläne.
Diese Entwicklungen belasten die erwartete Rentabilität einzelner Aufträge. Zudem verschieben sich Zahlungen, die Alstom bei erreichten Projektmeilensteinen erhalten sollte, teilweise in spätere Geschäftsjahre. Dadurch verschlechtert sich die Liquiditätsplanung des Konzerns.
Zu den deutschen Kunden des Herstellers gehören unter anderem die Deutsche Bahn und mehrere Bundesländer. Die Coradia-Max-Plattform spielt bei der geplanten Modernisierung des Regionalverkehrs eine wichtige Rolle. Welche einzelnen Liefertermine durch die aktuellen Schwierigkeiten zusätzlich betroffen sind, ging aus der Unternehmensmitteilung vom Montag nicht vollständig hervor.
Wie stark sich die operativen Probleme bereits ausgewirkt haben, verdeutlichen die vorläufigen Halbjahreszahlen. In den sechs Monaten bis Ende September 2026 erwirtschaftete Alstom einen Umsatz von 9,3 Milliarden Euro. Das entsprach einem Anstieg von 3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Der Auftragseingang erhöhte sich um 5 Prozent auf 11 Milliarden Euro. Das Neugeschäft entwickelte sich damit weiterhin positiv.
Bei der Profitabilität zeigte sich dagegen ein deutlicher Rückgang. Die bereinigte operative Marge lag im ersten Geschäftshalbjahr bei ungefähr minus 4 Prozent. Ein Jahr zuvor hatte sie noch 6,4 Prozent erreicht. Der freie Cashflow lag bei minus 1,248 Milliarden Euro, nachdem im Vorjahreszeitraum ein Mittelabfluss von 740 Millionen Euro verzeichnet worden war.
Zugleich stieg die Nettoverschuldung von 400 Millionen Euro Ende März auf rund 1,1 Milliarden Euro Ende September 2026. Die Zahlen sind vorläufig und noch nicht abschließend geprüft.
An den Finanzmärkten löste die Veröffentlichung einen massiven Kursrückgang aus. Die Alstom-Aktie fiel am Montagmorgen an der Pariser Börse zeitweise um rund 30 Prozent. Laut Kursdaten von MarketScreener lag der Aktienkurs am 2. November gegen 9.33 Uhr bei 11,42 Euro. Das entsprach einem Minus von 27,74 Prozent gegenüber dem vorherigen Schlusskurs.
Bereits vor Beginn des regulären Handels hatten die Papiere auf deutschen Handelsplattformen deutlich nachgegeben. Ausschlaggebend für die negative Marktreaktion war insbesondere die erhebliche Verschlechterung der Gewinn- und Cashflow-Prognose.
Die erneute Warnung verstärkt die Unsicherheit über die weitere Entwicklung des Unternehmens. Bereits im April 2026 hatte Alstom seine mittelfristigen Finanzziele wegen Schwierigkeiten bei größeren Zugaufträgen angepasst.
Als Reaktion auf die Entwicklung hat Alstom ein Programm zur finanziellen und operativen Stabilisierung angekündigt. Der Verwaltungsrat strebt an, die Verschuldung bis September 2027 um rund zwei Milliarden Euro zu verringern.
Dafür sollen unterschiedliche Maßnahmen geprüft werden. Dazu gehören sowohl interne Möglichkeiten zur Verbesserung der Finanzlage als auch strukturelle Optionen. Konkrete Entscheidungen über mögliche Verkäufe von Geschäftsbereichen wurden zunächst nicht bekannt gegeben.
Zusätzlich hat sich Alstom nach eigenen Angaben am 1. November eine neue Kreditlinie über zwei Milliarden Euro gesichert. Diese soll den finanziellen Handlungsspielraum erweitern. Der Konzern möchte zugleich seine Bonität im Investment-Grade-Bereich halten.
Alstom-Chef Martin Sion erklärte, seit seinem Amtsantritt im April 2026 habe er eine umfassendere Überprüfung der Risiken laufender Projekte veranlasst. Die Ergebnisse dieser Untersuchung hätten zur aktuellen Neubewertung beigetragen. Ziel sei es, die operative Entwicklung ab dem kommenden Geschäftsjahr wieder zu normalisieren.
Alstom gehört neben Siemens Mobility zu den bedeutenden Herstellern von Bahntechnik in Europa. Das Unternehmen liefert Regionalzüge, Hochgeschwindigkeitszüge, Straßenbahnen und technische Systeme für den Schienenverkehr. Die aktuellen Schwierigkeiten betreffen damit einen zentralen Anbieter für die Modernisierung der europäischen Bahninfrastruktur.
Die Entwicklung verdeutlicht zugleich die finanziellen Risiken großer Schienenfahrzeugprojekte. Zwischen Vertragsabschluss und vollständiger Auslieferung können mehrere Jahre liegen. Technische Änderungen, zusätzliche Zulassungsanforderungen und verzögerte Inbetriebnahmen können sich deshalb erheblich auf die Kosten und den Zeitpunkt von Zahlungen auswirken.
Trotz der aktuellen Probleme verfügt Alstom weiterhin über einen hohen Auftragseingang. Das Verhältnis zwischen neuen Bestellungen und Umsatz lag im ersten Geschäftshalbjahr bei 1,2. Der Konzern erhielt somit mehr neue Aufträge, als er im gleichen Zeitraum an Umsatz erwirtschaftete.
Für die kommenden Jahre strebt das Unternehmen wieder höhere Gewinne an. Mittelfristig soll die bereinigte operative Marge zwischen 8 und 10 Prozent liegen. Zunächst muss Alstom jedoch die Schwierigkeiten bei laufenden Projekten beheben und seine Liquiditätsentwicklung stabilisieren.
Die endgültigen Halbjahresergebnisse will der Konzern am 17. November 2026 veröffentlichen. Weitere Einzelheiten zur langfristigen Unternehmensstrategie sind für das zweite Quartal 2027 angekündigt.
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