
Eine neue Langzeitstudie mit fast 29.000 Menschen zeigt Unterschiede darin, welche Erkrankungen nach einer Diagnose von Typ-2-Diabetes bei Männern und Frauen erfasst werden. Frauen erhielten im Beobachtungszeitraum häufiger Diagnosen psychischer Erkrankungen, während bei Männern häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen, schwere Nierenerkrankungen und Bluthochdruck registriert wurden. Die Diabetes-Studie zu Folgeerkrankungen beschreibt dabei statistische Zusammenhänge und erlaubt keine Aussage darüber, dass das Geschlecht die jeweiligen Erkrankungen verursacht.
Die Untersuchung wurde am 25. August 2026 im Fachjournal PLOS Medicine veröffentlicht. Beteiligt waren Forschende des Wolfson Institute of Population Health und des William Harvey Research Institute an der Queen Mary University of London. Erstautorin ist Fabiola Eto vom Wolfson Institute.
Für die Untersuchung wertete das Forschungsteam anonymisierte elektronische Gesundheitsdaten aus Großbritannien aus. Grundlage war die Clinical Practice Research Datalink, kurz CPRD, die Daten aus der hausärztlichen und weiteren medizinischen Versorgung zusammenführt.
In die endgültige Auswertung gingen 28.720 Menschen ein, bei denen zwischen 2010 und 2020 erstmals Typ-2-Diabetes festgestellt worden war. Die Beobachtungszeit betrug im Median 6,8 Jahre. 62 Prozent der untersuchten Personen waren Männer. Männer waren bei Beginn des Typ-2-Diabetes im Mittel beziehungsweise Median etwas jünger als Frauen.
Während der Nachbeobachtung wurde bei 39 Prozent der Teilnehmer mindestens ein Übergang in einen weiteren untersuchten Gesundheitszustand dokumentiert. Betrachtet wurden unter anderem Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, terminales Nierenversagen sowie psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und somatoforme Störungen.
Die deutlichsten Unterschiede zeigten sich bei psychischen sowie Herz- und Nierenerkrankungen. Nach Beginn des Typ-2-Diabetes erhielten 8,1 Prozent der Frauen eine Diagnose aus dem untersuchten Bereich psychischer Erkrankungen. Bei den Männern waren es 5,3 Prozent.
Umgekehrt wurden Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder terminales Nierenversagen bei 8,4 Prozent der Männer und bei 5,3 Prozent der Frauen erfasst. Auch bei Bluthochdruck lag der Anteil der Männer mit 21,1 Prozent etwas über dem der Frauen mit 20,2 Prozent. Bluthochdruck war insgesamt bei beiden Geschlechtern und über die untersuchten Altersgruppen hinweg der häufigste nach der Diabetesdiagnose registrierte Gesundheitszustand.
Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass Frauen mit Typ-2-Diabetes grundsätzlich psychische Erkrankungen entwickeln oder Männer zwangsläufig Herz- oder Nierenerkrankungen bekommen. Es handelt sich um Durchschnittswerte innerhalb einer großen beobachteten Patientengruppe.
Die Forschenden betrachteten nicht nur, welche Diagnosen auftraten, sondern auch deren zeitliche Abfolge. Dabei traten viele der untersuchten Ereignisse bei Männern früher auf als bei Frauen. Psychische Erkrankungen gehörten bei beiden Geschlechtern zu den vergleichsweise früh auftretenden Diagnosen.
Besondere Aufmerksamkeit widmete das Team Personen, bei denen nach Typ-2-Diabetes zusätzlich eine psychische Erkrankung dokumentiert wurde. In dieser Gruppe lag das Sterbealter im Durchschnitt niedriger als bei den anderen untersuchten Krankheitsverläufen. Die Studie kann jedoch nicht feststellen, weshalb dieser Zusammenhang bestand. Auch die jeweiligen Todesursachen wurden nicht getrennt ausgewertet.
Die Forschenden weisen ausdrücklich auf mehrere Einschränkungen hin. Die Untersuchung ist eine Beobachtungsstudie. Sie kann deshalb beschreiben, welche Krankheitsverläufe gemeinsam oder nacheinander häufiger auftraten, aber nicht belegen, dass ein bestimmtes Merkmal die spätere Erkrankung verursacht hat.
Gerade bei psychischen Erkrankungen ist zudem nicht eindeutig, ob die dokumentierten Unterschiede vollständig tatsächliche Unterschiede in der Erkrankungshäufigkeit widerspiegeln. Frauen nahmen in der untersuchten Gruppe medizinische Leistungen häufiger in Anspruch. Damit könnte auch die Wahrscheinlichkeit höher gewesen sein, dass psychische Beschwerden erkannt und diagnostiziert wurden. Unterschiede im Gesundheitsverhalten von Männern und Frauen lassen sich daher als mögliche Erklärung nicht ausschließen.
Eine weitere Einschränkung betrifft die Übertragbarkeit. Die Daten stammen aus dem britischen Gesundheitssystem. Die Autorinnen und Autoren weisen darauf hin, dass sich die beobachteten Muster nicht ohne Weiteres auf Länder mit anders organisiertem Zugang zur medizinischen Versorgung übertragen lassen. Zudem war die Stichprobe für eine belastbare Aufschlüsselung nach ethnischen Gruppen nicht groß genug. Klinische Messwerte wie HbA1c, Blutdruck oder Nierenfunktionswerte wurden in dem verwendeten Modell ebenfalls nicht berücksichtigt.
An der Studie arbeiteten Fabiola Eto, Miriam Samuel, Daniel Stow, Rafael Henkin, Alisha Angdembe, Michael R. Barnes, Sarah Finer und Rohini Mathur. Die Forschenden sind dem Wolfson Institute of Population Health beziehungsweise dem William Harvey Research Institute der Queen Mary University of London zugeordnet.
Finanziell unterstützt wurde die Arbeit unter anderem durch den britischen Medical Research Council und Programme des National Institute for Health and Care Research. Nach Angaben der Publikation hatten die Geldgeber keinen Einfluss auf Studiendesign, Datenauswertung, die Entscheidung zur Veröffentlichung oder die Erstellung des Manuskripts.
Die Ergebnisse erweitern damit vor allem das Wissen darüber, wie sich Begleiterkrankungen nach einer Typ-2-Diabetes-Diagnose innerhalb größerer Bevölkerungsgruppen entwickeln können. Für einzelne Patientinnen und Patienten lassen sich daraus keine persönlichen Krankheitsverläufe vorhersagen.
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