
Die Stadtbahn-Krise Bonn bekommt eine neue Dimension. Wegen eines Bescheids der Technischen Aufsichtsbehörde haben die Stadtwerke Bonn für Freitag, 7. August 2026, kurzfristig die Aufsichtsräte der Konzernholding und von SWB Bus und Bahn zu einer Sondersitzung einberufen. Hintergrund sind offenbar deutlich schwerwiegendere technische Mängel an älteren Stadtbahnen als bislang öffentlich bekannt. Laut einem Bericht des General-Anzeigers, auf den sich der WDR beruft, stuft die Behörde die festgestellten Probleme als erhebliches Sicherheitsrisiko ein. Die Stadtwerke sprechen selbst von einem Vorgang von „erheblicher Tragweite“.
Der Bescheid der Technischen Aufsichtsbehörde enthält laut General-Anzeiger mehrere schwerwiegende Beanstandungen. Genannt werden demnach beschädigte Radsätze, fehlende Nachweise für sicherheitsrelevante Bauteile, fehlerhafte Bearbeitungen sowie der Einbau falscher Radsatzwellen. Der WDR gibt den Bericht wieder und schreibt, dass die TAB die Mängel als erhebliches Sicherheitsrisiko einstufe. Der vollständige Behördenbescheid ist bislang nicht öffentlich zugänglich.
Die Stadtwerke bestätigen die Tragweite des Vorgangs grundsätzlich. Ein SWB-Sprecher erklärte gegenüber dem WDR, der TAB-Bescheid mache deutlich, dass es sich um einen Sachverhalt von erheblicher Bedeutung handele. Die Bewertung werde sehr ernst genommen und solle lückenlos aufgearbeitet werden.
Die Probleme beschäftigen den Bonner Nahverkehr bereits seit dem 20. Juli. Gemeinsam mit der Technischen Aufsichtsbehörde entschieden SWB Bus und Bahn und die SSB damals, 60 von insgesamt 75 betroffenen Stadtbahnwagen vorübergehend aus dem Betrieb zu nehmen. Bei drei Fahrzeugen waren zuvor sicherheitsrelevante Komponenten aufgefallen.
Bei weiteren Untersuchungen wurde festgestellt, dass in Fahrzeugen aus den 1980er-Jahren teilweise Radsatzwellen aus den 1970er-Jahren verbaut waren. Außerdem bestätigten die Stadtwerke Dokumentationslücken bei sogenannten Pressverbindungen und den Einsatz nicht originaler beziehungsweise nicht ausdrücklich legitimierter Getriebeteile. Auch Kupplungssysteme und Federspeicherbremsen wurden untersucht.
Die bereits offiziell bekannten Probleme gingen damit deutlich über eine mögliche Materialermüdung hinaus. Die Stadtwerke erklärten am 24. Juli, die Untersuchungen hätten ein komplexes Bild historisch gewachsener technischer Abweichungen ergeben. Dazu gehörten die alten Radsatzwellen in Bonn, Dokumentationslücken sowie nicht explizit legitimierte Bauteile.
Gleichzeitig betonte SWB damals, dass bislang keine Betriebsauffälligkeiten oder ein Versagen der betroffenen Komponenten bekannt geworden seien. Nicht nachweisbare oder veränderte Bauteile sollten im Zuge der kommenden Instandsetzungszyklen durch legitimierte Neuteile ersetzt werden. Die nun bekannt gewordenen Inhalte des TAB-Bescheids werfen allerdings die Frage auf, wie schwer die technischen Defizite tatsächlich einzustufen sind.
Zusätzliche Brisanz erhält die SWB Sondersitzung Bonn durch Vorwürfe zur internen Informationspolitik. Nach dem vom WDR wiedergegebenen Bericht des General-Anzeigers werfen einige Aufsichtsratsmitglieder SWB-Geschäftsführerin Anja Wenmakers vor, erst spät oder über Umwege von dem Bescheid der Technischen Aufsichtsbehörde erfahren zu haben.
Noch am 24. Juli hatten die Stadtwerke erklärt, der Aufsichtsrat sei eng in die Aufarbeitung eingebunden. Der damalige Aufsichtsratsvorsitzende David Lutz forderte vollständige Transparenz über Ursachen, Entscheidungsabläufe und den weiteren Untersuchungsprozess. In der kurzfristig einberufenen Sitzung sollen die Aufsichtsräte nun über den neuen Stand informiert werden. Wegen der kurzen Vorlaufzeit können Mitglieder anschließend weitere Fragen schriftlich einreichen.
Für die Beschäftigten bedeutet die Stadtbahn-Krise Bonn gleichzeitig erheblichen technischen Aufwand. Nach Angaben der Stadtwerke gegenüber dem WDR arbeiten die Werkstattteams inzwischen im Drei-Schicht-Betrieb, um die betroffenen Fahrzeuge zu untersuchen und möglichst schnell wieder einsatzfähig zu machen. Bereits Ende Juli hatte SWB angekündigt, dass die Arbeiten rund um die Uhr und auch an Wochenenden laufen.
Für eine Wiederinbetriebnahme muss ein Untersuchungskonzept nachvollziehbar darlegen, mit welchen technischen Maßnahmen und zusätzlichen Kontrollen ein sicherer Betrieb gewährleistet werden kann. Als Ziel war zuletzt eine schrittweise Rückkehr der Fahrzeuge bis Mitte August genannt worden. Ob der neue TAB-Bescheid diesen Zeitplan verändert, ist bislang nicht bekannt.
Die Folgen sind im Bonner Nahverkehr weiterhin deutlich zu spüren. Die Kölner Verkehrs-Betriebe unterstützen SWB aktuell mit 14 ausgeliehenen Stadtbahnfahrzeugen. Trotzdem stehen auf den Bonner Linien weniger Kapazitäten zur Verfügung. Besonders auf der Linie 66 fahren nach Angaben von SWB überwiegend Einzelwagen.
Seit Donnerstag bittet SWB Fahrgäste deshalb zusätzlich, Fahrräder in stark ausgelasteten Bahnen nur mitzunehmen, wenn ausreichend Platz vorhanden ist. Damit wirkt sich die technische Krise inzwischen seit mehr als zwei Wochen unmittelbar auf den täglichen Verkehr aus.
Bis Freitagmorgen war noch kein Ergebnis der kurzfristig angesetzten Aufsichtsratssitzung veröffentlicht. Auf den aktuellen Informationsseiten von SWB findet sich bislang keine neue Mitteilung zu möglichen personellen, technischen oder organisatorischen Konsequenzen aus dem TAB-Bescheid.
Damit ist derzeit vor allem eines klar: Aus der zunächst mit technischen Prüfungen und Materialfragen begründeten Stilllegung von 60 Stadtbahnwagen ist eine deutlich umfassendere Stadtbahn-Krise Bonn geworden. Neben der technischen Sicherheit stehen nun auch die internen Abläufe und die Frage im Mittelpunkt, wann Aufsichtsgremien über die Tragweite der festgestellten Probleme informiert wurden.
Quellen: Stadtwerke Bonn/SWB Bus und Bahn, WDR, General-Anzeiger Bonn über WDR.
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