
US-Außenminister Marco Rubio hat Europa zu mehr militärischer, wirtschaftlicher und politischer Stärke aufgerufen. Bei einer Grundsatzrede am Mittwoch, 7. Oktober 2026, vor der Kulisse der Akropolis in Athen erklärte er, die westlichen Staaten müssten ihre gemeinsamen Interessen entschlossener vertreten. Gleichzeitig äußerte sich Rubio besorgt über die Entwicklung des Ukraine-Kriegs. In einem gesonderten Interview, das am Donnerstag veröffentlicht wurde, bezeichnete er die militärische Lage als strategisches Patt und warnte vor einer möglichen Ausweitung des Konflikts. Die amerikanische Regierung wolle weiterhin auf eine Verhandlungslösung hinarbeiten. Aus Kiew kam deutlicher Widerspruch zu Rubios Einschätzung.
Der amerikanische Außenminister nutzte den historischen Pnyx-Hügel in Athen für eine ausführliche Rede über die Zukunft der westlichen Staaten. An diesem Ort versammelten sich im antiken Griechenland die Bürger Athens zu politischen Entscheidungen. Rubio stellte die Verbindung zwischen der griechischen Antike, den europäischen Demokratien und den Vereinigten Staaten in den Mittelpunkt seiner Ausführungen.
Nach seiner Darstellung stehen die westlichen Länder vor Entscheidungen, die ihre internationale Stellung langfristig prägen werden. Europa und die USA müssten ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, ihre Verteidigung und ihre technologische Entwicklung stärken.
Rubios Rede in Athen verband diese politischen Forderungen mit einer grundsätzlichen Kritik an der Entwicklung westlicher Gesellschaften. Er bemängelte unter anderem die Verlagerung industrieller Produktion ins Ausland, militärische Schwächen und den aus seiner Sicht zunehmenden Einfluss internationaler Institutionen auf nationale Entscheidungen.
Rubio stellte die Politik von US-Präsident Donald Trump ausdrücklich als Antwort auf diese Herausforderungen dar. Die Vereinigten Staaten wollten industrielle Kapazitäten zurückgewinnen, ihre Verteidigungsfähigkeit ausbauen und ihre führende Stellung bei Zukunftstechnologien sichern.
Dabei nannte der Außenminister unter anderem künstliche Intelligenz, Halbleiter, Rohstoffe, Cybersicherheit und moderne Waffensysteme. Die wirtschaftliche und technologische Stärke eines Landes sei nach seiner Darstellung eng mit seiner außenpolitischen Handlungsfähigkeit verbunden.
Zugleich warb Rubio für die Fortsetzung der transatlantischen Zusammenarbeit. Die Interessen einzelner Staaten und eine enge Partnerschaft müssten sich nicht widersprechen. Vielmehr könnten die USA und Europa ihre gemeinsamen Sicherheitsinteressen besser durchsetzen, wenn die einzelnen Mitglieder wirtschaftlich und militärisch leistungsfähiger würden.
Die Rede machte damit deutlich, dass Washington seine Zusammenarbeit mit Europa weiterhin an nationale Interessen und höhere eigene Beiträge der Verbündeten knüpft.
Während seines Aufenthalts in Griechenland nahm Rubio am sechsten strategischen Dialog zwischen beiden Ländern teil. Bei den Gesprächen standen Verteidigung, Energieversorgung, regionale Sicherheit, Handel und technologische Zusammenarbeit im Mittelpunkt.
Griechenland bezeichnete Rubio als wichtigen amerikanischen Partner. Insbesondere die griechischen Verteidigungsanstrengungen stellte er als Beispiel für andere europäische Staaten heraus.
Auch die Energiepolitik spielte eine wichtige Rolle. Washington unterstützt eine stärkere Vernetzung der Energieversorgung im östlichen Mittelmeer, darunter eine geplante Stromverbindung zwischen Griechenland und Zypern.
Der Besuch war Teil einer Reise zu drei NATO-Partnern. Vor Griechenland hatte Rubio Island besucht, anschließend reiste er nach Portugal. Die Stationen dienten auch dazu, die amerikanischen Erwartungen an die europäischen Bündnispartner zu erläutern und bestehende Kooperationen auszubauen.
Neben seiner Grundsatzrede über den Westen äußerte sich Rubio ausführlich zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. In einem Interview mit der griechischen Zeitung Kathimerini, das am 8. Oktober veröffentlicht wurde, sprach er von einem „strategischen Patt“.
Seiner Einschätzung zufolge befinden sich Russland und die Ukraine in einer Situation, aus der es grundsätzlich zwei Auswege gebe: eine ausgehandelte Vereinbarung oder eine militärische Eskalation.
Für eine baldige Verhandlungslösung sehe er gegenwärtig allerdings keine ausreichenden Perspektiven. Ein wesentliches Hindernis seien die unterschiedlichen Positionen zur Kontrolle über ukrainisches Staatsgebiet.
Rubio erklärte, Russland bestehe weiterhin darauf, die gesamte Region Donezk unter seine Kontrolle zu bringen. Für die Ukraine sei eine solche Forderung nicht akzeptabel. Damit beschrieb der US-Außenminister einen zentralen Konfliktpunkt, der diplomatische Fortschritte bislang verhindert.
Die Vereinigten Staaten seien grundsätzlich bereit, bei einer Verständigung zwischen beiden Ländern zu vermitteln. Eine konkrete Vereinbarung zeichnete sich nach Rubios Darstellung jedoch nicht ab.
Bei einer Pressekonferenz am Donnerstag, 8. Oktober, in Lissabon bekräftigte Rubio seine Einschätzung. Eine militärische Pattsituation könne besonders gefährlich werden, wenn eine oder beide Kriegsparteien versuchten, durch zusätzliche Angriffe eine Entscheidung zu erzwingen.
Als mögliches Eskalationsszenario nannte er Sabotageaktionen in benachbarten NATO-Staaten. Solche Entwicklungen könnten nach seinen Worten dazu führen, dass sich der Krieg auf weitere Länder ausweitet.
Dabei handelte es sich um eine Warnung vor möglichen Entwicklungen, nicht um die Ankündigung konkreter bevorstehender Angriffe.
Rubio sprach sich erneut für eine dauerhafte und faire Verhandlungslösung aus. Washington werde diplomatische Initiativen weiterhin unterstützen, allerdings keine ergebnislosen Verhandlungsprozesse ohne erkennbare Fortschritte dauerhaft verfolgen.
Auch die zunehmenden Angriffe auf Energieanlagen und andere wirtschaftlich wichtige Infrastruktur erhöhen die Bedeutung der Frage, wie eine weitere Eskalation verhindert werden kann.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte am Donnerstag auf die Aussagen des amerikanischen Außenministers. Bei einem Gespräch mit Journalisten in Pryluky widersprach er der Vorstellung, dass die diplomatischen Bemühungen bereits in einer ausweglosen Situation steckten.
Selenskyj forderte die Vereinigten Staaten auf, den wirtschaftlichen Druck auf Russland deutlich zu erhöhen. Zugleich warb er für zusätzliche Unterstützung, damit die Ukraine ihre Verteidigung gegen russische Luftangriffe verbessern könne.
Kritisch äußerte sich der ukrainische Präsident insbesondere über mögliche wirtschaftliche Vereinbarungen mit Russland. Nach seiner Auffassung könne Washington nicht gleichzeitig über künftige Wirtschaftsprojekte mit Moskau sprechen und einen diplomatischen Stillstand beklagen.
Damit zeigten sich erneut unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie Russland zu Zugeständnissen bewegt werden könnte. Während Rubio vor allem die Schwierigkeiten einer Verhandlungslösung hervorhob, verlangte Selenskyj eine stärkere wirtschaftliche und militärische Unterstützung für die Ukraine.
Aus Russland kam dagegen Zustimmung zu Rubios Einschätzung der festgefahrenen Situation. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte am Donnerstag, Moskau teile die Beschreibung eines Patts im Ukraine-Konflikt.
Peskow sprach sich ebenfalls für diplomatische Bemühungen aus, betonte allerdings, Russland strebe eine umfassende und langfristige Vereinbarung an. Begrenzte oder vorübergehende Waffenruhen entsprächen demnach nicht der bevorzugten russischen Vorgehensweise.
Zugleich sah der Kremlsprecher keine unmittelbare Perspektive für ein gemeinsames Gipfeltreffen von Donald Trump, Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj.
Die Zustimmung zur Beschreibung der militärischen Lage bedeutete damit keine Annäherung bei den Bedingungen für ein mögliches Kriegsende. Vor allem die russischen Gebietsansprüche bleiben ein grundlegendes Hindernis.
Trotz der unterschiedlichen Positionen laufen die diplomatischen Bemühungen weiter. Für Freitag, 9. Oktober, waren in Miami Gespräche zwischen amerikanischen Vertretern und einer ukrainischen Delegation vorgesehen.
Auf amerikanischer Seite sollten unter anderem die Vertrauten von Präsident Trump, Steve Witkoff und Jared Kushner, beteiligt sein. Nach Angaben aus dem Umfeld der Gespräche sollten neue Vorschläge für eine mögliche Beendigung des Kriegs erörtert werden.
Auch Sicherheitsgarantien für die Ukraine und wirtschaftliche Perspektiven nach einem möglichen Kriegsende zählen zu den Themen der amerikanischen Vermittlungsbemühungen.
Rubios Äußerungen fallen somit in eine Phase, in der Washington seine diplomatischen Kontakte fortsetzt, gleichzeitig aber vor den Folgen eines länger andauernden militärischen Stillstands warnt.
Seine Europareise verdeutlicht zudem, dass die amerikanische Regierung zwei außenpolitische Ziele miteinander verbindet: eine stärkere Eigenverantwortung der europäischen Verbündeten und die Suche nach einer Verhandlungslösung für den Ukraine-Krieg. Ob die geplanten Gespräche zu einer Annäherung der Konfliktparteien führen können, war zunächst offen.
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