
Eine Mehrheit der Wahlberechtigten in Deutschland erwartet, dass Bundeskanzler Friedrich Merz die laufende Wahlperiode nicht bis zur regulären Bundestagswahl 2029 im Amt bleiben wird. Das ist das Ergebnis einer neuen YouGov-Erhebung im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur. Die Zahlen treffen die schwarz-rote Bundesregierung kurz vor einer Kabinettsklausur, bei der wirtschaftliche Reformen und die weitere Arbeit der Koalition im Mittelpunkt stehen sollen.
Für die Umfrage befragte YouGov vom 14. bis 17. August 2026 insgesamt 2.091 Wahlberechtigte. 36 Prozent gehen demnach davon aus, dass Merz zwar noch bis zum Ende dieses Jahres Kanzler bleibt, aber vor der Bundestagswahl 2029 abgelöst wird. Weitere 18 Prozent rechnen bereits 2026 mit einem Wechsel an der Regierungsspitze. Zusammen erwarten damit 54 Prozent ein vorzeitiges Ende seiner Kanzlerschaft.
29 Prozent der Befragten gehen dagegen davon aus, dass Merz mindestens bis zum regulären Wahltermin 2029 im Amt bleibt. 17 Prozent machten bei dieser Frage keine Angabe. Die YouGov-Umfrage zur Kanzlerschaft von Friedrich Merz misst damit vor allem die Erwartungen der Befragten. Sie ist keine Vorhersage darüber, wie lange der Kanzler tatsächlich im Amt bleiben wird.
Die Erhebung enthält weitere Hinweise auf eine schwierige öffentliche Wahrnehmung des Kanzlers. YouGov fragte unter anderem danach, welchen Einfluss die personellen Veränderungen in Bundesregierung, Bundestagsfraktion und CDU auf Merz‘ Autorität in seiner Partei hatten.
36 Prozent der Befragten waren der Auffassung, Merz habe dadurch stark an Autorität verloren. Weitere 31 Prozent sahen einen eher negativen Effekt. Nur ein Prozent ging von einem starken Autoritätsgewinn aus, fünf Prozent von einem eher positiven Effekt. 19 Prozent sahen weder einen Gewinn noch einen Verlust.
Auch ein Vergleich mit Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst fällt für Merz ungünstig aus. Auf die Frage, wen sie persönlich für geeigneter für das Kanzleramt halten, nannten 25 Prozent Wüst und neun Prozent Merz. Allerdings entschieden sich 66 Prozent für keine der beiden Antworten beziehungsweise gaben an, es nicht zu wissen. Auch dieser Wert erlaubt deshalb keine Aussage über eine tatsächliche Nachfolgefrage innerhalb der CDU.
Die jüngste YouGov-Erhebung steht zudem nicht allein. Andere aktuelle Befragungen zeigen ebenfalls niedrige Zufriedenheitswerte für Bundesregierung und Kanzler. Im ZDF-Politbarometer vom August waren 75 Prozent der Befragten mit der Arbeit von Merz unzufrieden, 20 Prozent zufrieden. In der Projektion kam die Union auf 22 Prozent und die SPD auf 12 Prozent. Schwarz-Rot hätte damit keine parlamentarische Mehrheit.
Der ARD-DeutschlandTrend von Anfang August zeichnete ein ähnliches Stimmungsbild. Dort bewerteten 85 Prozent die Arbeit der Bundesregierung kritisch. Nur 13 Prozent äußerten sich positiv. Mit Merz‘ Arbeit waren 14 Prozent zufrieden. Solche Erhebungen stammen allerdings von unterschiedlichen Instituten, beruhen auf unterschiedlichen Befragungen und sollten deshalb nicht wie Werte einer einzigen Zeitreihe behandelt werden.
Der politische Druck entsteht nicht allein durch Umfragen. Union und SPD stehen vor mehreren Reformprojekten, bei denen erhebliche Interessengegensätze ausgeglichen werden müssen. Dazu gehören insbesondere die Rentenpolitik, die Pflege, das Gesundheitssystem, steuerliche Entlastungen, Bürokratieabbau und Änderungen am Arbeitsrecht.
Vor der Sommerpause hatte die Koalition unter anderem angekündigt, die Empfehlungen der Rentenkommission umfassend umzusetzen. Teile der geplanten Änderungen stoßen jedoch auch innerhalb der Union auf Widerstand. Mehrere Ministerpräsidenten aus Ostdeutschland wandten sich unter anderem gegen die geplante Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren.
Gerade die Rentenpolitik dürfte deshalb zu einem Test dafür werden, ob sich die Koalition auf weitreichende Reformen verständigen und dafür Mehrheiten organisieren kann. Merz hatte wiederholt deutlich gemacht, dass er die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stärken und Reformen schneller umsetzen will. Für die SPD spielen zugleich soziale Absicherung und die Verteilung möglicher Belastungen eine zentrale Rolle.
Ein vorzeitiges Ende einer Kanzlerschaft folgt in Deutschland zudem nicht unmittelbar aus schlechten Umfragewerten. Das Grundgesetz sieht unter anderem das konstruktive Misstrauensvotum vor. Der Bundestag kann einem Kanzler das Misstrauen nur aussprechen, indem er gleichzeitig mit der erforderlichen Mehrheit einen Nachfolger wählt. Politische Mehrheitsverhältnisse im Parlament bleiben deshalb entscheidend.
Am Dienstag und Mittwoch, 25. und 26. August, kommt das Bundeskabinett zu einer Klausur in Schloss Neuhardenberg in Brandenburg zusammen. Nach Angaben der Bundesregierung soll die Tagung ausdrücklich als Arbeitsklausur angelegt werden.
Im Mittelpunkt stehen die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und die Frage, wie Wohlstand und Industriearbeitsplätze auch unter den Bedingungen des technologischen Wandels gesichert werden können. Die Bundesregierung will dazu auch Vertreter aus Wirtschaft, Handwerk und Start-ups einbeziehen. Künstliche Intelligenz und die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts sollen ebenfalls eine Rolle spielen.
An die Klausur schließt sich am Mittwoch eine reguläre Kabinettssitzung an. Dabei sollen auch Klimaanpassung und Hitzeschutz behandelt werden.
Für Merz und die schwarz-rote Koalition beginnt damit nach der Sommerpause eine politisch entscheidende Phase. Die Umfragewerte zeigen ein hohes Maß an Skepsis gegenüber der Regierung und der persönlichen politischen Zukunft des Kanzlers. Ob daraus tatsächliche Veränderungen an der Regierungsspitze entstehen, hängt jedoch nicht von Befragungen ab, sondern von den Mehrheiten im Bundestag, der Stabilität der Koalition und ihrer Fähigkeit, die angekündigten Reformen umzusetzen.
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