
Der Autokonzern Stellantis beendet Ende Oktober die Produktion in seinem traditionsreichen Motorenwerk im nordfranzösischen Douvrin. Am 30. Oktober 2026 soll der Standort im Département Pas-de-Calais endgültig seine bisherige Tätigkeit einstellen. Damit endet die Geschichte eines Werks, das 1969 als Française de Mécanique von Peugeot und Renault gegründet worden war und über Jahrzehnte zu den wichtigen Motorenstandorten der französischen Autoindustrie gehörte.
Die Schließung selbst war bereits länger angekündigt. Neu festgelegt wurde im Juli der endgültige Termin. Stellantis schließt Werk in Douvrin damit 57 Jahre nach dessen Gründung. Über die Jahrzehnte liefen dort mehr als 40 Millionen Motoren vom Band. Zu den bekannten Produkten gehörten verschiedene Benzin- und Dieselmotoren für Fahrzeuge französischer Hersteller.
Zuletzt war das Produktionsprogramm bereits deutlich geschrumpft. Die Fertigung des 1,5 Liter Diesels BlueHDi endete Ende 2025. Als eine der letzten verbliebenen Baureihen wurde in Douvrin noch der 1,2 Liter Benzinmotor aus der PureTech Familie gefertigt. Der Rückgang klassischer Verbrennerproduktion und die Verlagerung von Kapazitäten auf andere Antriebstechnologien hatten die Bedeutung des Werks über Jahre verringert.
Der Personalabbau erfolgte schrittweise und über unterschiedliche Programme. Nach Angaben von Stellantis wurden innerhalb eines Jahres 337 Beschäftigte bei internen Wechseln im Konzern, beim Übergang zu anderen Arbeitgebern oder über Seniorenregelungen begleitet.
Für die noch verbliebene Belegschaft unterscheiden sich die veröffentlichten Zahlen je nach Definition. Stellantis erklärte Mitte Juli, weniger als 50 fest angestellte Mitarbeiter müssten noch in eine neue Beschäftigung überführt werden. Hinzu kamen demnach etwa 50 Leiharbeitnehmer.
Die CGT nannte Ende Juli dagegen rund 150 Festangestellte, die noch am Standort tätig seien, sowie etwa 50 Leiharbeiter und Beschäftigte von Fremdfirmen. Die Angaben beziehen sich damit nicht zwingend auf dieselbe Gruppe: Die Unternehmenszahl beschreibt die noch zu vermittelnden Festangestellten, während die Gewerkschaft die weiterhin am Standort vorhandene Belegschaft erfasste.
Für einen Teil der früheren Mitarbeiter eröffnete sich eine Perspektive unmittelbar neben dem alten Motorenwerk. Dort produziert Automotive Cells Company, kurz ACC, Batteriezellen für Elektroautos. Das Unternehmen gehört Stellantis, Mercedes-Benz und der TotalEnergies Tochter Saft zu gleichen Teilen.
Die französische Regierung hatte bereits 2025 darauf verwiesen, dass Mitarbeiter aus der Motorenfertigung durch Weiterbildungsprogramme auf Tätigkeiten in der Batteriefabrik vorbereitet würden. Auch staatliche Instrumente zur beruflichen Neuorientierung kamen zum Einsatz.
Unter den Arbeitnehmervertretern fällt die Bewertung der Entwicklung nicht einheitlich aus. Laurent Oechsel von der in dem Unternehmen einflussreichen CFE-CGC erklärte nach Bekanntgabe des endgültigen Termins, die Gewerkschaft habe verlangt, die Produktion fortzuführen, solange noch Beschäftigte vorhanden seien. Mit dem inzwischen erreichten Personalstand sei eine Grenze erreicht worden. Der Ablauf entspreche der zuvor mit der Unternehmensleitung getroffenen Vereinbarung.
Deutlich schärfer fällt die Kritik der CGT aus. Sie wertet die Schließung als Arbeitsplatzabbau und kritisiert die Industriepolitik von Stellantis. Die Gewerkschaft verweist insbesondere auf Beschäftigte und Leiharbeiter, für die die berufliche Zukunft aus ihrer Sicht nicht ausreichend gesichert sei.
Die politischen Diskussionen um Douvrin reichen bereits mehrere Jahre zurück. In der französischen Nationalversammlung wurden die Zukunft des Standorts, die Zahl der Arbeitsplätze und der Übergang zur Elektromobilität mehrfach thematisiert. Das französische Wirtschaftsministerium erklärte 2025, die Entwicklung verursache berechtigte Sorgen bei den Beschäftigten, stellte die Umstellung aber zugleich in den Zusammenhang mit dem Aufbau einer neuen industriellen Batteriewertschöpfung in Nordfrankreich.
Der Staat unterstützt den Aufbau einer französischen und europäischen Batterieindustrie finanziell und mit Qualifizierungsprogrammen. Douvrin und das benachbarte Billy-Berclau gehören zu einem größeren Batteriecluster in der Region Hauts-de-France.
Der Standort zeigt besonders deutlich, wie tiefgreifend sich die europäische Autoindustrie verändert. Während traditionelle Motorenfertigung zurückgeht, entstehen neue Werke für Batteriezellen, Elektromotoren und andere Komponenten elektrifizierter Fahrzeuge. Dieser Übergang bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Beschäftigtenzahl, Qualifikationen und Produktionsumfang an einem Standort unverändert bleiben.
Auch der Absatzmix verändert sich deutlich. Nach Zahlen des europäischen Herstellerverbands ACEA stiegen die Pkw Neuzulassungen in der Europäischen Union im ersten Halbjahr 2026 insgesamt um 5,7 Prozent. Reine Elektroautos erreichten einen Marktanteil von 20,7 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es 15,6 Prozent gewesen.
Noch stärker sind Hybridfahrzeuge vertreten. Sie kamen im ersten Halbjahr auf 37,3 Prozent. Dagegen sank der gemeinsame Marktanteil von Benzinern und Dieselfahrzeugen von 37,8 Prozent im Vorjahreszeitraum auf 29,7 Prozent. Gerade für Werke, die ausschließlich oder überwiegend klassische Verbrennungsmotoren herstellen, verändert diese Entwicklung langfristig die industrielle Grundlage.
Gleichzeitig steht die europäische Branche unter Kostendruck und stärkerem internationalen Wettbewerb. Die EU-Kommission hat die Autoindustrie deshalb als strategischen Industriezweig eingestuft und einen Aktionsplan aufgelegt, der unter anderem Investitionen, Batterietechnik, Digitalisierung, Qualifizierung und Wettbewerbsfähigkeit stärken soll.
Auch Stellantis befindet sich mitten in einer umfassenden Neuordnung seiner Werke. Der Konzern kündigte im Mai an, seine europäischen Produktionskapazitäten bis 2030 um mehr als 800.000 Fahrzeuge reduzieren beziehungsweise durch Umbauten und Partnerschaften neu strukturieren zu wollen. Ziel des Unternehmens ist eine bessere Auslastung seiner Fabriken.
Die wirtschaftliche Situation in Europa bleibt für den Konzern anspruchsvoll. Stellantis meldete für das zweite Quartal 2026 zwar weltweit höhere Umsätze und wieder einen Nettogewinn. Die Region Europa erzielte beim bereinigten operativen Ergebnis jedoch weiterhin keine positive Marge.
Douvrin steht deshalb nicht allein für das Ende eines traditionsreichen Werks. Der Standort verdeutlicht zugleich die schwierige Verschiebung innerhalb der europäischen Automobilproduktion. Auf der einen Seite verschwindet nach 57 Jahren die Fertigung klassischer Motoren. Auf der anderen Seite entsteht unmittelbar daneben eine Batteriezellindustrie, die einen Teil der Beschäftigten übernommen hat und von Frankreich sowie der Europäischen Union als strategisch wichtig angesehen wird.
Für Douvrin ist der 30. Oktober dennoch eine klare Zäsur. Mit dem Ende der letzten Produktionsaktivitäten verschwindet ein Werk, das seit 1969 mehrere Generationen französischer Autos mit Motoren versorgt hat. Die industrielle Zukunft des Gebiets wird künftig wesentlich stärker von Batterien und elektrifizierten Antrieben geprägt sein.
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