
Bei einem mutmaßlich russischen Drohnenangriff auf einen Linienbus in der südukrainischen Stadt Cherson sind nach Angaben der regionalen Behörden am Mittwoch vier Menschen getötet worden. Fünf weitere Menschen wurden verletzt. Der Angriff ereignete sich nach Angaben des Leiters der Militärverwaltung der Region Cherson, Oleksandr Prokudin, am Morgen des 19. August 2026 im Stadtbezirk Korabelny. Eine unabhängige Bestätigung aller Einzelheiten zum konkreten Ablauf lag zunächst nicht vor.
Der Drohnenangriff auf Linienbus in Cherson reiht sich in eine Serie von Angriffen mit kleinen unbemannten Fluggeräten ein, die in den frontnahen Gebieten der Südukraine seit längerer Zeit zahlreiche zivile Opfer fordern. Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte mit scharfer Kritik. Er bezeichnete die Situation in Cherson erneut als eine Art russische Drohnen Safari gegen die Zivilbevölkerung. Die Formulierung ist eine politische Bewertung des ukrainischen Präsidenten. Dass zivile Opfer durch Kurzstreckendrohnen in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen haben, wird allerdings auch durch Daten der Vereinten Nationen gestützt.
Nach Angaben Prokudins wurde der Bus gegen 8.50 Uhr Ortszeit von einer Drohne getroffen. Die Regionalverwaltung sprach zunächst von vier getöteten Menschen und vier Verletzten. Später wurde die Zahl der Verletzten auf fünf erhöht. Ukrainische Stellen bezeichneten das Fahrzeug als zivilen Linienverkehr. Bilder und Aufnahmen, die von Behörden verbreitet wurden, zeigen einen schwer beschädigten Kleinbus. Eine unabhängige Rekonstruktion des Angriffs und insbesondere der Steuerung der Drohne war zunächst nicht möglich.
Die Angaben zur Herkunft des Fluggeräts stammen von ukrainischen Behörden, die Russland für den Angriff verantwortlich machen. Von russischer Seite lag zunächst keine detaillierte öffentliche Darstellung zu diesem konkreten Vorfall vor. Russland bestreitet grundsätzlich, im Krieg gegen die Ukraine Zivilisten absichtlich zum Ziel seiner Angriffe zu machen. Internationale Organisationen haben jedoch wiederholt zivile Opfer russischer Angriffe dokumentiert. Bei einzelnen Attacken in unmittelbarer Frontnähe lässt sich die genaue militärische Befehlskette von unabhängiger Seite häufig nicht zeitnah feststellen.
Selenskyj erklärte nach dem Angriff, russische Kräfte hätten am Morgen einen gewöhnlichen Bus in Cherson mit einer FPV Drohne getroffen. Er verwies auf die vier Todesopfer und fünf Verletzten und bezeichnete die fortgesetzten Angriffe in der Stadt als brutale russische Safari gegen Menschen. Zugleich forderte er die internationalen Partner der Ukraine erneut zu mehr Unterstützung bei der Verteidigung gegen Drohnen und andere Luftangriffe sowie zu weiterem Druck auf Russland auf.
Den Begriff Safari verwendet Selenskyj nicht erstmals. Bereits zuvor hatte er damit Angriffe kleiner Drohnen auf Menschen und Fahrzeuge in Cherson und anderen frontnahen Regionen beschrieben. Auch Bewohner und ukrainische Behörden verwenden entsprechende Begriffe seit längerem für die besondere Bedrohungslage. Im Mai erklärte Selenskyj auf der offiziellen Internetseite des Präsidenten, die Situation in Cherson sei besonders schwierig und russische Kräfte betrieben dort faktisch eine Jagd auf Zivilisten. Diese Zuschreibung ist Teil der ukrainischen Darstellung des Kriegsgeschehens.
Unabhängig von politischen Bewertungen belegen Zahlen der Vereinten Nationen eine deutliche Verschärfung der Gefahr durch Kurzstreckendrohnen. Nach einem Mitte August veröffentlichten Bericht wurden allein im Juli 2026 mindestens 111 Zivilisten durch solche Drohnen getötet und 710 verletzt. Das war nach UN Angaben der höchste Monatswert seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022. Insgesamt registrierten die Vereinten Nationen im Juli mindestens 437 getötete und 2.610 verletzte Zivilisten in der Ukraine.
Kurzstreckendrohnen unterscheiden sich dabei von den größeren Angriffsdrohnen, die über Hunderte Kilometer gegen Städte und Infrastruktur eingesetzt werden. FPV Systeme werden aus vergleichsweise geringer Entfernung gesteuert. Über eine Kamera erhält der Bediener unmittelbar Bilder aus der Flugrichtung. In Gebieten nahe der Front können solche Systeme dadurch einzelne Fahrzeuge oder andere kleine Ziele erreichen. Gerade für Städte wie Cherson ergibt sich daraus eine besondere Bedrohung.
Die UN Zahlen zeigen zugleich, dass zivile Opfer nicht nur durch diese Drohnen verursacht werden. Raketen, größere Angriffsdrohnen, Artillerie und gelenkte Fliegerbomben bleiben weitere wesentliche Gefahren. Im Juli erreichte die Gesamtzahl der dokumentierten zivilen Opfer nach Angaben der Vereinten Nationen den höchsten Stand seit Mai 2022.
Die Lage Chersons unterscheidet die Stadt von vielen anderen größeren Städten der Ukraine. Ukrainische Kräfte kontrollieren Cherson westlich des Dnipro, während russische Truppen auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses Gebiete besetzt halten. Dadurch befinden sich Teile des Stadtgebiets in Reichweite von Waffen, die normalerweise nur auf vergleichsweise kurze Entfernungen eingesetzt werden können.
Der UN Nothilfekoordinator Tom Fletcher beschrieb die Situation nach einem Besuch in Cherson am Mittwoch als besonders problematisch für Zivilisten und Hilfsorganisationen. Nach Angaben der Vereinten Nationen bedrohen Drohnen dort nicht nur Einwohner, sondern erschweren auch die Versorgung der verbliebenen Bevölkerung. Fahrzeuge des öffentlichen Verkehrs und humanitäre Helfer sind wegen der Nähe zur Front einem erheblichen Risiko ausgesetzt.
Der Angriff vom Mittwoch ist zudem nicht der erste tödliche Drohnenangriff auf öffentliche Verkehrsmittel in Cherson. Bereits im Januar 2025 meldeten ukrainische Behörden einen Toten und neun Verletzte nach einem Angriff auf einen Passagierbus. Anfang Mai 2026 wurden nach Angaben der Regionalverwaltung zwei Menschen bei einem Drohnenangriff auf einen Kleinbus getötet und sieben verletzt. Wenige Stunden später soll eine weitere Drohne einen Busfahrer verletzt haben.
Die zunehmende Zahl ziviler Opfer durch Drohnen hat inzwischen auch international größere Aufmerksamkeit erhalten. UN Vertreter sehen insbesondere die Entwicklung in frontnahen Gebieten mit Sorge. Dort können kleine und vergleichsweise kostengünstige Systeme nahezu ständig eingesetzt werden und den Alltag der Bevölkerung erheblich beeinträchtigen. Fletcher warnte am Mittwoch zudem davor, dass die Bedrohung durch Drohnen humanitäre Einsätze erschwert und den Zugang zu Menschen begrenzt, die auf Unterstützung angewiesen sind.
Für die Bewohner Chersons bedeutet dies, dass ziviler Verkehr selbst außerhalb größerer Raketen oder Artillerieangriffe gefährdet sein kann. Der Angriff auf den Bus vom 19. August verdeutlicht diese Entwicklung. Offiziell bestätigt war am Mittwochabend nach Angaben der ukrainischen Regionalbehörden der Tod von vier Menschen. Fünf weitere Menschen wurden als verletzt gemeldet.
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