
Spotify reagiert auf Kritik an künstlich erzeugten Künstleridentitäten und führt eine neue Spotify KI-Kennzeichnung ein. Ab Mitte September 2026 sollen Nutzer direkt erkennen können, wenn die öffentliche Identität eines Musikers oder einer Band mit künstlicher Intelligenz erzeugt wurde. Dafür führt der Streamingdienst die Hinweise „AI Persona“ und „Likely AI Persona“ ein. Gleichzeitig zieht Spotify Konsequenzen für seine Empfehlungen: Musik von entsprechend gekennzeichneten Künstlerprofilen soll standardmäßig weder redaktionell noch über personalisierte Empfehlungen vorgeschlagen werden. Die Änderungen kündigte das Unternehmen am Dienstag, 11. August 2026, an.
Künstler und deren Teams können seit dem 11. August selbst angeben, dass es sich bei ihrem Auftritt um eine künstlich erzeugte Persona handelt. Auf solchen Profilen soll Spotify künftig das Label „AI Persona“ anzeigen. Der sichtbare Rollout für Hörer ist ab Mitte September vorgesehen. Die Kennzeichnung soll nicht nur auf der eigentlichen Künstlerseite erscheinen, sondern auch an weiteren Stellen innerhalb der Spotify-App, darunter Suchergebnisse und Playlists.
Spotify will sich allerdings nicht allein auf freiwillige Angaben verlassen. Das Unternehmen plant, selbst nach auffälligen Künstlerprofilen zu suchen. Dabei sollen menschliche Überprüfungen mit technischen und KI-gestützten Verfahren kombiniert werden. Spotify will zunächst Profile kontrollieren, die bestimmte Reichweitenschwellen erreichen. Konkrete Zahlen zu diesen Schwellen wurden bislang nicht veröffentlicht. Kommt Spotify bei einer Prüfung zu dem Ergebnis, dass eine Künstleridentität wahrscheinlich künstlich erzeugt wurde, kann das Profil mit „Likely AI Persona“ gekennzeichnet werden.
Entscheidend ist die Abgrenzung zwischen dem Künstler und seiner Musik. Die neue Spotify KI-Kennzeichnung bedeutet nicht automatisch, dass sämtliche Songs eines markierten Profils vollständig durch künstliche Intelligenz entstanden sind. Das neue System richtet sich vielmehr gegen Künstleridentitäten, die wie reale Menschen wirken, tatsächlich aber künstlich erzeugt wurden. Spotify nennt insbesondere fotorealistische KI-Personas als Anwendungsfall.
Ein realer Musiker wird deshalb nicht allein dadurch zu einer „AI Persona“, dass er bei Komposition, Produktion oder Bearbeitung KI-Werkzeuge nutzt. Umgekehrt kann hinter einer künstlichen Künstlerfigur durchaus menschliche Arbeit stehen. Die Kennzeichnung beantwortet also zunächst die Frage, ob hinter der dargestellten öffentlichen Künstleridentität ein realer Mensch steht. Angaben darüber, wie künstliche Intelligenz bei der eigentlichen Musikproduktion verwendet wurde, behandelt Spotify über andere Transparenzfunktionen.
Spotify begründet die Neuerung ausdrücklich mit Rückmeldungen seiner Hörer. Nutzer hätten deutlich gemacht, dass sie es nicht mögen, ein scheinbar menschliches Künstlerprofil zu sehen und erst später herauszufinden, dass die dargestellte Person künstlich erzeugt wurde. Die neue Kennzeichnung soll deshalb mehr Transparenz darüber schaffen, mit welcher Art von Künstlerprofil Nutzer es zu tun haben.
Von einer genau bezifferbaren „Beschwerdewelle“ lässt sich allerdings nicht sprechen. Spotify veröffentlichte bislang keine Zahl zu Beschwerden oder Meldungen über künstliche Künstler. Belegt ist damit die grundsätzliche Kritik von Nutzern, nicht aber ein bestimmtes Ausmaß. Die Debatte wurde zusätzlich durch Fälle künstlicher Musikprojekte angeheizt. Zu den international bekannt gewordenen Beispielen gehört die KI-Band The Velvet Sundown, deren Auftritt auf Streamingplattformen Diskussionen darüber ausgelöst hatte, wie eindeutig künstliche Künstler für Hörer erkennbar sein sollten.
Die Folgen des neuen Systems gehen über einen kleinen Hinweis im Künstlerprofil hinaus. Spotify will Musik von AI Personas standardmäßig aus seinen redaktionellen und algorithmischen Empfehlungen herausnehmen. Damit können entsprechende Titel einen wichtigen Weg verlieren, über den Hörer neue Musik entdecken. Betroffen sind personalisierte Empfehlungen und andere von Spotify zusammengestellte Flächen. Wer einem solchen Künstler bereits folgt oder gezielt nach ihm sucht, kann dessen Musik aber weiterhin hören.
Für künstliche Musikprojekte kann diese Regel deshalb deutlich einschneidender sein als das eigentliche KI-Label. Spotify verbietet AI Personas nicht grundsätzlich und entfernt ihre Musik nicht allein wegen der künstlichen Identität von der Plattform. Der Dienst entscheidet sich jedoch dafür, diese Profile nicht standardmäßig durch seine eigenen Empfehlungssysteme zu fördern. Spotify begründet die Ausrichtung seiner Programmierung damit, Musik authentischer Künstler und deren Karriereaufbau stärker in den Mittelpunkt stellen zu wollen.
Spotify berücksichtigt auch die Gefahr von Fehleinschätzungen. Wenn das Unternehmen ein Profil selbst als wahrscheinlich künstliche Persona einstuft, soll die Kennzeichnung nicht zwingend endgültig sein. Betroffene Künstler erhalten die Möglichkeit, die Einstufung zu bestätigen oder dagegen vorzugehen. Das ist insbesondere deshalb relevant, weil eine Kennzeichnung unmittelbare Folgen für die Verbreitung über Spotifys Empfehlungsmechanismen haben kann.
In den kommenden Monaten will Spotify außerdem Nutzern eine Möglichkeit geben, Künstlerprofile zu melden, die ihrer Ansicht nach eine nicht gekennzeichnete AI Persona darstellen. Damit würden neben freiwilligen Angaben der Betreiber und Spotifys eigenen Prüfungen auch Hinweise der Hörerschaft in das System einfließen. Die Entscheidung, ob ein Profil tatsächlich entsprechend gekennzeichnet wird, liegt weiterhin bei Spotify.
Die neuen KI-Labels ergänzen eine Maßnahme, die Spotify bereits im Frühjahr 2026 eingeführt hatte. Ende April stellte das Unternehmen „Verified by Spotify“ vor. Das Verifizierungszeichen soll Hörern helfen, authentische Künstlerprofile zu erkennen. Bei der Prüfung berücksichtigt Spotify unter anderem Hinweise auf eine nachvollziehbare Künstlerkarriere innerhalb und außerhalb der Plattform, beispielsweise Veröffentlichungsaktivitäten, Konzerttermine und verknüpfte Auftritte.
Profile, die überwiegend künstlich erzeugte Künstler oder AI Personas darstellen, sind nach den bei Einführung veröffentlichten Regeln nicht für dieses Verifizierungszeichen vorgesehen. Damit baut Spotify sein System zur Unterscheidung verschiedener Künstleridentitäten weiter aus: Auf der einen Seite steht die bestätigte Künstleridentität, auf der anderen Seite werden künstlich erzeugte Personas künftig ausdrücklich gekennzeichnet.
Die neuen Regeln bedeuten keinen grundsätzlichen Rückzug Spotifys aus dem Bereich künstliche Intelligenz. Das Unternehmen investiert selbst verstärkt in KI-Funktionen. Anfang August erklärte Spotify im Zusammenhang mit seinen Geschäftszahlen, dass höhere Ausgaben für Marketing und die Entwicklung KI-basierter Angebote das Ergebnis im laufenden Quartal belasten würden.
Zudem vereinbarte Spotify im Mai 2026 mit Universal Music Group eine Zusammenarbeit, die Premium-Nutzern künftig lizenzierte KI-generierte Coverversionen und Remixe ermöglichen soll. Rechteinhaber sollen in dieses Modell einbezogen werden. Damit zeichnet sich die grundsätzliche Linie des Streamingdienstes ab: Künstliche Intelligenz als Werkzeug soll nicht pauschal ausgeschlossen werden. Bei künstlich erzeugten Künstleridentitäten will Spotify jedoch deutlich transparenter machen, ob hinter einem Profil tatsächlich ein realer Musiker steht.
Wie schnell automatisch produzierte Musik verbreitet werden kann, zeigt auch eine im Juni 2026 veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung zur sogenannten „AI Slop“-Musik. Die Forscher analysierten unter anderem KI-Musik auf Spotify und untersuchten außerdem, wie einfach solche Produktionen über Musikvertriebe auf Streamingplattformen veröffentlicht werden können. Nach ihren Ergebnissen erreichte die große Mehrheit der untersuchten KI-Musik allerdings nur sehr wenige oder gar keine relevanten Abrufe.
Die Untersuchung verweist zugleich auf ein grundsätzliches Problem: Verfahren zur automatischen Erkennung von KI-Musik sind weiterhin fehleranfällig. Spotifys neuer Ansatz setzt deshalb an einem anderen Punkt an. Nicht jeder Einsatz künstlicher Intelligenz in einem Song soll pauschal bewertet werden. Stattdessen soll für Hörer klarer erkennbar sein, wenn die Person oder Band, die ihnen auf dem Bildschirm präsentiert wird, selbst eine künstlich erzeugte Identität ist.






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