
Die Bundeswehr will in Emden einen neuen Marinestützpunkt errichten und damit ihre Präsenz an der Nordsee deutlich ausbauen. Verteidigungsminister Boris Pistorius und Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies haben am Montag in der ostfriesischen Hafenstadt eine Absichtserklärung für das Vorhaben unterzeichnet. Pistorius sprach von einer Milliardeninvestition. Langfristig könnten bis zu 2.000 Dienstposten entstehen. Ziel ist, den Marinehafen in Emden möglichst Anfang der 2030er Jahre nutzen zu können. Ein verbindlicher Zeitplan liegt allerdings noch nicht vor.
Für die Marine wäre Emden neben Wilhelmshaven der zweite eigene Stützpunkt an der deutschen Nordseeküste. Der Marinestützpunkt Heppenser Groden in Wilhelmshaven ist bislang der einzige dieser Art dort und zugleich ein zentraler Standort der Einsatzflottille 2. Pistorius begründete die Erweiterung mit dem geplanten Wachstum der Marine. Neue Schiffe und Boote benötigten zusätzliche Liegeplätze, gleichzeitig müssten Unterkünfte, Ausbildungsgebäude und weitere Infrastruktur für zusätzliches Personal geschaffen werden. Emden war bereits von 1960 bis 1997 Standort der damaligen Bundesmarine.
Für Emden sprechen aus Sicht des Verteidigungsministeriums vor allem die verfügbaren Flächen und die vergleichsweise direkte Verbindung zum Nordatlantik. Der zweite Standort soll zudem verhindern, dass die Marine an der Nordsee von einem einzigen großen Stützpunkt abhängig ist. Pistorius erklärte, zusätzliche Standorte erhöhten die Flexibilität und die operativen Möglichkeiten der Streitkräfte. Bei seinem Besuch stellte er den Ausbau ausdrücklich auch in den Zusammenhang mit der Abschreckungsfähigkeit Deutschlands und der NATO.
Vorgesehen ist der sogenannte Rysumer Nacken westlich von Emden an der Ems. Das Areal gehört bislang dem Land Niedersachsen und soll für das Vorhaben an den Bund übertragen beziehungsweise verkauft werden. Pistorius bezifferte den derzeit abdeckbaren Flächenbedarf auf bis zu 450 Hektar. Die genaue Größe ist jedoch noch offen. Nach seinen Angaben könnten am Ende auch etwa 400 oder 430 Hektar benötigt werden. Die Fläche war bisher vor allem für eine weitere zivile Entwicklung des Emder Hafens vorgesehen.
Bei den Liegekapazitäten werden umfangreiche Dimensionen geprüft. Nach Angaben des NDR besteht bei der Marine Bedarf an Kapazitäten für bis zu sieben Fregatten, zehn Minensuchboote und zehn Schlepper. Das bedeutet jedoch nicht, dass genau diese Schiffe später dauerhaft in Emden stationiert werden. Pistorius sagte am Montag, voraussichtlich könnten insbesondere Versorgungs- und Unterstützungsschiffe dort ihren Platz finden. Die genaue künftige Belegung sei noch nicht festgelegt. Damit befinden sich wesentliche Teile der militärischen Detailplanung weiterhin in einem frühen Stadium.
Auch bei den Kosten gibt es bislang keine belastbare Gesamtsumme. Pistorius bezeichnete das Vorhaben als Milliardeninvestition, nannte aber keinen konkreten Eurobetrag. Die am Montag unterzeichnete Absichtserklärung ist zudem rechtlich nicht bindend. Nach Angaben des ZDF enthält sie keinen detaillierten und verbindlichen Bauzeitplan. Zunächst muss unter anderem die vorgesehene Fläche für den Bund verfügbar gemacht werden. Anschließend folgen weitere Planungs-, Genehmigungs- und Bauverfahren. Als politisches Ziel wurde eine Einsatzbereitschaft Anfang der 2030er Jahre genannt.
Damit unterscheidet sich der Stand des Projekts deutlich von bereits weiter konkretisierten Investitionen an anderen deutschen Nordseehäfen. Für den Ausbau Bremerhavens zu einem militärischen Logistikknoten sind beispielsweise rund 1,35 Milliarden Euro Bundesmittel angekündigt. Für Emden gibt es eine vergleichbare konkrete Kostenzahl bislang nicht.
Beide Projekte gehören dennoch zu einem größeren Ausbau militärisch nutzbarer Hafeninfrastruktur an der deutschen Nordseeküste. Bremerhaven soll insbesondere als sogenannter Deployment Hub dienen. Dort sollen verbündete Truppen, Fahrzeuge und Material ankommen und anschließend über Straße und Schiene weitertransportiert werden können. Deutschland übernimmt innerhalb der NATO wegen seiner geografischen Lage eine zentrale Funktion als Transitland für Verstärkungen innerhalb Europas. Die Bundesregierung hatte bereits Anfang 2026 darauf verwiesen, dass dafür leistungsfähige Seehäfen und Umschlagmöglichkeiten benötigt werden.
Der Marinehafen in Emden ist dagegen in erster Linie als eigener Standort der Deutschen Marine vorgesehen. Er ergänzt Wilhelmshaven und schafft zusätzliche militärische Hafen-, Versorgungs- und Stationierungskapazitäten. Zusammen erhöhen die Projekte jedoch die Zahl der nutzbaren Standorte an der Nordseeküste. Das gewinnt auch vor dem Hintergrund der NATO Verteidigungsplanung an Bedeutung. Das Bündnis hat seine Kräfte und seine Fähigkeit zur schnellen Verstärkung seiner östlichen Mitglieder in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut. Gleichzeitig bleiben die transatlantischen Seewege für die Verbindung zwischen Nordamerika und Europa strategisch wichtig.
In Emden und der regionalen Wirtschaft stößt das Vorhaben auf breite Unterstützung. Oberbürgermeister Tim Kruithoff bezeichnete den Marinestützpunkt als große Chance für Hafen, Beschäftigung und wirtschaftliche Entwicklung. Die Industrie und Handelskammer für Ostfriesland und Papenburg hatte sich bereits vor der Entscheidung für einen schnellen Zuschlag an Emden ausgesprochen. Sie erwartet zusätzliche Nachfrage unter anderem für Bauwirtschaft, Dienstleistungen, Einzelhandel und Gastronomie. Auch der Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe begrüßte die Entscheidung und verwies auf die Bedeutung leistungsfähiger Häfen für Deutschlands Rolle in der Bündnisverteidigung.
Gleichzeitig gibt es Widerstand gegen die Nutzung des Rysumer Nackens. Der Naturschutzbund in Ostfriesland warnt vor Folgen für seltene Tier und Pflanzenarten auf dem weitgehend unbebauten Gelände. Am Montag protestierte zudem eine kleine Gruppe gegen den geplanten Stützpunkt und gegen eine stärkere militärische Nutzung des Hafens. Die konkreten Eingriffe in Natur und Landschaft hängen jedoch von der noch ausstehenden Planung ab. Erst mit deren Fortschritt werden sich Flächenbedarf, Bauumfang und notwendige Ausgleichsmaßnahmen genauer bestimmen lassen.
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