
Deutschlands letzte Gletscher verlieren in immer kürzerer Zeit große Teile ihrer verbliebenen Eisfläche. Die jüngste vollständige Vermessung der vier noch als Gletscher eingestuften Eisflächen in Bayern zeigt, dass ihre gemeinsame Fläche zwischen 2023 und 2025 um 27,2 Prozent zurückging. Besonders stark betroffen sind das Blaueis und der Watzmanngletscher in den Berchtesgadener Alpen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Deutschland im Laufe der 2030er Jahre keinen Gletscher mehr haben dürfte.
Die vier verbliebenen deutschen Gletscher bedeckten 2023 zusammen noch rund 36 Hektar. Bei der Vermessung im Herbst 2025 waren davon noch 26,2 Hektar übrig. Das entspricht einem Verlust von knapp zehn Hektar innerhalb von zwei Jahren. Die Untersuchungen wurden von Fachleuten der Hochschule München und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften vorgenommen.
Am stärksten schrumpfte der Watzmanngletscher. Seine Fläche verringerte sich von 4,7 auf 2,5 Hektar und damit um 46,8 Prozent. Beim Blaueis sank sie von 2,7 auf 1,5 Hektar, ein Rückgang um 44,4 Prozent. Beide Eisflächen sind damit nur noch kleine Reste ihrer früheren Ausdehnung. Nach Einschätzung der beteiligten Glaziologen könnten sie schon in naher Zukunft ihren Status als Gletscher verlieren.
Auch der Nördliche Schneeferner auf dem Zugspitzplatt schrumpfte erheblich. Seine Fläche sank zwischen 2023 und 2025 von 13 auf 9,4 Hektar. Das entspricht einem Minus von 27,7 Prozent. Deutlich geringer war der Rückgang beim Höllentalferner. Er verlor 9,2 Prozent und umfasste zuletzt noch 12,8 Hektar.
Nicht nur die Oberfläche wird kleiner. Auch die Dicke der Eiskörper geht schneller zurück. Nach den Messungen verloren die deutschen Gletscher zwischen 2023 und 2025 durchschnittlich etwa 1,6 Meter Eisdicke pro Jahr. Von 2018 bis 2023 hatte der durchschnittliche jährliche Verlust noch bei etwa 0,8 Metern gelegen. Innerhalb der jüngsten zweijährigen Messperiode verschwanden insgesamt rund eine Million Kubikmeter Eis.
Besonders auffällig entwickelte sich der Nördliche Schneeferner. Dort verringerte sich die Eisdicke im untersuchten Zeitraum um 4,85 Meter. Im Bereich eines früheren Schlepplifts lag die Absenkung der Eisoberfläche nach Angaben der Hochschule München sogar bei sieben bis acht Metern. Der Lift wurde inzwischen abgebaut.
Der schneearme Winter und hohe Temperaturen im Sommer 2026 dürften den Eisverlust fortgesetzt haben. Eine abschließende Vermessung für das laufende Jahr liegt jedoch noch nicht vor. Die bislang belastbarsten Gesamtzahlen stammen daher weiterhin aus der Untersuchung von 2025.
Die einzelnen Gletscher reagieren aufgrund ihrer Lage unterschiedlich schnell auf die Erwärmung. Der Höllentalferner liegt vergleichsweise geschützt und wird zusätzlich durch Lawinenschnee gespeist. Dadurch verliert er langsamer an Fläche als die übrigen deutschen Gletscher.
Nach den derzeitigen Einschätzungen dürfte er als letzter deutscher Gletscher bis in die 2030er Jahre bestehen bleiben. Für den Nördlichen Schneeferner rechnen Fachleute mit einem früheren Ende. Beim Blaueis und beim Watzmanngletscher kann bereits der Verlust des eigentlichen Gletscherstatus bevorstehen.
Deutschland besitzt damit nur noch vier offiziell als Gletscher eingestufte Eisflächen. Der Südliche Schneeferner hatte diesen Status bereits 2022 verloren. Dort ist das verbliebene Eis inzwischen zu klein und zu dünn, um noch als eigenständiger Gletscher eingeordnet zu werden. Auch das Bayerische Umweltministerium geht davon aus, dass der letzte Gletscher Anfang oder im Laufe der 2030er Jahre verschwinden könnte.
Der Rückgang in den deutschen Alpen ist Teil einer globalen Entwicklung. Nach Angaben der UNESCO schmelzen die meisten Gebirgsgletscher weltweit beschleunigt. Ursache sind vor allem steigende Temperaturen, geringere Schneebedeckung und Veränderungen der Niederschlagsverteilung. Viele Gletscher befinden sich bereits nicht mehr im Gleichgewicht mit den heutigen klimatischen Bedingungen.
Die Größenordnung der deutschen Gletscher ist im internationalen Vergleich gering. Ihr Verschwinden wird deshalb keinen entscheidenden Einfluss auf den globalen Meeresspiegel haben. Die Entwicklung in den Alpen macht Veränderungen der Kryosphäre jedoch besonders unmittelbar sichtbar.
Weltweit spielen Gebirge und ihre Schnee- und Eisvorräte eine wesentlich größere Rolle für die Wasserversorgung. Nach Angaben des UN-Weltwasserberichts sind rund zwei Milliarden Menschen auf Wasser aus Gebirgsregionen angewiesen. Je nach Ausmaß der globalen Erwärmung könnten Gebirgsgletscher bis zum Ende dieses Jahrhunderts 26 bis 41 Prozent ihrer Masse gegenüber 2015 verlieren. Zahlreiche kleinere Gletscher dürften vollständig verschwinden.
Für Deutschland zeichnet sich dieser Zeitpunkt deutlich früher ab. Die aktuellen Messdaten lassen erwarten, dass eine Landschaftsform, die die Hochlagen der bayerischen Alpen über lange Zeit geprägt hat, innerhalb weniger Jahre vollständig aus Deutschland verschwinden könnte.
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