
Uschi Obermaier wird 80. Das frühere Model, die Schauspielerin und Symbolfigur der westdeutschen Gegenkultur wurde am 24. September 1946 in München geboren. Ihr Name ist bis heute eng mit der Kommune 1, der sexuellen Revolution und dem Lebensgefühl der späten 1960er und frühen 1970er Jahre verbunden. Dabei war Obermaier selbst nie eine führende politische Aktivistin der Studentenbewegung. Gerade diese Distanz zur klassischen Politik macht ihre Rolle rückblickend besonders: Sie verkörperte weniger ein politisches Programm als den sichtbaren Bruch mit gesellschaftlichen Konventionen.
Obermaier wuchs im Münchner Stadtteil Sendling auf. Sie begann eine Ausbildung zur Fotoretuscheurin, brach sie jedoch ab und arbeitete anschließend als Fotomodell. Größere Bekanntheit erlangte sie unter anderem durch Aufnahmen für die Jugendzeitschrift twen. Das Magazin stand in den 1960er Jahren für modernes Design, neue Rollenbilder und eine offenere Auseinandersetzung mit Sexualität und gesellschaftlichem Wandel.
1968 bewegte sich Obermaier im Umfeld der Münchner Musikkommune und Krautrock-Gruppe Amon Düül. Bei den Internationalen Essener Songtagen lernte sie Rainer Langhans kennen. Er gehörte zu den prägenden Mitgliedern der Berliner Kommune 1. Obermaier zog zu ihm nach Berlin und wurde bald zu einem der bekanntesten Gesichter dieses Umfelds.
Die 1967 gegründete Kommune 1 verstand sich als Gegenmodell zu traditionellen Familien- und Gesellschaftsstrukturen. Ihre Mitglieder wollten nicht nur politische Forderungen formulieren, sondern auch ihr tägliches Zusammenleben verändern. Beziehungen, Sexualität, Wohnen und die Abkehr von bürgerlichen Konventionen wurden demonstrativ öffentlich gemacht.
Obermaier passte in dieses Bild, obwohl sie sich selbst nicht als besonders politische Person verstand. Gemeinsam mit Langhans sprach sie öffentlich über Beziehungen und freie Liebe. Fotos und Interviews machten das Paar weit über das eigentliche Umfeld der Studentenbewegung hinaus bekannt. Während andere Vertreter der 68er-Bewegung mit Reden, Demonstrationen oder theoretischen Debatten verbunden wurden, stand Obermaier zunehmend für die kulturelle und persönliche Seite des gesellschaftlichen Aufbruchs.
Ihre Bedeutung für die 68er-Zeit liegt deshalb weniger in politischen Positionen als in ihrer öffentlichen Wirkung. Das Bild der jungen, selbstbestimmten Frau, die traditionelle Vorstellungen von Partnerschaft, Sexualität und Lebensplanung ablehnte, wurde zu einem Gegenentwurf zu den gesellschaftlichen Normen der Nachkriegszeit. Zugleich zeigt ihre Geschichte, wie stark die Erinnerung an 1968 durch wenige prominente Personen und medienwirksame Bilder geprägt wurde.
Parallel zu ihrer Modelkarriere arbeitete Obermaier als Schauspielerin. Sie spielte unter anderem in Rudolf Thomes Filmen Detektive und Rote Sonne. Besonders Rote Sonne entwickelte sich später zum Kultfilm des Neuen Deutschen Films. Weitere Auftritte folgten unter anderem in Film oder Macht und Haytabo.
Schon damals verschwammen bei Obermaier die Grenzen zwischen Model, Schauspielerin und öffentlicher Figur. Ihre Bekanntheit beruhte nicht auf einer einzelnen Filmrolle oder politischen Funktion. Vielmehr wurde ihr eigenes Leben zum Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit. Mode, Musik, Beziehungen und Reisen gehörten ebenso zu ihrem Image wie ihre Verbindung zur Kommune 1.
Besonders häufig wird Obermaiers Name mit internationalen Rockstars verbunden. Sie war im Umfeld der Rolling Stones unterwegs und berichtete später selbst über Beziehungen beziehungsweise Begegnungen mit Mick Jagger, Keith Richards und Jimi Hendrix. Einzelne Details dieser Geschichten stammen vor allem aus autobiografischen Schilderungen und wurden über Jahrzehnte immer wieder weitererzählt. Sie gehören damit zur öffentlichen Obermaier-Erzählung, sollten aber nicht mit unabhängig dokumentierten historischen Ereignissen gleichgesetzt werden.
Gesichert ist, dass Obermaier sich Anfang der 1970er Jahre zunehmend aus dem politischen Berliner Umfeld entfernte und ihr Leben stärker von Reisen und der internationalen Musik- und Kulturszene geprägt wurde.
1973 begann ihre Beziehung mit Dieter Bockhorn, einem Hamburger Gastwirt und Unternehmer aus dem Umfeld von St. Pauli. In den folgenden Jahren reisten beide über längere Zeit mit einem ausgebauten Fahrzeug durch verschiedene Teile der Welt, darunter Asien, die USA und Mexiko. Diese Jahre wurden später zu einem zentralen Bestandteil ihrer autobiografischen Erzählungen.
Am 31. Dezember 1983 kam Bockhorn bei einem Motorradunfall in Mexiko ums Leben. Obermaier zog später in die USA und lebte viele Jahre im Topanga Canyon bei Los Angeles. Dort arbeitete sie unter anderem als Schmuckdesignerin. Seit Ende 2019 lebt sie in Portugal an der Algarve.
Obermaier veröffentlichte mehrfach Bücher über ihr Leben. Bereits 1994 erschienen ihre gemeinsam mit Claudius Seidl erarbeiteten Erinnerungen unter dem Titel Das wilde Leben. Später folgte High Times. Mein wildes Leben, das gemeinsam mit Olaf Kraemer entstand. 2013 erschien Expect nothing! Die Geschichte einer ungezähmten Frau.
2007 kam ihre Lebensgeschichte außerdem unter dem Titel Das wilde Leben ins Kino. Natalia Avelon spielte Obermaier, Matthias Schweighöfer verkörperte Rainer Langhans. Der Film trug dazu bei, ihr Image einer neuen Generation bekannt zu machen. Wie bei vielen Biografien verdichtet die Verfilmung reale Ereignisse und persönliche Erinnerungen zu einer dramatischen Erzählung.
Obermaiers dauerhafte Bekanntheit erklärt sich auch aus einem Widerspruch. Sie wurde zu einer Ikone einer politischen Epoche, ohne selbst zu deren wichtigsten politischen Köpfen zu gehören. Während die Studentenbewegung gegen den Vietnamkrieg, autoritäre gesellschaftliche Strukturen und die politischen Verhältnisse der Bundesrepublik protestierte, stand Obermaier vor allem für einen anderen Teil des Umbruchs: persönliche Freiheit, sexuelle Selbstbestimmung und die demonstrative Ablehnung traditioneller Lebensentwürfe.
Historisch war dieser kulturelle Wandel eng mit den politischen Auseinandersetzungen der Zeit verbunden, aber nicht mit ihnen identisch. Obermaiers öffentliche Rolle macht diese Unterscheidung besonders deutlich. Sie war weniger Theoretikerin der Revolte als eine ihrer sichtbarsten Projektionsflächen.
Auch deshalb ist sie mehr als ein nostalgisches Gesicht der späten 1960er Jahre. Ihre Biografie erzählt davon, wie eng Popkultur, gesellschaftliche Liberalisierung und Medienöffentlichkeit damals zusammenwirkten. Aus einem Münchner Fotomodell wurde eine Frau, deren Bilder bis heute zur visuellen Erinnerung an die 68er-Jahre gehören. An diesem Donnerstag feiert Uschi Obermaier ihren 80. Geburtstag.
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