Golfstrom-System unter Druck: Warum neue Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen

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Wie stabil ist das Strömungssystem im Atlantik angesichts der globalen Erwärmung? Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen aus dem Jahr 2026 kommen zu unterschiedlichen Einschätzungen. Während einige Klimamodelle einen möglichen Kollaps der Atlantischen Umwälzzirkulation bereits bei vergleichsweise geringer Erwärmung zeigen, weisen andere auf stabilisierende Prozesse im Ozean hin. Besonders eine Modellrechnung mit einem Kollapsrisiko von bis zu 23 Prozent sorgt für Aufmerksamkeit. Diese Zahl ist allerdings an bestimmte Annahmen gebunden und wissenschaftlich noch nicht abschließend überprüft.

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Weitgehend einig ist sich die Forschung darüber, dass sich die Atlantische Umwälzzirkulation, kurz AMOC, durch den Klimawandel voraussichtlich abschwächen wird. Offen bleibt, wie stark diese Veränderung ausfällt und ob das Strömungssystem einen kritischen Zustand erreichen könnte.

Was die 23 Prozent Kollapsrisiko tatsächlich bedeuten

Ein Forschungsteam um Philip Holden von der britischen Open University und Timothy Lenton von der University of Exeter hat die Wahrscheinlichkeit untersucht, dass ein späterer Zusammenbruch der AMOC bereits durch bisherige und kurzfristig unvermeidbare Emissionen vorgezeichnet sein könnte. Die Arbeit wurde am 27. Juni 2026 auf der wissenschaftlichen Preprint-Plattform EarthArXiv veröffentlicht. Sie hat noch kein reguläres wissenschaftliches Begutachtungsverfahren durchlaufen.

Die Forscher verwendeten ein Klimamodell mit unterschiedlichen Einstellungen und Annahmen zur Entwicklung der Treibhausgasemissionen sowie zum Schmelzwassereintrag aus Grönland. Unter einer vergleichsweise zurückhaltenden Annahme zum grönländischen Eisverlust errechneten sie ein Risiko von rund 10 Prozent, dass ein späterer AMOC-Kollaps bereits vorgezeichnet sein könnte. Bei stärkerem angenommenem Schmelzwassereintrag stieg dieser Wert auf 23 Prozent.

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Eine zentrale Voraussetzung der Berechnungen ist, dass die globalen Emissionen ihren Höhepunkt im Jahr 2025 erreichen und anschließend innerhalb von 35 Jahren auf netto null sinken. Bei anhaltend sehr hohen Emissionen steigt das modellierte Risiko, dass ein Kollaps bis zum Jahr 2100 bereits vorgezeichnet ist, auf rund 80 Prozent. Damit ist ausdrücklich nicht gemeint, dass die Strömung bis zu diesem Zeitpunkt tatsächlich zusammengebrochen sein muss.

Die Prozentwerte ergeben sich aus Simulationen eines einzelnen Klimamodells unterschiedlicher Parametereinstellungen. Sie sind keine gemessenen Wahrscheinlichkeiten für das reale Strömungssystem. Ob andere Modelle vergleichbare Ergebnisse liefern würden, ist nicht geklärt. Auch ein bereits überschrittener kritischer Zustand würde nicht bedeuten, dass der Zusammenbruch unmittelbar erfolgt.

Utrechter Studie sieht das Tempo der Erwärmung als entscheidend

Eine weitere Untersuchung liefert einen anderen Ansatz zur Bewertung des Risikos. René van Westen, Reyk Börner und Henk Dijkstra von der Universität Utrecht veröffentlichten am 13. August 2026 in der Fachzeitschrift Nature Climate Change eine Studie zum Einfluss der Geschwindigkeit des Klimawandels auf die AMOC.

Die Forscher untersuchten, wie sich das Strömungssystem bei unterschiedlich schnell steigenden Kohlendioxidkonzentrationen verhält. Bei einem langsamen Anstieg blieb die AMOC in einer Modellsimulation selbst bei einer globalen Erwärmung von 5,5 Grad stabil. Bei schnelleren Anstiegen setzte dagegen bereits bei etwa zwei Grad Erwärmung ein Kollapsprozess ein.

Die Ergebnisse legen nahe, dass nicht allein die erreichte Temperatur entscheidend ist. Auch die Geschwindigkeit der klimatischen Veränderungen beeinflusst, ob sich stabilisierende Prozesse im Ozean ausreichend entwickeln können. Die zwei Grad sind deshalb keine allgemein gültige Kollapsgrenze. Es handelt sich um ein Ergebnis bestimmter Modellversuche, nicht um eine Vorhersage, dass die AMOC bei Erreichen dieser Temperatur zwangsläufig zusammenbricht.

Eine deutlich schwächere Atlantikströmung bis 2100

Ein Team um Valentin Portmann von Forschungseinrichtungen in Bordeaux, darunter die Universität Bordeaux, das CNRS und Inria, kam in einer am 15. April 2026 in Science Advances veröffentlichten Untersuchung zu einer stärkeren Abschwächung der AMOC als viele bisherige Modellrechnungen.

Die Wissenschaftler kombinierten Klimamodelle mit beobachtbaren Eigenschaften des Ozeans und der Atmosphäre. Für ein mittleres Emissionsszenario berechneten sie bis zum Ende des Jahrhunderts eine Abschwächung um etwa 51 Prozent gegenüber dem vorindustriellen Referenzniveau. Der ungewichtete Durchschnitt der untersuchten Klimamodelle hatte zuvor rund 32 Prozent ergeben.

Die Studie betrifft die Stärke der Umwälzzirkulation, nicht die Wahrscheinlichkeit eines vollständigen Kollapses. Auch eine Halbierung der Strömungsstärke wäre klimatisch bedeutsam, bedeutet aber nicht automatisch einen Übergang in einen dauerhaft zusammengebrochenen Zustand.

Andere Klimamodelle zeigen stabilisierende Kräfte

Dass ein vollständiger Zusammenbruch in diesem Jahrhundert keineswegs als gesichert gilt, zeigen weitere Forschungsarbeiten. Ein Team um Jonathan Baker vom britischen Wetterdienst Met Office untersuchte 34 Klimamodelle unter extremen Veränderungen der Kohlendioxidkonzentration beziehungsweise des Süßwassereintrags. Die im Februar 2025 in Nature veröffentlichte Studie fand Hinweise darauf, dass windgetriebene Auftriebsprozesse im Südlichen Ozean eine stark geschwächte AMOC stabilisieren können.

In den untersuchten Simulationen kam es nicht zu einem vollständigen Ausfall der Umwälzzirkulation. Die Autoren bewerteten einen Kollaps noch im 21. Jahrhundert deshalb als unwahrscheinlich. Ihre Ergebnisse schließen allerdings nicht aus, dass andere Modelle oder längerfristige Entwicklungen zu abweichenden Resultaten führen.

Auch Oliver Mehling von der Universität Utrecht und internationale Mitautoren kamen in einer am 19. Juni 2026 in Science Advances veröffentlichten Untersuchung zu einer vorsichtigeren Einschätzung. In ihrem Klimamodell verstärkte zusätzliches Schmelzwasser aus Grönland die langfristige Abschwächung der AMOC, besonders nach dem Jahr 2100. Bis 2300 zeigte das Modell jedoch keinen abrupten und auf Zeitskalen von Jahrhunderten unumkehrbaren Kollaps.

Die unterschiedlichen Ergebnisse verdeutlichen, wie stark die Einschätzung von den verwendeten Klimamodellen, den angenommenen Emissionsverläufen und der Darstellung physikalischer Prozesse im Ozean abhängt.

Messungen zeigen Veränderungen, aber keinen feststehenden Kipppunkt

Auch direkte Beobachtungen liefern wichtige Hinweise. Die AMOC wird seit 2004 mit dem internationalen RAPID-Messsystem im Atlantik bei etwa 26,5 Grad nördlicher Breite kontinuierlich überwacht. Das britische National Oceanography Centre bezifferte im September 2025 den beobachteten Rückgang auf durchschnittlich 0,9 Sverdrup pro Jahrzehnt, bei einer Unsicherheit von 0,7 Sverdrup. Eine eindeutige Zuordnung zu einer langfristigen, vom Menschen verursachten Veränderung war damit noch nicht möglich.

Eine im April 2026 in Science Advances veröffentlichte Untersuchung um Qianjiang Xing von der University of Miami fand über etwa zwei Jahrzehnte einen Rückgang tiefer Strömungstransporte an vier Messpositionen entlang des westlichen Nordatlantiks. Diese Beobachtungen können auf eine Abschwächung der AMOC hinweisen. Sie erfassen jedoch nur einen Teil des gesamten Zirkulationssystems und belegen keinen bevorstehenden Kollaps.

Welche Folgen ein AMOC-Kollaps haben könnte

Die Atlantische Umwälzzirkulation transportiert große Wärmemengen aus tropischen Regionen in den Nordatlantik. Warmes Oberflächenwasser fließt nordwärts, während kälteres und dichteres Wasser in tieferen Schichten zurückströmt. Der Golfstrom gehört zu diesem System, wird jedoch auch wesentlich durch Winde angetrieben. Ein AMOC-Kollaps wäre deshalb nicht gleichbedeutend mit einem vollständigen Versiegen des Golfstroms.

Eine starke Abschwächung könnte die Wärmeverteilung im Atlantik erheblich verändern. Bei einem vollständigen Kollaps wären nach Klimamodellen unter anderem eine ausgeprägte regionale Abkühlung im Nordatlantikraum, Veränderungen der europäischen Niederschlagsmuster und Verschiebungen tropischer Regengebiete möglich. Auch Monsunsysteme und der Meeresspiegel an Teilen der nordamerikanischen Atlantikküste könnten betroffen sein. Die genauen Auswirkungen würden vom Ausmaß der Veränderung und der gleichzeitig fortschreitenden globalen Erwärmung abhängen.

Der Weltklimarat IPCC geht in seinem sechsten Sachstandsbericht davon aus, dass die AMOC im 21. Jahrhundert sehr wahrscheinlich schwächer wird. Einen abrupten Kollaps vor 2100 erwartet er nicht, allerdings ist diese Einschätzung nur mit mittlerem Vertrauen versehen. Ein solches Ereignis ist somit nicht ausgeschlossen.

Die neueren Studien verändern die Diskussion über die möglichen Risiken, liefern aber keinen Nachweis, dass das Strömungssystem seinen Kipppunkt bereits überschritten hat. Als gesicherter gemeinsamer Befund bleibt die erwartete Abschwächung der AMOC. Wie weit sie unter verschiedenen Klimaszenarien fortschreitet und ob daraus ein Kollaps entsteht, ist weiterhin eine offene wissenschaftliche Frage.

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