
Die Offshore-Windbranche in Deutschland steht zunehmend unter wirtschaftlichem Druck. Während der Ausbau von Windparks in Nord- und Ostsee langfristig weitergehen soll, fehlen neue Aufträge für die kommenden Jahre. Industrieverbände warnen vor erheblichen Folgen für Hersteller, Zulieferer und Beschäftigte. Bei einem großen Produzenten von Windkraftfundamenten ist bereits ein Stellenabbau angekündigt. Gleichzeitig beraten Bundesregierung und Bundestag über neue Regeln für die Vergabe von Offshore-Windflächen.
Ein wesentlicher Grund für die angespannte Lage sind die Schwierigkeiten bei der Vergabe neuer Windparkflächen. Bei einer Ausschreibung der Bundesnetzagentur im August 2025 gingen für zwei Flächen in der Nordsee überhaupt keine Gebote ein. Die ursprünglich für 2026 vorgesehenen Offshore-Ausschreibungen wurden anschließend ausgesetzt und auf 2027 verschoben.
Damit fehlen der Industrie neue Projekte, die langfristig Aufträge sichern könnten. Der Bundesverband Windenergie Offshore (BWO) weist darauf hin, dass seit Juni 2025 keine Offshore-Ausschreibung mehr erfolgreich abgeschlossen wurde. Besonders problematisch sei die Situation für Unternehmen, die große Produktionsanlagen betreiben und ihre Kapazitäten mehrere Jahre im Voraus planen müssen.
Am 8. Oktober 2026 warnte der Verband deshalb ausdrücklich vor einer möglichen Industriekrise. Betroffen wären nach seiner Einschätzung nicht nur die Betreiber künftiger Windparks, sondern auch Werften, Häfen, Kabelhersteller, Anlagenbauer und maritime Dienstleister.
Wie sich die schwierige Auftragslage auf Unternehmen auswirken kann, zeigt der Stahlfundamentehersteller EEW Special Pipe Constructions in Rostock. Das Unternehmen will etwa zehn Prozent seiner rund 1.000 Arbeitsplätze abbauen. Das entspricht ungefähr 100 Stellen.
Nach Informationen des Norddeutschen Rundfunks vom 6. Oktober bestätigte das Unternehmen die geplanten Kürzungen. In einer internen Mitteilung werde bis einschließlich 2028 mit einer geringen Auslastung gerechnet. Zusätzlich verwies EEW auf den Wettbewerbsdruck durch chinesische Hersteller.
Der Fall verstärkt die Sorgen der Branche. Nach einer vom BWO beauftragten Untersuchung hängen in Deutschland rund 49.000 Beschäftigungsverhältnisse mit der Offshore-Windenergie zusammen. Diese Zahl beschreibt die wirtschaftliche Bedeutung des Industriezweigs, ist jedoch keine Prognose für einen möglichen Stellenabbau.
Die Verbände verlangen von der Bundesregierung vor allem bessere Bedingungen für die Finanzierung neuer Offshore-Projekte. Gemeinsam mit dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, der IG Metall Küste und dem Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe fordert der BWO Änderungen am Windenergie-auf-See-Gesetz.
Im Mittelpunkt steht ein Ausschreibungsmodell mit sogenannten Differenzverträgen, international als Contracts for Difference bezeichnet. Dabei werden Stromerlöse über einen vereinbarten Referenzpreis abgesichert. Liegt der maßgebliche Marktpreis darunter, können Ausgleichszahlungen erfolgen. Bei höheren Marktpreisen sind im zweiseitigen Modell entsprechende Rückzahlungen vorgesehen.
Die Verbände halten dieses Modell für besser geeignet, um die Finanzierung langfristiger Windparkprojekte abzusichern. Außerdem fordern sie eine Anpassung der vereinbarten Werte an die Kostenentwicklung.
Für bereits vergebene Projekte aus den Jahren 2023 bis 2025 soll es nach ihren Vorstellungen eine einmalige Rückgabemöglichkeit geben. Wirtschaftlich nicht mehr tragfähige Vorhaben könnten dadurch unter festgelegten Bedingungen neu ausgeschrieben werden.
Die Bundesregierung hat bereits einen Gesetzentwurf vorgelegt, über den der Bundestag am 8. Oktober erstmals beraten hat. Anschließend wurde die Vorlage an die zuständigen Ausschüsse überwiesen.
Der Entwurf sieht ein zweistufiges Ausschreibungsverfahren vor. Zunächst soll der Wettbewerb über die Marktbedingungen im Vordergrund stehen. Wo die Risiken zu groß werden, sollen Differenzverträge eine zusätzliche Absicherung ermöglichen. Die Industrieverbände bevorzugen dagegen ein einheitliches Verfahren mit solchen Verträgen.
Außerdem möchte die Bundesregierung die reguläre Betriebsdauer von Offshore-Windparks von 25 auf 35 Jahre verlängern und die Nutzung bestehender Netzanschlüsse verbessern. Damit sollen die Projekte wirtschaftlicher werden und die Kosten des Ausbaus sinken.
Parallel zur Gesetzesreform hat das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie am 8. Oktober den Flächenentwicklungsplan angepasst. Künftige Anlagen sollen so verteilt werden, dass sich Windparks weniger gegenseitig Wind wegnehmen und dadurch höhere Stromerträge möglich werden.
Für die Ausschreibungen 2027 sind nach Angaben des BWO nun fünf Flächen mit zusammen vier Gigawatt Leistung vorgesehen. Im Nordseegebiet N-10 wurden dafür Flächen neu zugeschnitten und kleinere Projekte ermöglicht.
Trotz der Probleme bei neuen Ausschreibungen wächst die bereits installierte Offshore-Leistung weiter. Zum 30. Juni 2026 waren in deutschen Gewässern 1.764 Windenergieanlagen mit zusammen 10,8 Gigawatt in Betrieb. Allein im ersten Halbjahr gingen Anlagen mit 1.077 Megawatt zusätzlicher Leistung ans Netz.
Langfristig soll die Offshore-Windenergie bis 2045 auf mindestens 70 Gigawatt ausgebaut werden. Entscheidend für die Unternehmen ist allerdings nicht allein dieses Ziel, sondern ob aus den geplanten Ausschreibungen tatsächlich finanzierte und gebaute Windparks entstehen. Erst solche Projekte schaffen verlässliche Aufträge für die industrielle Lieferkette.
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