Europas Gaspreis zieht weiter an: Was jetzt teurer werden kann

Aktienhandel: Kurstafel mit Kursverläufen an der Börse
Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

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Die europäischen Erdgaspreise sind zum Wochenstart erneut kräftig gestiegen. Am Montagvormittag bewegte sich der Frontmonatskontrakt am niederländischen Handelspunkt TTF zeitweise im Bereich von rund 84 Euro je Megawattstunde. Gegenüber dem Niveau vom Freitag entsprach das einem Anstieg von ungefähr fünf Prozent. Damit erreichte die wichtigste europäische Gasbenchmark erneut den höchsten Bereich seit Ende 2022.

Die Entwicklung setzt einen starken Preisanstieg der vergangenen Wochen fort. Noch am 11. September lag der Frontmonatskontrakt laut Marktdaten bei rund 80 Euro je Megawattstunde. Ende August waren zeitweise noch Preise von gut 70 Euro verzeichnet worden. Die europäischen Erdgaspreise reagieren derzeit besonders empfindlich auf Nachrichten zur Versorgung aus dem Nahen Osten und zur bevorstehenden Heizperiode.

Konflikt im Nahen Osten belastet den Gasmarkt

Ein wesentlicher Grund für den Anstieg ist die angespannte Versorgungslage bei Flüssigerdgas. Der Konflikt mit Iran und die Unsicherheit rund um wichtige Schifffahrtswege im Nahen Osten haben den internationalen LNG-Handel beeinträchtigt. Besonders die Straße von Hormus spielt dabei eine zentrale Rolle, weil große Mengen Flüssigerdgas aus der Golfregion über diese Route auf den Weltmarkt gelangen.

Hinzu kommen Einschränkungen bei Lieferungen aus Katar. Das Land zählt zu den wichtigsten LNG-Produzenten weltweit. Damit treffen die Störungen eine Lieferquelle, die für Europa seit dem starken Rückgang russischer Pipelineimporte an Bedeutung gewonnen hat. Gleichzeitig konkurrieren europäische Käufer mit asiatischen Abnehmern um flexibel verfügbare LNG-Ladungen aus anderen Regionen, etwa aus den USA.

Auch die jüngste Verschärfung der Sicherheitslage rund um weitere Transportwege hat die Risikoprämien an den Energiemärkten erhöht. Am Montag stiegen parallel auch die Ölpreise deutlich. Solche Bewegungen sind kein direkter Beweis für eine tatsächliche Gasknappheit, zeigen aber, dass Händler ein höheres Risiko möglicher Lieferausfälle einpreisen.

Europas Gasspeicher sind ungewöhnlich niedrig gefüllt

Der zweite wichtige Faktor sind die Speicherstände. Anfang September waren die Gasspeicher in der Europäischen Union nur zu ungefähr zwei Dritteln gefüllt. Damit lag der Füllstand deutlich unter dem Niveau der vergangenen Jahre. Reuters bezifferte die europäische Speicherquote in der vergangenen Woche auf rund 66 Prozent und damit auf den niedrigsten saisonalen Stand seit etwa 15 Jahren.

Besonders niedrig waren die Bestände zuletzt in Deutschland. Die Bundesnetzagentur erklärte, die deutschen Speicherfüllstände lägen deutlich unter den Vergleichswerten vergangener Jahre. Gleichzeitig betont die Behörde, dass für die Versorgungssicherheit nicht allein die Speicher entscheidend seien. Pipelineimporte, LNG-Lieferungen, Importinfrastruktur und die tatsächliche Nachfrage müssten gemeinsam betrachtet werden.

Die deutsche Gasversorgung bewertet die Bundesnetzagentur aktuell weiterhin als stabil. Das Risiko einer angespannten Versorgungslage stuft sie derzeit als niedrig ein. Seit Juli 2025 gilt in Deutschland die Frühwarnstufe des Notfallplans Gas.

Höhere Großhandelspreise treffen Verbraucher nicht sofort

Für private Haushalte bedeutet ein TTF-Preis von rund 84 Euro je Megawattstunde nicht automatisch, dass der Gaspreis auf der nächsten Rechnung unmittelbar im gleichen Umfang steigt. Energieversorger beschaffen Gas häufig langfristig und zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Wie schnell sich steigende Börsenpreise auf Endkunden auswirken, hängt deshalb von der Einkaufsstrategie des jeweiligen Versorgers sowie von Vertragslaufzeiten und Tarifmodellen ab.

Bleiben die Großhandelspreise jedoch über einen längeren Zeitraum hoch, steigt der Kostendruck auf Energieanbieter. Neue Tarife und auslaufende Preisbindungen könnten dann stärker betroffen sein. Die Bundesnetzagentur weist angesichts des erhöhten Preisniveaus weiterhin darauf hin, dass ein sparsamer Umgang mit Gas für Haushalte sinnvoll bleibt.

Neben dem Gaspreis selbst kann die Entwicklung auch den Strommarkt beeinflussen. Gaskraftwerke werden in Deutschland und anderen europäischen Staaten benötigt, um Strom zu erzeugen, wenn Wind- und Solarenergie nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Steigende Brennstoffkosten können deshalb insbesondere in Stunden mit hoher Gasverstromung auch die Großhandelspreise für Strom erhöhen.

Industrie spürt hohe Gaspreise besonders stark

Für energieintensive Unternehmen ist die Entwicklung unmittelbarer relevant. Chemie, Glas, Keramik, Metallverarbeitung und Teile der Lebensmittelindustrie benötigen große Mengen Erdgas entweder als Energieträger oder als Rohstoff. Steigende Beschaffungskosten können deshalb die Produktionskosten erhöhen.

Für Unternehmen mit langfristig abgesicherten Lieferverträgen fällt der kurzfristige Effekt geringer aus. Firmen, die größere Mengen kurzfristig am Markt einkaufen müssen oder deren Preisabsicherungen auslaufen, reagieren dagegen stärker auf steigende TTF-Notierungen.

Damit bekommt der Gaspreis auch eine gesamtwirtschaftliche Bedeutung. Höhere Energiekosten können die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver europäischer Unternehmen belasten und über höhere Produktionskosten auf weitere Waren und Dienstleistungen durchschlagen. Die Europäische Zentralbank beobachtet die Entwicklung ebenfalls. EZB-Ratsmitglied Peter Kazimir verwies am Montag auf Erdgas und Strom als wachsende Risiken für die weitere Inflationsentwicklung.

Wie sich der Gaspreis weiter entwickelt

Die kommenden Wochen dürften vor allem von drei Faktoren bestimmt werden: der Entwicklung des Konflikts im Nahen Osten, den verfügbaren LNG-Mengen und dem weiteren Aufbau der europäischen Speicher vor dem Winter. Auch Temperaturen, Windstromproduktion und die Nachfrage in Asien können den Markt kurzfristig stark bewegen.

Eine Rückkehr zu den außergewöhnlichen Spitzenwerten der europäischen Energiekrise 2022 ist mit dem aktuellen Niveau noch nicht erreicht. Damals lagen die TTF-Preise zeitweise bei mehreren Hundert Euro je Megawattstunde. Dennoch zeigen rund 84 Euro je Megawattstunde, dass sich Erdgas in Europa innerhalb weniger Monate wieder erheblich verteuert hat.

Die Versorgung Deutschlands ist nach Einschätzung der Bundesnetzagentur derzeit gesichert. Der entscheidende Unterschied zwischen Versorgungslage und Preisentwicklung bleibt damit bestehen: Gas kann verfügbar sein und gleichzeitig deutlich teurer werden. Gerade mit Blick auf den Winter erhöht ein niedriger Speicherstand die Empfindlichkeit des Marktes gegenüber neuen Lieferstörungen oder einer ungewöhnlich hohen Nachfrage.

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