
Der Rückversicherungskonzern Munich Re baut sein Geschäft mit Cyberrisiken durch eine Übernahme in den USA aus. Der Konzern hat eine Vereinbarung zum Kauf des Cyberversicherers und Sicherheitsspezialisten At-Bay geschlossen. Der Unternehmenswert der Transaktion beträgt 575 Millionen US-Dollar. Umgerechnet entsprach das bei Bekanntgabe am 19. August 2026 nach Berechnungen einer Branchenpublikation rund 493,7 Millionen Euro. Damit investiert der Münchner Versicherer einen dreistelligen Millionenbetrag in einen Markt, dem er trotz des zuletzt verlangsamten Prämienwachstums langfristig erhebliches Potenzial zuschreibt.
Die Transaktion ist allerdings noch nicht abgeschlossen. Der Vollzug steht unter den üblichen Bedingungen und benötigt unter anderem die notwendigen regulatorischen Genehmigungen. Munich Re rechnet derzeit mit einem Abschluss im ersten Quartal 2027. Munich Re übernimmt At-Bay damit erst nach Erfüllung dieser Voraussetzungen vollständig. Angaben zu einer früheren oder bereits vollzogenen Integration wären daher verfrüht.
At-Bay wurde 2017 gegründet und konzentriert sich vor allem auf kleine und mittlere Unternehmen in den USA. Das Geschäftsmodell unterscheidet sich von einer klassischen Cyberversicherung dadurch, dass Versicherungsschutz mit technischen Sicherheitsleistungen verbunden wird. Die Plattform des Unternehmens soll digitale Risiken fortlaufend identifizieren und überwachen. Die dabei entstehenden Daten können zugleich für die Bewertung von Risiken und für das Underwriting genutzt werden.
Nach Angaben im Zusammenhang mit der Übernahme kam At-Bay zuletzt auf gebuchte Bruttoprämien von 278 Millionen US-Dollar. Das Unternehmen beschäftigt rund 280 Mitarbeiter in den USA und Israel und zählt nach Angaben von Munich Re zu den zehn größeren Anbietern von Cyberversicherungen auf dem US-Markt. Der Käufer betritt dabei kein völlig neues Terrain. Die auf technische Versicherungsrisiken spezialisierte Munich-Re-Tochter HSB arbeitet bereits seit der Gründung von At-Bay mit dem Unternehmen zusammen. Zudem war Munich Re zuvor bereits als Investor beteiligt.
Nach Abschluss der Transaktion soll At-Bay innerhalb von HSB betreut werden. Die Einheit gehört zum Spezialversicherungsgeschäft von Munich Re und beschäftigt sich bereits intensiv mit Technologie- und Cyberrisiken. Für den Konzern liegt ein wesentlicher strategischer Nutzen des Kaufs deshalb nicht allein im zusätzlichen Prämienvolumen. Hinzu kommen eine etablierte Vertriebsposition im amerikanischen Mittelstand, technische Sicherheitslösungen und Daten zur Einschätzung von Cyberrisiken.
Die Übernahme passt zu einer Entwicklung, bei der Cyberversicherer zunehmend versuchen, Schäden nicht nur finanziell abzusichern, sondern bereits vor einem Angriff zu verhindern oder zumindest zu begrenzen. Für Versicherer kann eine engere Verbindung zwischen Sicherheitsüberwachung und Versicherungsschutz zusätzliche Informationen liefern. Diese können dabei helfen, Schwachstellen bei Kunden frühzeitig zu erkennen und Risiken genauer einzuschätzen.
Gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen sieht Munich Re eine große Versicherungslücke. Nach eigenen Schadendaten des Konzerns betrifft die Mehrheit der Cybervorfälle und versicherten Schäden kleinere Unternehmen und Mittelständler. Gleichzeitig verfügen solche Firmen häufig über geringere personelle und finanzielle Ressourcen für professionelle IT-Sicherheit als Großkonzerne. At-Bay richtet sein Angebot gezielt an diese Kundengruppe.
Munich Re gehört bereits zu den bedeutenden Anbietern in diesem Geschäft. Cyber-Chef Jürgen Reinhart bezifferte die Cyber-Prämieneinnahmen des Konzerns für 2025 im Juli 2026 auf rund 1,7 Milliarden US-Dollar. Demnach entfiel jeweils etwa die Hälfte auf Erstversicherung und Rückversicherung. Zugleich erklärte er, dass Munich Re wegen des gegenwärtig niedrigen Preisniveaus bei der Zeichnung neuer Risiken zurückhaltender agiere und für 2026 ungefähr mit einem Prämienvolumen auf Vorjahresniveau rechne.
Die Übernahme fällt damit nicht in eine Phase ungebremsten Marktwachstums. Nach einer aktuellen Schätzung von Munich Re erreichte der weltweite Cyber-Versicherungsmarkt 2025 ein Prämienvolumen von knapp 15 Milliarden US-Dollar. Das Wachstum der Beiträge habe sich in den vergangenen drei Jahren verlangsamt. Zugleich herrscht in Teilen des Marktes hoher Wettbewerb. Nach Daten, auf die Reuters verwies, gingen die Preise für Cyberversicherungen im zweiten Quartal 2026 im Jahresvergleich um etwa vier Prozent zurück.
Langfristig erwartet Munich Re dennoch eine deutliche Expansion. Der Konzern geht in seiner im April veröffentlichten Cyber-Studie davon aus, dass das weltweite Prämienvolumen bis 2030 auf rund 28 Milliarden US-Dollar steigen könnte. Dabei handelt es sich um eine Prognose des Unternehmens und nicht um eine gesicherte Marktentwicklung. Ein wichtiger Wachstumstreiber könnte nach Einschätzung der Branche die weiterhin niedrige Versicherungsquote sein. Viele Unternehmen verfügen trotz steigender Abhängigkeit von digitalen Systemen noch über keinen oder nur begrenzten Cyberversicherungsschutz.
Der vereinbarte Unternehmenswert von 575 Millionen US-Dollar liegt deutlich unter der Bewertung, die At-Bay während des Technologiebooms erreichte. Bei einer Finanzierungsrunde im Jahr 2021 war das Unternehmen nach der Kapitalaufnahme mit rund 1,35 Milliarden US-Dollar bewertet worden. Ein direkter Vergleich der damaligen Finanzierungsbewertung mit dem heutigen Unternehmenswert ist allerdings nur eingeschränkt möglich, weil sich Bewertungsmethoden, Kapitalstruktur und Marktbedingungen unterscheiden können.
Für Munich Re steht bei der Transaktion nach eigenen Angaben vor allem der strategische Ausbau des Cybergeschäfts im Vordergrund. At-Bay soll Versicherung, technische Risikoüberwachung und Schadenvorsorge enger miteinander verbinden. Ob sich daraus tatsächlich der vom Konzern angestrebte zusätzliche Ergebnisbeitrag entwickelt, hängt unter anderem vom Schadenverlauf, dem Wettbewerbsdruck, den Preisen für Cyberdeckungen und der weiteren Entwicklung der Bedrohungslage ab. Konkrete Ergebnisziele für At-Bay wurden im Zusammenhang mit der Transaktion zunächst nicht veröffentlicht.
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