
Opel steht vor einem tiefgreifenden Umbau seines Entwicklungsstandorts in Rüsselsheim. Der Mutterkonzern Stellantis plant, die Zahl der dort beschäftigten Ingenieurinnen und Ingenieure von rund 1.650 auf etwa 1.000 zu reduzieren. Damit wären ungefähr 650 Stellen betroffen. Zugleich treibt die deutsche Stellantis-Marke ihre nächste Modellgeneration voran. Opel-Chef Florian Huettl hat nun neue Angaben zum künftigen Corsa gemacht und die stärkere Zusammenarbeit mit dem chinesischen Elektroautohersteller Leapmotor verteidigt.
Der angekündigte Stellenabbau bei Opel in Rüsselsheim betrifft einen Standort, der über Jahrzehnte zu den wichtigsten Entwicklungszentren der deutschen Automobilindustrie gehörte. Stellantis hatte den Umbau bereits am 10. April 2026 angekündigt. Das heutige Entwicklungszentrum soll zu einem kleineren Tech Center werden. Organisatorische Maßnahmen sollen nach Angaben des Konzerns erst nach Information und Anhörung des Betriebsrats sowie Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretern umgesetzt werden.
Nach den Stellantis-Plänen sollen die verbleibenden rund 1.000 Beschäftigten weiterhin Fahrzeuge für Opel und die britische Schwestermarke Vauxhall entwickeln. Zusätzlich soll Rüsselsheim konzernweite Aufgaben übernehmen. Stellantis nennt unter anderem Fahrerassistenzsysteme, virtuelle Fahrzeugentwicklung, Anwendungen künstlicher Intelligenz, Batterieentwicklung und Batteriesicherheit sowie Softwaremodule.
Opel-Chef Florian Huettl begründet die Neuordnung mit der künftigen Aufgabenverteilung innerhalb des internationalen Konzerns. In einem im August veröffentlichten Gespräch erklärte er, der Entwicklungsstandort müsse auf die Aufgaben zugeschnitten werden, die Opel künftig tatsächlich übernehmen solle. Nach seiner Darstellung seien rund 1.000 Ingenieure ausreichend, um diese Aufgaben zu erfüllen.
Der Betriebsrat hatte die angekündigte Reduzierung im Frühjahr scharf kritisiert und gefordert, bestehendes Know-how stärker zu nutzen. Auch die Stadt Rüsselsheim reagierte besorgt. Der Stellenabbau trifft einen Standort, an dem Opel in früheren Jahrzehnten erheblich mehr Menschen in Entwicklung und Produktion beschäftigte.
Parallel zum Personalumbau konkretisiert Opel seine Modellplanung. Huettl sagte der Welt am Sonntag, dass die nächste Generation des Corsa 2028 auf den Markt kommen soll. Zuvor war teilweise 2027 als mögliches Einführungsjahr genannt worden.
Der neue Corsa soll nach Huettls Angaben ausschließlich elektrisch angeboten werden und rund 25.000 Euro kosten. Damit zielt Opel auf ein Marktsegment, in dem mehrere europäische Hersteller günstigere Elektroautos vorbereiten. Der Corsa gehört traditionell zu den wichtigsten Volumenmodellen der Marke.
Die angekündigte Preislage ist zugleich Bestandteil der Stellantis-Strategie, Elektroautos stärker über gemeinsame Plattformen, Batterietechnik und größere Stückzahlen günstiger zu machen. Bereits im Frühjahr hatte Huettl erklärt, Opel wolle einen elektrischen Corsa in dieser Größenordnung rentabel anbieten.
Gleichzeitig hat Opel seine frühere Strategie eines schnellen vollständigen Abschieds von Verbrennungsmotoren gelockert. Für die Marke gibt es derzeit kein festes neues Datum, ab dem ausschließlich Elektrofahrzeuge verkauft werden sollen. Bei einzelnen Baureihen bleiben Verbrenner und Hybridantriebe damit vorerst Teil des Angebots.
Besonders deutlich wird die neue Entwicklungsstrategie bei einem weiteren Modell. Opel arbeitet gemeinsam mit dem chinesischen Hersteller Leapmotor an einem neuen vollelektrischen SUV im sogenannten C-Segment.
Das Fahrzeug soll nach den bisherigen Planungen in Rüsselsheim gestaltet und von Teams in Deutschland und China gemeinsam entwickelt werden. Opel übernimmt unter anderem Kompetenzen bei Design, Fahrwerk, Sitzen und Lichttechnik. Für zentrale Teile der Elektroarchitektur und Batterietechnik soll Technologie von Leapmotor eingesetzt werden.
Stellantis hält 21 Prozent an Leapmotor und hat die internationale Vermarktung der chinesischen Marke über ein Gemeinschaftsunternehmen ausgebaut. Die Kooperation soll nun auch stärker für Fahrzeuge etablierter Stellantis-Marken genutzt werden.
Der Produktionsstart des neuen Opel-SUV ist für 2028 vorgesehen. Gebaut werden soll das Fahrzeug nach derzeitiger Planung im spanischen Stellantis-Werk Saragossa. Dort wird seit Jahrzehnten auch der Corsa produziert. Stellantis und Leapmotor hatten im Mai erklärt, eine entsprechende Erweiterung ihrer Zusammenarbeit vorzubereiten.
Für Opel bedeutet das eine veränderte Arbeitsteilung. Nicht mehr jedes technische System eines neuen Modells wird vollständig innerhalb der eigenen Entwicklungsorganisation entstehen. Stattdessen kombiniert Stellantis Komponenten und Kompetenzen verschiedener Konzernstandorte sowie externer Partner.
Der Umbau in Rüsselsheim fällt in eine Phase erheblichen Beschäftigungsabbaus in der deutschen Automobilindustrie. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes arbeiteten Ende des ersten Halbjahres 2026 noch rund 691.500 Menschen bei Autoherstellern und den erfassten Zulieferbereichen. Das waren 42.300 Beschäftigte beziehungsweise 5,8 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
Allein bei der Herstellung von Kraftwagen und Motoren sank die Beschäftigung binnen eines Jahres um 6,1 Prozent. Bei Zulieferern von Fahrzeugteilen und Zubehör betrug der Rückgang 7,6 Prozent. Damit gehörte die Automobilindustrie zuletzt zu den großen deutschen Industriebranchen mit dem stärksten Stellenabbau.
Gleichzeitig wächst der Elektroautomarkt wieder deutlich. Nach Zahlen des Verbandes der Automobilindustrie wurden in Deutschland von Januar bis Juli 2026 rund 446.600 reine Elektroautos neu zugelassen. Das waren 50 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Im Juli lag der Anteil aller elektrifizierten Fahrzeuge einschließlich Plug-in-Hybriden bei 41 Prozent der Neuzulassungen.
Die heimische Fahrzeugproduktion bleibt dagegen deutlich unter früheren Werten. In den ersten sieben Monaten 2026 wurden in Deutschland rund 2,43 Millionen Pkw hergestellt. Das waren drei Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum und rund 15 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Jahres 2019.
Auch der Opel-Mutterkonzern befindet sich weiter im Umbau. Stellantis meldete für das zweite Quartal 2026 einen Nettoumsatz von 43,5 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von rund 300 Millionen Euro. Gegenüber dem schwachen Vorjahr verbesserten sich damit mehrere Kennzahlen.
Europa bleibt jedoch ein Problemfeld. Die Region Enlarged Europe erzielte im zweiten Quartal als einzige Stellantis-Region eine negative bereinigte operative Marge. Sie lag nach Konzernangaben bei minus 0,6 Prozent. Wettbewerb, Preisdruck und hohe Kosten belasten das Geschäft.
Für Opel entsteht daraus eine doppelte Aufgabe. Die Marke muss Modelle zu niedrigeren Kosten entwickeln und gleichzeitig ausreichend eigene technische Kompetenz behalten, um sich innerhalb des großen Stellantis-Portfolios von Peugeot, Citroën, Fiat und weiteren Marken abzugrenzen.
Rüsselsheim bleibt dabei ein wichtiger Standort. Stellantis investiert nach eigenen Angaben weiter in Deutschland, unter anderem in einen neuen Unternehmenscampus, und hat zugesagt, auch die nächste Astra-Generation am Stammsitz zu produzieren. Gleichzeitig zeigt die Reduzierung der Entwicklungsbelegschaft, wie stark sich die Arbeitsteilung im internationalen Autogeschäft verändert.
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