
Ein speziell für den Einsatz im All qualifizierter Trainingsanzug soll neue Erkenntnisse darüber liefern, wie sich dem Muskelabbau während langer Aufenthalte in der Schwerelosigkeit entgegenwirken lässt. Die französische ESA-Astronautin Sophie Adenot hat auf der Internationalen Raumstation ISS mit dem EasyMotion-2 Experiment begonnen. Dabei wird Elektromuskelstimulation, kurz EMS, mit dem regulären Training an Bord kombiniert. Die dafür eingesetzten Anzüge hat das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB System AG für den Einsatz auf der ISS qualifiziert.
Adenot befindet sich seit Februar 2026 im Rahmen ihrer εpsilon-Mission auf der ISS. Das DLR bestätigt, dass sie am 14. Februar mit ihrer Crew an der Raumstation ankam. Ihre Rückkehr ist für September vorgesehen.
Das EasyMotionSkin-System arbeitet mit Elektromuskelstimulation. In den Anzug integrierte Elektroden geben elektrische Impulse ab und stimulieren dabei bestimmte Muskelgruppen. Das Verfahren ersetzt bei EasyMotion-2 nicht grundsätzlich das normale Training der Astronautinnen und Astronauten. Es wird mit den vorhandenen Trainingsmöglichkeiten auf der Raumstation kombiniert.
Das DLR beschreibt das Prinzip so, dass niederfrequente elektrische Impulse die Muskulatur zusätzlich aktivieren. Die Elektroden sind in den Trainingsanzug integriert und können individuell gesteuert werden. Zum System gehören außerdem eine Steuereinheit und eine App.
Hintergrund ist eine grundlegende Herausforderung längerer Raumflüge. In der Schwerelosigkeit werden Muskeln und Knochen anders belastet als auf der Erde. Um körperlichen Abbau möglichst gering zu halten, gehört umfangreiches Training zum Alltag auf der ISS. Nach Angaben des DLR trainieren Astronautinnen und Astronauten dort rund zweieinhalb Stunden pro Tag.
EasyMotion-2 soll untersuchen, ob eine zusätzliche elektrische Muskelstimulation das Training unter diesen Bedingungen sinnvoll ergänzen kann. Ein entsprechender Effekt ist damit noch nicht nachgewiesen.
Nach Angaben von OHB ist für Adenot eine sechswöchige Versuchsreihe vorgesehen. Parallel zum Training werden Muskelparameter mit dem Messgerät MyotonPRO erfasst. Dieses System wurde ebenfalls für den Einsatz auf der ISS qualifiziert. Es ermöglicht nicht invasive Messungen unter anderem von Muskelspannung und Muskelsteifigkeit.
Das öffentliche Studienregister ClinicalTrials.gov beschreibt EasyMotion-2 als prospektive Weltraumstudie zur Ganzkörper Elektromuskelstimulation. Vorgesehen sind dort zudem Untersuchungen vor und nach dem Raumflug. Dazu gehören Messungen mit Myoton, Krafttests und Magnetresonanztomografie. Die gewonnenen Daten sollen unter anderem mit Daten von Astronautinnen und Astronauten ohne EMS-Einsatz verglichen werden. Ergebnisse sind in dem Register derzeit nicht veröffentlicht.
Der Registereintrag nennt als wissenschaftliches Ziel unter anderem die Prüfung, ob EMS das Training während eines Raumflugs verbessern und langfristig möglicherweise ein zeitsparendes zusätzliches Trainingsprotokoll ermöglichen kann. Die wissenschaftliche Bewertung des Verfahrens läuft jedoch noch. Die im Register angegebene Studienlaufzeit reicht voraussichtlich bis Ende 2029.
Durchgeführt wird das Experiment im Auftrag der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR von der Charité Universitätsmedizin Berlin. Weitere Partner sind die Europäische Weltraumorganisation ESA und die EMS GmbH, die das EasyMotionSkin-System entwickelt hat. OHB übernimmt eine zentrale technische Rolle bei der Anpassung und Qualifizierung der Ausrüstung für den Einsatz im Weltraum.
Die Zusammenarbeit knüpft an ein früheres Projekt an. Bereits während der Cosmic-Kiss-Mission des deutschen ESA-Astronauten Matthias Maurer wurde ein EasyMotionSkin-Anzug auf der ISS eingesetzt. Das damalige Vorhaben war als Technologiedemonstration angelegt. Das DLR dokumentierte Ende 2021 die ersten Trainingseinheiten Maurers mit dem EMS-System. Wissenschaftlich geleitet wurde das Projekt vom Zentrum für Weltraummedizin der Charité, während das Europäische Astronautenzentrum der ESA die technische Begleitung übernahm.
OHB erklärte nun, für insgesamt acht weitere Astronautenmissionen entsprechende Trainingsausrüstung beschafft zu haben und diese für den ISS-Einsatz zu qualifizieren. EasyMotion-2 geht damit über die frühere technische Erprobung hinaus und soll zusätzliche Daten für eine wissenschaftliche Bewertung liefern.
Gegenmaßnahmen gegen Veränderungen von Muskeln und Knochen gehören zu den zentralen medizinischen Aufgaben bei Langzeitmissionen. Auf der Erde sorgt die Schwerkraft im Alltag ständig für Belastung. Diese fehlt im Orbit weitgehend. Deshalb kommen auf der ISS unter anderem Laufband, Fahrradergometer und ein spezielles Widerstandstrainingsgerät zum Einsatz.
Die Frage nach möglichst effizienten Trainingsmethoden gewinnt auch mit Blick auf künftige Missionen jenseits der erdnahen Umlaufbahn an Bedeutung. Platz, Masse, Energiebedarf und die verfügbare Arbeitszeit einer Crew sind bei Raumfahrzeugen begrenzt. Ob ein EMS-System unter solchen Bedingungen tatsächlich einen relevanten zusätzlichen Nutzen bietet oder Trainingszeit einsparen könnte, gehört jedoch zu den Fragen, die EasyMotion-2 erst untersuchen soll.
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