
Bei einer Angriffswelle auf mehrere Dörfer im nigerianischen Bundesstaat Niger sind zahlreiche Menschen verschleppt worden. Bewohner und ein Abgeordneter berichteten zudem von vielen Getöteten. Eine medizinische Quelle in einem der betroffenen Orte sprach von einer vorläufigen Zahl von etwa 40 Toten. Diese Angaben waren bis Sonntagmorgen, 23. August 2026, jedoch nicht von den Sicherheitsbehörden bestätigt. Die Polizei erklärte vielmehr, ihr seien zunächst keine Todesfälle gemeldet worden.
Der Angriff von Islamisten in Nigeria ereignete sich am Freitag während beziehungsweise kurz nach dem muslimischen Freitagsgebet im Gebiet Borgu im Westen des Bundesstaats Niger. Mehrere Ortschaften waren betroffen. Die Region liegt nahe der Grenze zum westafrikanischen Nachbarland Benin und gehört zu einem Gebiet, in dem neben kriminellen Banden zunehmend auch islamistische bewaffnete Gruppen aktiv sind.
Nach Angaben eines Überlebenden wurde das Dorf Dikera nach dem Freitagsgebet von einer großen Zahl bewaffneter Männer angegriffen. Der Mann ordnete die Angreifer der islamistischen Gruppierung Lakurawa zu. Auch die nahe gelegene Ortschaft Binzi sei betroffen gewesen. Ein Abgeordneter aus der Region bestätigte gegenüber AFP Angriffe auf beide Orte. Eine genaue Zahl der Getöteten oder Verschleppten konnte zunächst keiner der beiden nennen.
Die Polizei schilderte die Ereignisse teilweise anders und nannte Gidan-Zana sowie Kpenya im Bezirk Dekara als angegriffene Orte. Nach ihrer Darstellung drangen bewaffnete Männer auch in eine Moschee in Kpenya ein und verschleppten während des Gebets eine zunächst unbekannte Zahl von Menschen. Ein gemeinsames Sicherheitskontingent sei anschließend in das Gebiet geschickt worden.
Lokale Verantwortliche und Einwohner nannten deutlich höhere Zahlen. Der Vorsitzende der Kommunalverwaltung von Borgu sprach von mindestens 60 Verschleppten. Andere Bewohner schätzten die Zahl auf bis zu 80. Die Polizei bestätigte diese Zahlen zunächst nicht. Damit blieb auch am Sonntag offen, wie viele Menschen tatsächlich in die umliegenden Waldgebiete gebracht wurden.
Besonders unsicher war zunächst die Zahl möglicher Todesopfer. Ein Überlebender aus Dikera und ein Abgeordneter berichteten, dass Bewohner getötet worden seien. Eine medizinische Quelle in Dikera bezifferte die vorläufige Zahl der Toten auf etwa 40. Eine unabhängige Bestätigung dafür lag zunächst nicht vor.
Die Polizei des Bundesstaats Niger erklärte dagegen ausdrücklich, nach ihrem damaligen Kenntnisstand seien keine Menschen ums Leben gekommen. Sie bestätigte die Verschleppungen, konnte aber zunächst ebenfalls keine genaue Zahl der Vermissten nennen. Auch Berichte über Verletzte waren noch nicht abschließend geklärt. Lokale Verantwortliche erklärten, einige Menschen hätten Schussverletzungen erlitten, als sie vor den Angreifern flohen.
Damit lassen sich Berichte über Dutzende Tote derzeit nicht als gesicherte Opferbilanz darstellen. Offiziell bestätigt waren zunächst die Angriffe auf mehrere Gemeinden, die Verschleppung von Menschen und der Einsatz von Sicherheitskräften.
Nach Darstellung eines Überlebenden und des Abgeordneten soll während des Angriffs eine zweite islamistische Gruppierung namens Mahmuda eingegriffen und gegen Kämpfer von Lakurawa gekämpft haben. Dadurch hätten einige Bewohner fliehen können. Behördliche Angaben zu diesem Gefecht lagen zunächst nicht vor.
Auch die Zuordnung sämtlicher Angriffe zu Lakurawa ist bislang nicht abschließend geklärt. Ein weiterer Bewohner machte die islamistische Gruppierung Ansaru für zumindest einen Teil der Gewalt verantwortlich. Von den beteiligten Gruppen lag zunächst kein öffentlich bestätigtes Bekennerschreiben vor.
Lakurawa ist in Nigeria seit Anfang 2025 offiziell als Terrororganisation verboten. Ein Bundesgericht in Abuja ordnete damals auf Antrag der Regierung das Verbot der Gruppe an. Untersuchungen zur Sicherheitslage in Westafrika bringen Lakurawa mit islamistischen Netzwerken aus dem Sahel in Verbindung. Ein Bericht eines Expertengremiums der Vereinten Nationen hielt 2025 fest, dass Lakurawa nach Angaben eines Mitgliedstaates Verbindungen zur Terrormiliz Islamischer Staat in der Sahel-Provinz aufgebaut habe.
Nigeria kämpft seit 2009 gegen eine islamistische Aufstandsbewegung, deren Schwerpunkt lange im Nordosten des Landes lag. Dort sind vor allem Boko Haram und die mit dem sogenannten Islamischen Staat verbundene Gruppierung ISWAP aktiv. Inzwischen stellt sich die Sicherheitslage jedoch wesentlich komplexer dar. Im Nordwesten und im zentralen Landesteil verüben zugleich kriminelle Banden, lokale bewaffnete Gruppen und islamistische Organisationen Überfälle und Entführungen.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Grenzraum zu Benin und Niger. Die Ausbreitung islamistischer Gruppen aus der Sahelzone nach Süden erhöht dort den Druck auf ohnehin schwer zu kontrollierende ländliche Gebiete. UN-Experten hatten bereits auf Bestrebungen der IS-Sahel-Provinz hingewiesen, ihre Aktivitäten mithilfe von Lakurawa in Richtung Nordwestnigeria auszudehnen.
Massive Entführungen bleiben zugleich eines der größten Sicherheitsprobleme des Landes. Noch am 21. August demonstrierten Angehörige von Kindern, die im Mai im nordöstlichen Bundesstaat Borno aus einer Schule verschleppt worden waren. Rund 45 Kinder galten zu diesem Zeitpunkt weiterhin als vermisst.
Im Gebiet Borgu konzentrierten sich die Sicherheitskräfte nach den jüngsten Angriffen zunächst auf die Suche nach den Verschleppten und die Sicherung der betroffenen Gemeinden. Wie viele Menschen getötet oder verletzt wurden und welche bewaffnete Gruppe für die einzelnen Angriffe verantwortlich war, war am Sonntagmorgen noch nicht abschließend geklärt.
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