
Angriffe auf Krankenhäuser, medizinisches Personal, Patienten und andere Teile der Gesundheitsversorgung bleiben in zahlreichen Konfliktgebieten ein gravierendes Problem. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bis zum 19. August 2026 weltweit 914 Angriffe auf die Gesundheitsversorgung registriert. Dabei wurden nach Angaben der Organisation 911 Menschen getötet und 1.486 verletzt. Besonders viele Fälle wurden in der Ukraine, im Libanon, im besetzten palästinensischen Gebiet und in Myanmar erfasst.
Die Zahlen veröffentlichte die WHO rund um den Welttag der humanitären Hilfe am 19. August. Auf das bisherige Jahr gerechnet entspricht die Zahl nach WHO-Angaben mehr als vier registrierten Angriffen pro Tag. Neben den besonders betroffenen Regionen führt die Organisation unter anderem Iran, Sudan, die Demokratische Republik Kongo, Südsudan, Russland, Syrien und Nigeria als weitere Gebiete mit gemeldeten Vorfällen auf.
Die Zahl von 914 Fällen umfasst deutlich mehr als Angriffe auf Krankenhausgebäude. Die WHO definiert einen Angriff auf die Gesundheitsversorgung als körperliche oder verbale Gewalt, Behinderung oder Gewaltandrohung, die während einer Notlage die Verfügbarkeit, den Zugang oder die Erbringung medizinischer Leistungen beeinträchtigt.
Damit können Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen und medizinisches Personal ebenso in die Statistik einfließen wie Gewalt gegen Patienten und medizinische Transporte. Auch Einschüchterung, Behinderungen der Versorgung sowie bestimmte Formen der Festnahme oder Entführung von medizinischem Personal können erfasst werden. Nach Angaben der WHO waren schwere Waffen im laufenden Jahr die am häufigsten gemeldete Form der Gewalt.
Die Zahlen sollten deshalb nicht so verstanden werden, dass es sich bei allen 914 Fällen um Bombardierungen von Krankenhäusern handelt. Die Statistik bildet unterschiedliche Eingriffe in die medizinische Versorgung innerhalb humanitärer Krisen und Konflikte ab.
Einen besonders großen Anteil der registrierten Vorfälle verzeichnet die WHO derzeit in mehreren aktiven Konfliktgebieten. In der Ukraine hat die Organisation seit Beginn der russischen Großinvasion mehr als 3.000 Angriffe auf die Gesundheitsversorgung dokumentiert. Betroffen waren Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen, aber auch Rettungsfahrzeuge, Lagerhäuser und Versorgungsketten.
Auch der Libanon und das besetzte palästinensische Gebiet gehören nach den aktuellen WHO-Angaben zu den Regionen mit besonders vielen registrierten Fällen. Im Gazastreifen wurden nach Angaben der Organisation alle 36 Krankenhäuser seit Beginn des dortigen Krieges beschädigt. Rund die Hälfte war Mitte August noch teilweise funktionsfähig.
Im Sudan waren 2026 nach WHO-Angaben 37 Prozent der Gesundheitseinrichtungen nicht funktionsfähig. Dabei können neben direkten Angriffen weitere Folgen eines Konflikts wie Schäden, Versorgungsengpässe oder mangelnde Erreichbarkeit die medizinische Versorgung zusätzlich einschränken.
Die unmittelbare Zahl der Toten und Verletzten bildet nur einen Teil der Auswirkungen ab. Wird eine Klinik beschädigt, ein Rettungsfahrzeug außer Betrieb gesetzt oder medizinisches Personal an seiner Arbeit gehindert, kann dies die Behandlung weiterer Patienten über längere Zeit beeinträchtigen.
Die WHO verweist auf Untersuchungen aus Nordwestsyrien. Dort wurden die Folgen von 69 Angriffen auf medizinische Einrichtungen untersucht. Die Zahl ambulanter Behandlungen sank unmittelbar nach solchen Vorfällen um 51 Prozent. Die Auswirkungen auf die Nutzung medizinischer Angebote waren teilweise noch mehrere Wochen später messbar.
Besonders problematisch können solche Störungen während Krankheitsausbrüchen werden. In der Demokratischen Republik Kongo registrierte die WHO seit dem Beginn des aktuellen Bundibugyo-Ebola-Ausbruchs im Mai zwölf Angriffe auf die Gesundheitsversorgung. Nach Angaben der Organisation wurden dadurch unter anderem Überwachung, Fallermittlung, Kontaktverfolgung, Behandlung und die Arbeit mit betroffenen Gemeinden beeinträchtigt.
Das Surveillance System for Attacks on Health Care der WHO erfasst entsprechende Vorfälle seit Ende 2017 systematisch. Seither dokumentierte die Organisation mehr als 10.400 Angriffe in insgesamt 29 Ländern und Gebieten. Dabei wurden mehr als 5.700 Todesfälle und mehr als 8.500 Verletzte registriert.
Allein für 2025 weist die WHO inzwischen 1.426 Angriffe aus. Dabei kamen 1.991 Beschäftigte des Gesundheitswesens oder Patienten ums Leben, weitere 1.189 wurden verletzt. Damit bewegt sich auch die Zahl für 2026 bereits deutlich über früheren Größenordnungen, obwohl das laufende Jahr noch nicht abgeschlossen ist.
Die WHO veröffentlicht nur Vorfälle, die ein internes Prüfverfahren durchlaufen haben. Dabei wird jedem gemeldeten Ereignis ein Grad der Sicherheit zugeordnet. Reine Gerüchte erscheinen nicht im öffentlichen Datensystem. Gleichzeitig weist die Methodik darauf hin, dass die Einstufung bestätigt, wie sicher das Stattfinden eines Vorfalls beurteilt wird. Sie bestätigt nicht automatisch jedes einzelne Detail zu dessen Ablauf.
Medizinisches Personal, Patienten, Gesundheitseinrichtungen und medizinische Transporte genießen in bewaffneten Konflikten besonderen Schutz nach dem humanitären Völkerrecht. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verurteilte bereits 2016 mit Resolution 2286 Angriffe auf medizinische Einrichtungen und Beschäftigte und forderte die Konfliktparteien zu stärkerem Schutz der Gesundheitsversorgung auf.
Die WHO nutzt ihre Datenerfassung vor allem, um das Ausmaß und die Folgen solcher Vorfälle sichtbar zu machen und auf die Einhaltung dieser Schutzpflichten hinzuweisen. Das System selbst entscheidet weder über strafrechtliche Verantwortung noch darüber, wer für einen einzelnen Angriff verantwortlich ist.
Mit 914 registrierten Vorfällen innerhalb von weniger als acht Monaten zeigt die Bilanz für 2026, dass die medizinische Versorgung in zahlreichen Konflikten weiterhin unmittelbar von Gewalt und Behinderungen betroffen ist. Neben den unmittelbaren Folgen für Ärzte, Pflegekräfte und Patienten treffen solche Vorfälle ganze Gesundheitssysteme, weil Behandlungskapazitäten, Transportwege und die Versorgung mit Medikamenten langfristig beeinträchtigt werden können.
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