
Der frühere ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba warnt Deutschland vor Putin und einer möglichen Ausweitung des russischen Angriffskrieges auf weitere Teile Europas. In einem am Sonntag, 11. Oktober 2026, veröffentlichten Gespräch mit WELT-Journalist Paul Ronzheimer äußerte sich der ehemalige Chefdiplomat pessimistisch über die Aussichten auf eine Friedenslösung. Zugleich rechnet er mit besonders schweren Monaten für die ukrainische Bevölkerung, weil Russland seine Angriffe auf die zivile Infrastruktur ausweitet.
Nach Einschätzung des früheren Außenministers unterschätzen Deutschland und andere europäische Staaten weiterhin die langfristigen Gefahren der russischen Politik. Kuleba verwies im Gespräch mit Ronzheimer auf zunehmend feindselige Äußerungen gegenüber Europa innerhalb Russlands. Er interpretiert diese Entwicklung als mögliches Anzeichen dafür, dass sich Moskau auf eine umfassendere Auseinandersetzung vorbereitet.
Seine Warnung richtet sich ausdrücklich auch an Deutschland. Kuleba hält es für möglich, dass Präsident Wladimir Putin den Konflikt über die Ukraine hinaus ausweitet und europäische Staaten unmittelbar betroffen sein könnten. Eine konkrete Entscheidung der russischen Führung zu einem militärischen Angriff auf Deutschland ist damit nicht belegt.
Auch die Aussichten auf Verhandlungen bewertet Kuleba skeptisch. Er glaubt nicht, dass Putin unter den gegenwärtigen Bedingungen ernsthaft an einer Beendigung oder längeren Unterbrechung des Krieges interessiert ist. Europa müsse seine Sicherheit deshalb stärker auf eine langfristige Konfrontation mit Russland ausrichten.
Kulebas Aussagen treffen auf eine bereits angespannte Sicherheitsdebatte in Deutschland. Erst am 5. Oktober hatte der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Martin Jäger, bei einer öffentlichen Anhörung des Parlamentarischen Kontrollgremiums im Bundestag vor einer weiteren Verschärfung der Lage gewarnt.
Nach Einschätzung der deutschen Nachrichtendienste stellt Russland gegenwärtig die größte sicherheitspolitische Bedrohung für Deutschland dar. Jäger erklärte, Deutschland könne in einen gewaltsamen Konflikt mit Russland geraten. Zugleich verwiesen die Sicherheitsbehörden auf zunehmende hybride Angriffe, darunter Spionage, Sabotage und Aktivitäten zur Destabilisierung demokratischer Staaten.
Die Einschätzungen des BND bestätigen keine unmittelbar bevorstehende militärische Auseinandersetzung. Sie verdeutlichen jedoch, dass die Bundesregierung und ihre Sicherheitsbehörden die Bedrohung durch Russland zunehmend auch als direkte Herausforderung für Deutschland betrachten.
Neben der europäischen Sicherheitslage beschäftigte sich Kuleba ausführlich mit den Folgen des russischen Luftkrieges. Der ehemalige Außenminister befürchtet, dass der bevorstehende Winter für die Ukraine besonders schwer werden könnte.
Nach seiner Darstellung richten sich russische Angriffe nicht mehr ausschließlich gegen Anlagen der Stromversorgung. Er sieht auch die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten zunehmend bedroht. Als besonders gefährlich betrachtet er die Möglichkeit, dass mehrere Versorgungssysteme in ukrainischen Großstädten gleichzeitig ausfallen.
Die anhaltende Zerstörung der Energieinfrastruktur ist unabhängig von Kulebas Einschätzungen dokumentiert. Eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen warnte bereits am 21. September vor einer weiteren Verschlechterung der Lebensbedingungen im kommenden Winter.
Im Winter 2025/2026 hatten russische Angriffe zahlreiche Kraftwerke, Leitungen und Heizungsanlagen beschädigt oder zerstört. Millionen Menschen waren von lang anhaltenden Stromausfällen und Einschränkungen der Wärmeversorgung betroffen. Teilweise sanken die Temperaturen auf minus 20 Grad.
Die jüngsten Angriffe zeigen, dass die Gefahr für die ukrainische Infrastruktur weiterhin besteht. Bei einer umfangreichen russischen Angriffswelle am 7. Oktober wurden nach ukrainischen Angaben mindestens 32 Menschen getötet. Auch Energieanlagen und Industrieeinrichtungen wurden beschädigt.
Zusätzlich geraten Tankstellen und Treibstofflager unter Druck. Nach Angaben des ukrainischen Energieministers wurden innerhalb von sechs Monaten mehr als 300 Tankstellen zerstört. Der staatliche Energiekonzern Ukrnafta versucht deshalb, seine Standorte unter anderem mit Schutzwällen und Notstromgeneratoren widerstandsfähiger zu machen.
Kuleba geht dennoch davon aus, dass die Ukraine auch den kommenden Winter überstehen kann. Allerdings rechnet er mit erheblich größeren Belastungen für die Bevölkerung als in der vorherigen Heizperiode. Seine Einschätzung eines möglicherweise besonders schweren Kriegswinters bleibt eine Prognose.
Die Bundesregierung hat Anfang Oktober zusätzliche Unterstützung angekündigt. Bei seinem Besuch in Kiew am 4. Oktober sagte Bundeskanzler Friedrich Merz ein weiteres militärisches Hilfspaket im Umfang von rund einer Milliarde Euro zu. Zusätzlich sollen etwa 350 Millionen Euro für die ukrainische Energieversorgung bereitgestellt werden.
Die Mittel sind unter anderem für Generatoren, Umspannwerke und Reparaturen vorgesehen. Deutschland will außerdem die Zusammenarbeit bei der Drohnenabwehr ausbauen.
Merz bekräftigte bei seinem Besuch, dass Deutschland den ukrainischen Verteidigungskampf weiterhin unterstützen werde. Gleichzeitig sprach er sich für diplomatische Bemühungen aus, die zu einem verhandelten Frieden führen sollen.
Damit bleibt ein Unterschied zwischen der Einschätzung Kulebas und der erklärten deutschen Regierungspolitik bestehen. Während der frühere ukrainische Außenminister kaum noch an eine Friedensbereitschaft Putins glaubt, hält die Bundesregierung an einer Verbindung aus militärischer Unterstützung, wirtschaftlichem Druck und diplomatischen Gesprächen fest.
Für die Ukraine steht zunächst die unmittelbare Versorgung ihrer Bevölkerung im Mittelpunkt. Die kommenden Monate werden zeigen, wie wirksam beschädigte Energieanlagen geschützt und repariert werden können und welche Folgen weitere russische Angriffe für die Menschen im Land haben.
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