
Die mögliche Übernahme von Evonik durch BASF sorgt für zunehmende Unruhe in der deutschen Chemieindustrie. Während sich die nordrhein-westfälische Landesregierung gegen den Zusammenschluss stellt, wächst bei Beschäftigten die Sorge um ihre berufliche Zukunft. Im Mittelpunkt steht die RAG-Stiftung, die mit 43,8 Prozent der Evonik-Aktien erheblichen Einfluss auf einen möglichen Verkauf besitzt. Ein erstes Angebot des Ludwigshafener Chemiekonzerns wurde nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters zurückgewiesen. Eine Entscheidung über die Zukunft von Evonik ist weiterhin nicht gefallen.
BASF hatte am 25. September 2026 offiziell bestätigt, mit Evonik und der RAG-Stiftung über einen möglichen Unternehmenskauf sondiert zu haben. Evonik bestätigte seinerseits eine unverbindliche Kontaktaufnahme, die auf ein öffentliches Übernahmeangebot für sämtliche Aktien gerichtet war. Zugleich erklärte das Essener Unternehmen, dass keine Gespräche stattfänden.
Nach Reuters-Informationen hatte BASF zunächst 22,15 Euro je Evonik-Aktie geboten. Daraus ergäbe sich ein Kaufpreis von rund 10,3 Milliarden Euro für sämtliche Aktien. Evonik soll dieses Angebot als zu niedrig zurückgewiesen haben. Eine offizielle Bestätigung der genannten Angebotshöhe durch die Unternehmen liegt nicht vor.
Am 9. Oktober berichtete Reuters unter Berufung auf mit dem Vorgang vertraute Personen, dass BASF bei entsprechenden Verhandlungen eine höhere Offerte erwägen könnte. Ein neues verbindliches Angebot war bis zum 17. Oktober nicht offiziell bekannt gegeben worden.
Eine zentrale Rolle spielt die RAG-Stiftung in Essen. Sie hält nach ihrer Mitteilung vom 25. September 43,8 Prozent der Aktien von Evonik und ist damit die größte Anteilseignerin des Spezialchemiekonzerns.
Die Stiftung finanziert mit Erträgen aus ihrem Vermögen langfristige Folgekosten des deutschen Steinkohlebergbaus. Dazu gehört insbesondere die dauerhafte Wasserhaltung in ehemaligen Bergwerken. Evonik entstand 2007 aus den Industrieaktivitäten des früheren Steinkohlekonzerns RAG.
Am 9. Oktober befasste sich das Kuratorium der Stiftung in einer außerordentlichen Sitzung mit dem Interesse von BASF. Das Gremium wurde nach Angaben der Stiftung über die Übernahmepläne informiert. Inhalte und Ergebnisse der Beratungen blieben vertraulich.
Dem Kuratorium gehören auch politische Vertreter an, darunter Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst. Vorsitzender ist der frühere NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Ein Verkauf der Evonik-Beteiligung durch die Stiftung würde die Zustimmung des zuständigen Gremiums erfordern.
Besonders groß ist die Unsicherheit an den Industriestandorten im Ruhrgebiet. Im Chemiepark Marl arbeiten nach WDR-Angaben rund 10.000 Menschen für unterschiedliche Unternehmen, darunter Evonik und Tochtergesellschaften. Bei Evonik selbst sind in Nordrhein-Westfalen rund 11.000 Menschen beschäftigt.
Die Sorgen betreffen mögliche Standortverlagerungen, den Abbau paralleler Verwaltungsstrukturen und weitere Stellenstreichungen. Konkrete Beschlüsse über einen übernahmebedingten Arbeitsplatzabbau gibt es allerdings nicht.
Unabhängig von den Übernahmeplänen läuft bei Evonik bereits ein umfangreiches Restrukturierungsprogramm. Nach einer Unternehmensmitteilung vom 22. September sollen weltweit rund 3.200 Stellen wegfallen, davon etwa 2.150 in Deutschland. Diese Maßnahmen gehören zum bestehenden Umbauprogramm und sind nicht als Folge einer möglichen BASF-Übernahme beschlossen worden.
Nach Informationen von Reuters vom 12. Oktober ist BASF bereit, bei einer möglichen Übernahme bestehende deutsche Standort- und Beschäftigungszusagen von Evonik zu übernehmen.
Demnach sollen betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland bis 2032 ausgeschlossen bleiben. Ein möglicher weiterer Personalabbau müsste auf freiwilliger Grundlage und mit Abfindungen erfolgen.
Die Angaben stammen von zwei Personen aus dem BASF-Umfeld. BASF selbst wollte sie gegenüber Reuters nicht kommentieren. Eine verbindliche neue Vereinbarung im Zusammenhang mit der geplanten Übernahme wurde damit zunächst nicht bestätigt.
Auch politisch ist die mögliche Übernahme von Evonik inzwischen umstritten. In einer Landtagsdebatte am 14. Oktober erklärte NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur von den Grünen, dass sich die Landesregierung gegen den Zusammenschluss ausspreche. Sie verwies insbesondere auf die Bedeutung von Evonik für Beschäftigung und industrielle Wertschöpfung.
Die SPD-Fraktion unter Vorsitz von Jochen Ott hatte gefordert, die Eigenständigkeit von Evonik zu sichern und verbindliche Zusagen für Arbeitsplätze, Investitionen und Standorte einzufordern.
Außerdem sollte geprüft werden, ob Nordrhein-Westfalen selbst Evonik-Aktien erwerben könnte. Gemeinsam mit der RAG-Stiftung hätte das Land auf diese Weise eine Mehrheit der Anteile erreichen können.
Der Antrag scheiterte jedoch am 14. Oktober im Landtag. CDU, Grüne, FDP und AfD stimmten dagegen. Wirtschaftsministerin Neubaur lehnte einen Aktienkauf durch das Land ebenfalls ab. Wie die Landesregierung eine unerwünschte Übernahme anderweitig verhindern könnte, blieb offen.
Die Übernahmepläne fallen in eine schwierige Phase für die europäische Chemieindustrie. Hohe Energiekosten, schwache Nachfrage und wachsende Konkurrenz aus Asien setzen Hersteller unter Druck. Auch BASF befindet sich seit mehreren Jahren in einem umfassenden Konzernumbau.
Evonik konzentriert sich auf Spezialchemikalien, die unter anderem in der Kunststoffindustrie, bei Kosmetikprodukten, Beschichtungen und Futtermitteln eingesetzt werden. BASF verfügt über ein breiteres Portfolio industrieller Chemieprodukte. Nach Angaben von BASF erzielte der Konzern 2025 weltweit einen Umsatz von rund 60 Milliarden Euro.
Ein Zusammenschluss könnte die Stellung des Unternehmens im internationalen Wettbewerb verändern. Ob mögliche wirtschaftliche Vorteile die Risiken für Beschäftigte und Standorte aufwiegen, ist allerdings offen.
Für Evonik ist die weitere Haltung der RAG-Stiftung deshalb von erheblicher Bedeutung. Ohne einen tragfähigen Vorschlag für die Aktionäre und Vereinbarungen mit den beteiligten Unternehmen ist eine Übernahme bislang nicht beschlossen.
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