Deutschlands Unternehmen investieren Hunderte Milliarden weniger als erwartet

Aktienhandel: Kurstafel mit Kursverläufen an der Börse
Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

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Die Investitionsausfälle in Deutschland summieren sich nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) seit Anfang 2020 auf rund 420 Milliarden Euro. Besonders deutlich fällt der Rückstand bei den privaten Unternehmen aus. Während der Staat seine Investitionen ausgeweitet hat, liegt die Wirtschaft bei neuen Anlagen und anderen langfristigen Investitionen weiterhin hinter der Entwicklung zurück, die ohne die Krisen der vergangenen Jahre zu erwarten gewesen wäre. Das geht aus einer am Montag, 19. Oktober 2026, veröffentlichten IW-Berechnung hervor.

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Die Ergebnisse verdeutlichen ein grundlegendes Problem des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Trotz höherer öffentlicher Ausgaben und einer inzwischen wieder wachsenden Wirtschaftsleistung bleiben die Investitionen der Unternehmen schwach. Neben den wirtschaftlichen Folgen internationaler Krisen spielen dabei nach Einschätzung des IW auch die hohen Kosten und strukturellen Schwierigkeiten am Standort Deutschland eine wichtige Rolle.

Unternehmen liegen 470 Milliarden Euro unter dem bisherigen Trend

Für seine Berechnung untersuchte das IW die Bruttoanlageinvestitionen vom ersten Quartal 2020 bis zum zweiten Quartal 2026. Dazu zählen unter anderem Investitionen in Maschinen, Gebäude, Fahrzeuge und andere längerfristig genutzte Wirtschaftsgüter. Die tatsächlich getätigten Investitionen wurden einem hypothetischen Verlauf gegenübergestellt, der sich an der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen 1991 und 2019 orientiert.

Das Ergebnis zeigt erhebliche Unterschiede zwischen privaten Unternehmen und dem Staat. Die Unternehmen investierten in den vergangenen sechseinhalb Jahren preisbereinigt rund 470 Milliarden Euro weniger, als nach dem historischen Trend zu erwarten gewesen wäre. Das entspricht nahezu zwölf Prozent ihrer Investitionen in diesem Zeitraum. Die öffentlichen Investitionen lagen dagegen um rund 50 Milliarden Euro über dem rechnerischen Vergleichswert. Daraus ergibt sich eine gesamtwirtschaftliche Investitionslücke von etwa 420 Milliarden Euro. Gemessen an sämtlichen Bruttoanlageinvestitionen des untersuchten Zeitraums entspricht dies rund neun Prozent.

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Bei der Summe handelt es sich ausdrücklich um eine Schätzung. Das IW vergleicht die tatsächliche Entwicklung mit einem Szenario ohne die großen wirtschaftlichen Krisen seit 2020. Die Berechnung zeigt damit, wie weit die Investitionen vom früheren Wachstumspfad abgewichen sind. Sie bedeutet nicht, dass Unternehmen bereits fest eingeplante Investitionen in genau dieser Höhe gestrichen haben.

Pandemie, geopolitische Krisen und hohe Kosten belasten den Standort

Als wesentliche Ursachen nennt das IW die wirtschaftlichen Belastungen seit der Corona-Pandemie, den Krieg in der Ukraine und damit verbundene geopolitische Verwerfungen. Lieferprobleme, Veränderungen im internationalen Handel und Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung erschwerten in den vergangenen Jahren Investitionsentscheidungen. Wie groß der Anteil einzelner Krisen an der gesamten Investitionslücke ist, lässt sich aus der Berechnung nicht unmittelbar ableiten.

Hinzu kommen längerfristige Standortprobleme. Nach Einschätzung des IW schrecken insbesondere hohe Energie- und Arbeitskosten sowie bürokratische Anforderungen Unternehmen von zusätzlichen Investitionen in Deutschland ab. Die Unsicherheit über künftige wirtschaftliche Rahmenbedingungen verstärkt die Zurückhaltung. Für Betriebe sind Investitionen in neue Produktionsanlagen, Maschinen oder zusätzliche Standorte mit langfristigen finanziellen Verpflichtungen verbunden. Entsprechend stark wirken sich Kostenbelastungen und unsichere Geschäftsaussichten auf solche Entscheidungen aus.

Staatliche Investitionen können private Schwäche nicht ausgleichen

Die Unterschiede zwischen öffentlicher und privater Investitionstätigkeit zeigen sich auch beim Vergleich mit dem Jahr vor der Pandemie. Im zweiten Quartal 2026 lagen die privaten Investitionen nach Berechnungen des IW noch immer mehr als zehn Prozent unter dem Jahresdurchschnitt von 2019. Die öffentlichen Investitionen übertrafen das damalige Niveau dagegen um rund 20 Prozent. Zu dieser Entwicklung tragen nach Angaben des Instituts unter anderem zusätzliche Mittel für die Infrastruktur und die veränderten Finanzierungsmöglichkeiten für Verteidigungsausgaben bei.

Auch die amtliche Konjunkturstatistik zeigt die anhaltende Investitionsschwäche. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gingen die gesamten Bruttoanlageinvestitionen im zweiten Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,2 Prozent zurück. Bei den Ausrüstungsinvestitionen, etwa in Maschinen, Geräte und Fahrzeuge, lag das Minus bei 1,4 Prozent. Damit bleiben wichtige Investitionsbereiche trotz einer insgesamt wieder wachsenden Wirtschaft unter Druck.

Das IW erwartet für das Gesamtjahr 2026 zwar ein Wirtschaftswachstum von rund 1,2 Prozent. Eine breite wirtschaftliche Erholung zeichnet sich nach seiner Septemberprognose jedoch noch nicht ab. Die gesamten Anlageinvestitionen dürften 2026 lediglich um 0,5 Prozent steigen. Während der Staat zusätzliche Mittel bereitstellt, halten sich private Unternehmen wegen hoher Kosten und geopolitischer Unsicherheit weiterhin zurück.

Die Bundesregierung will mit dem am 19. Oktober beginnenden Investitionsgipfel „Invest in Germany“ zusätzliche private Investitionen anstoßen. Das IW bewertet diese Zielsetzung grundsätzlich positiv, fordert zugleich aber bessere Rahmenbedingungen für Unternehmen. Denn öffentliche Bauprojekte und staatliche Investitionsprogramme können den Rückstand der Privatwirtschaft nach Einschätzung des Instituts nicht dauerhaft ersetzen. Entscheidend für die künftige Entwicklung wird sein, ob Unternehmen wieder stärker in Produktionskapazitäten, Modernisierung und neue Technologien investieren.

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