
Die Genuss-Bäckerei Tillmann aus Balve im Sauerland befindet sich in einem Insolvenzeröffnungsverfahren. Betroffen sind 105 Beschäftigte. Der Geschäftsbetrieb soll zunächst weiterlaufen, ebenso die Produktion und der Verkauf in den acht Filialen. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Rechtsanwalt Dr. Jan Janßen aus Köln bestellt. Eine endgültige Entscheidung über die Eröffnung des Insolvenzverfahrens ist damit noch nicht gefallen.
Zum Familienbetrieb gehören nach den aktuellen Angaben acht Filialen, das Stammhaus in Balve, eine Eisdiele und ein Verkaufswagen. Für Kunden sollen sich durch das laufende Verfahren zunächst keine unmittelbaren Änderungen ergeben. Die Standorte bleiben geöffnet und die Herstellung von Backwaren wird fortgesetzt.
Zum Filialnetz gehören Standorte in mehreren Städten des Sauerlands und des Märkischen Kreises. Belegt sind unter anderem das Stammgeschäft an der Hauptstraße 25 in Balve, eine Filiale an der Ersten Straße 30 in Neuenrade sowie Geschäfte an der Amecker Straße 39 und an der Langscheider Straße 47 in Sundern. In Menden-Lendringsen wird Tillmann am Bieberberg 69 geführt. Auch in Neuenrade-Affeln betrieb das Unternehmen eine Filiale.
Eine vollständige aktuelle Zuordnung aller acht Verkaufsstellen zu einzelnen Adressen wurde bislang nicht vom Unternehmen veröffentlicht. Fest steht jedoch, dass das heutige Netz deutlich kleiner ist als noch vor einigen Jahren. Im Jahr 2020 wurden für Tillmann zwölf Filialen im Märkischen Kreis und im Hochsauerlandkreis genannt. Ein älterer Unternehmenseintrag führte zeitweise sogar 13 Filialen auf. Gründe für die Verringerung des Filialnetzes lassen sich daraus nicht ableiten.
Die Genuss-Bäckerei Tillmann befindet sich nach aktuellen Angaben im 61. Jahr ihres Bestehens. Der Betrieb blickt damit auf mehr als sechs Jahrzehnte Firmengeschichte zurück. Auch der Standort in der Balver Innenstadt hat eine längere Geschichte: Bereits seit 1975 nutzte die Familie ein Ladenlokal an der Hauptstraße. 2014 zog die Bäckerei in größere Räume im ehemaligen Kaiserlichen Postamt. Dort entstand neben dem Verkauf auch ein größerer Cafébereich.
Das Unternehmen baute sein Filialnetz in den folgenden Jahren in der Region aus. Im Jahr 2020 eröffnete Tillmann beispielsweise im Neuenrader Ortsteil Affeln eine Filiale in den Räumen eines zuvor geschlossenen Dorfladens. Damals umfasste das Netz zwölf Verkaufsstellen. Zur Bäckerei gehört außerdem eine Eisdiele in Balve, deren Eröffnung bereits 2016 vorbereitet wurde.
Die Insolvenz der Genuss-Bäckerei Tillmann bedeutet nicht automatisch, dass der Betrieb eingestellt wird. Aktuell läuft zunächst das sogenannte Insolvenzeröffnungsverfahren. In dieser Phase prüft das zuständige Insolvenzgericht, ob die gesetzlichen Voraussetzungen für die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens vorliegen und ob ausreichend Vermögen vorhanden ist, um die Verfahrenskosten zu decken. Das Gericht kann dafür einen vorläufigen Insolvenzverwalter bestellen.
Nach der Insolvenzordnung gehört es zu den möglichen Aufgaben eines vorläufigen Insolvenzverwalters, das vorhandene Vermögen zu sichern und die wirtschaftliche Situation zu prüfen. Bei entsprechender gerichtlicher Anordnung kann auch untersucht werden, welche Aussichten für die Fortführung eines Unternehmens bestehen. Erst anschließend entscheidet das Insolvenzgericht über die Eröffnung des eigentlichen Insolvenzverfahrens.
Eine feste gesetzliche Frist, innerhalb derer ein gewöhnliches Insolvenzeröffnungsverfahren abgeschlossen sein muss, gibt es nicht. Deshalb lässt sich derzeit auch kein konkreter Termin nennen, zu dem über die weitere Zukunft von Tillmann entschieden wird.
Für die 105 Beschäftigten spielt das Insolvenzgeld eine zentrale Rolle. Die Bundesagentur für Arbeit kann ausgefallenes Arbeitsentgelt für die letzten drei Monate des Arbeitsverhältnisses vor dem maßgeblichen Insolvenzereignis ersetzen. In der Regel entspricht die Leistung dem Nettoarbeitsentgelt, wobei gesetzliche Obergrenzen gelten. Auch Sozialversicherungsbeiträge können für diesen Zeitraum übernommen werden.
Der Anspruch entsteht allerdings nicht bereits allein durch die Stellung eines Insolvenzantrags. Als Insolvenzereignis gilt unter anderem die tatsächliche Eröffnung des Insolvenzverfahrens oder die Abweisung des Eröffnungsantrags mangels Masse. Arbeitnehmer müssen Insolvenzgeld grundsätzlich innerhalb von zwei Monaten nach dem Insolvenzereignis beantragen. Unter bestimmten Voraussetzungen ist auch eine Vorfinanzierung möglich.
Rainer Tillmann erklärte, die Löhne und Gehälter der Belegschaft seien für drei Monate gesichert. Konkrete Angaben zur technischen Ausgestaltung der Absicherung wurden zunächst nicht veröffentlicht.
Nach Darstellung von Rainer Tillmann haben sich die wirtschaftlichen Probleme über einen Zeitraum von rund eineinhalb Jahren aufgebaut. Er nennt eine schwache Konjunktur, Baustellen im Umfeld verschiedener Verkaufsstellen, gestiegene Personalkosten, höhere Kraftstoffpreise und bürokratische Belastungen. Zudem verweist er auf den Wettbewerb mit Discountern.
Diese Angaben beschreiben die Einschätzung des Unternehmers. Eine unabhängig geprüfte Aufschlüsselung dazu, welchen Anteil die einzelnen Faktoren an der finanziellen Lage des Betriebs hatten, lag zunächst nicht vor.
Die Probleme einzelner Bäckereien treffen auf eine Branche, deren Struktur sich seit Jahren verändert. Nach Zahlen des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks sank die Zahl der in die Handwerksrolle eingetragenen Bäckereibetriebe in Deutschland von 12.155 im Jahr 2015 auf 8.659 im Jahr 2025. Das entspricht einem Rückgang um knapp 29 Prozent innerhalb von zehn Jahren.
Auch die Beschäftigtenzahl ging zurück. 2015 arbeiteten dem Verband zufolge rund 275.200 Menschen im Bäckerhandwerk, 2025 waren es noch etwa 232.000. Gleichzeitig stieg der Branchenumsatz von 13,99 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf 18,14 Milliarden Euro im Jahr 2025. Allein ein steigender nominaler Umsatz bedeutet daher nicht, dass die Zahl der Betriebe wächst.
Die verbleibenden Unternehmen werden im Durchschnitt größer. Für 2025 nennt der Zentralverband im bundesweiten Mittel 26,8 Beschäftigte je Betrieb. Mit 105 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern liegt Tillmann deutlich darüber und zählt damit nicht zu den kleinen Einzelbäckereien mit nur einem Verkaufsstandort.
Der Inhaber verfolgt nach eigenen Angaben das Ziel, die Bäckerei über das Verfahren zu sanieren. Welche Maßnahmen dafür notwendig werden, ist noch offen. Entscheidungen über mögliche Filialschließungen, Stellenabbau oder einen Verkauf von Betriebsteilen waren zunächst nicht bekannt.
Bis zu weiteren Entscheidungen läuft der Geschäftsbetrieb weiter. Für die Beschäftigten und die acht Filialen hängt die längerfristige Perspektive nun davon ab, ob im Insolvenzeröffnungsverfahren eine wirtschaftlich tragfähige Fortführung der Genuss-Bäckerei Tillmann erreicht werden kann.
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