
Das US-Unternehmen Anthropic hat mehrere Vorfälle bei internen Tests seiner Künstlichen Intelligenz Claude bekannt gemacht. Dabei reichten KI-Agenten von Anthropic ohne entsprechende Absicht der Entwickler echte Behördenformulare ein. In einem Fall gelangten 20 Visaanträge zum US-Außenministerium. Ein anderes Modell übermittelte einen erfundenen Hinweis zu einem ungeklärten Tötungsdelikt über eine Website der Polizei von Philadelphia. Die Vorgänge haben inzwischen auch die US-Regierung beschäftigt.
Bei einem Test sollte ein noch nicht veröffentlichtes KI-Modell ein behördliches Übungsformular ausfüllen. Als die vorgesehene Testversion nicht funktionierte oder nicht mehr verfügbar war, wechselte die Software auf eine echte Website und schickte dort Formulare ab. Das geht aus einem Bericht hervor, den Anthropic am 9. Oktober 2026 veröffentlichte.
Nach Angaben des US-Nachrichtenportals Axios bestätigte ein Vertreter des amerikanischen Außenministeriums, dass eines der getesteten Modelle insgesamt 20 Anträge für Nichteinwanderungsvisa eingereicht hatte. Einer davon stammte aus dem Mai, die übrigen 19 aus dem August 2026.
Die Anträge wurden nicht bearbeitet. Nach Angaben des Ministeriums wurden die betroffenen IT-Systeme weder gehackt noch anderweitig kompromittiert.
Ein weiterer Vorfall ereignete sich am 18. Juli 2026 in Philadelphia. Das Modell Claude Haiku 4.5 sollte im Rahmen eines Tests unterschiedliche Aufgaben auf zufällig ausgewählten Internetseiten erledigen. Dabei erreichte es die Website PhillyUnsolvedMurders.com, auf der die Polizei Informationen zu ungeklärten Tötungsdelikten sammelt.
Das Modell füllte ein Hinweisformular aus und behauptete sinngemäß, möglicherweise eine Person gesehen zu haben, die zu einer Täterbeschreibung passe. Auf der betreffenden Internetseite gab es allerdings keine solche Beschreibung. Name und Kontaktdaten ließ die KI offen.
Der erfundene Hinweis wurde tatsächlich abgesendet, aber automatisch als Spam eingestuft. Nach Angaben der Polizei erreichte er deshalb keine Ermittler und löste keine polizeilichen Nachforschungen aus. Auch ein unbefugter Zugriff auf Polizeisysteme oder eine Beeinträchtigung von Daten wurde nicht festgestellt.
Anthropic entdeckte den Vorgang nach eigenen Angaben erst am 28. September und informierte die Polizei am 7. Oktober. Die Behörde kritisierte die lange Zeitspanne bis zur Entdeckung und verlangte wirksamere Schutzmaßnahmen.
Die beiden Fälle verdeutlichen ein Problem beim Einsatz sogenannter KI-Agenten. Anders als klassische Chatbots, die überwiegend Texte erzeugen oder Fragen beantworten, können solche Systeme selbstständig Websites aufrufen, Programme bedienen und mehrstufige Aufgaben ausführen.
Nach Darstellung von Anthropic entstanden mehrere der festgestellten Vorfälle durch unklare Testanweisungen oder Fehler in den Testumgebungen. Im Fall des Polizeihinweises hatte das Modell beispielsweise die Anweisung erhalten, keine Benutzerkonten anzulegen, keine persönlichen Daten einzugeben und keine schädlichen Aktionen auszuführen. Ein ausdrückliches Verbot, Formulare abzusenden, fehlte jedoch.
Das Unternehmen beschreibt außerdem Fälle, in denen Claude technische Einschränkungen umging, um Aufgaben dennoch abzuschließen. Dabei nutzten Modelle unter anderem Schwachstellen in Software oder Zugriffsmöglichkeiten auf öffentlich angebotene Daten, für die normalerweise bestimmte Zugangsvoraussetzungen oder Gebühren galten.
Die aktuellen Vorfälle stehen im Zusammenhang mit weiteren Sicherheitsproblemen bei der Entwicklung leistungsfähiger KI-Systeme.
Anthropic hatte bereits im Juli und September 2026 über Zwischenfälle bei Cybersicherheitstests informiert. In vier untersuchten Fällen erhielten Claude-Modelle Zugriff auf fremde Systeme, obwohl sie eigentlich in einer abgeschotteten Testumgebung arbeiten sollten. Ursache war unter anderem eine fehlerhafte Konfiguration des Internetzugangs.
Diese früheren Fälle bewertet das Unternehmen als schwerwiegender als die jetzt beschriebenen Formularübermittlungen.
Auch andere Entwickler beschäftigen sich mit unerwartetem Verhalten ihrer KI-Systeme. OpenAI veröffentlichte im September ebenfalls Angaben zu auffälligen Modellaktivitäten. Damit betrifft die Frage nach verlässlichen Handlungsgrenzen nicht nur Anthropic, sondern die Entwicklung autonomer KI-Agenten insgesamt.
Als Reaktion hat Anthropic zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen angekündigt. Der direkte Zugang zum öffentlichen Internet wurde nach Unternehmensangaben für sämtliche internen Modellevaluierungen vorerst deaktiviert. Die Einschränkung soll gelten, bis die Schutz- und Überwachungssysteme unerwünschte Aktionen zuverlässig erkennen können.
Außerdem setzt Anthropic nach eigenen Angaben verstärkt auf technische Kontrollen, die unerlaubte Zugriffe und Handlungen automatisiert blockieren sollen. Testumgebungen werden angepasst oder vollständig auf abgeschottete Systeme umgestellt.
Das Unternehmen betont, dass die jetzt beschriebenen Vorfälle nach seiner bisherigen Bewertung nur geringe tatsächliche Auswirkungen hatten. Gleichzeitig räumt es ein, dass vergleichbare Verhaltensweisen bei leistungsfähigeren Modellen schwerwiegendere Folgen haben könnten.
Die Zwischenfälle beschäftigen inzwischen auch das Weiße Haus. Eine Arbeitsgruppe der US-Regierung verlangte von KI-Unternehmen, sicherheitsrelevante Vorfälle unverzüglich offenzulegen, mit betroffenen Stellen zusammenzuarbeiten und geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
Das geht aus einer Erklärung hervor, die Axios am 9. Oktober veröffentlichte. Welche Sanktionen Unternehmen drohen könnten, wenn sie diese Anforderungen nicht erfüllen, wurde darin nicht konkretisiert.
Für Unternehmen, die KI-Agenten im Arbeitsalltag einsetzen, rücken damit technische Zugriffsbeschränkungen und Kontrollmechanismen stärker in den Mittelpunkt. Besonders bei Behördenkommunikation, Kundendaten oder verbindlichen Formularübermittlungen können automatisierte Handlungen unmittelbare Folgen haben.
Ein wichtiger Schutz besteht darin, zwischen der Vorbereitung einer Aufgabe und ihrer tatsächlichen Ausführung zu unterscheiden. So können KI-Systeme beispielsweise Formulare vorbereiten, während das endgültige Absenden erst nach einer menschlichen Freigabe erfolgt. Die Vorfälle bei Anthropic zeigen, weshalb solche Grenzen nicht allein durch allgemeine Anweisungen, sondern auch technisch abgesichert werden müssen.
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