
Der Schweizer Pharmakonzern Novartis hat acht klinische Studien mit seiner experimentellen CAR-T-Zelltherapie Rapcabtagene autoleucel vorübergehend ausgesetzt. Anlass sind drei Todesfälle nach einer schweren Immunreaktion bei behandelten Studienteilnehmern. Novartis pausiert Rap-cel-Studien damit in einem Entwicklungsbereich, auf den die Pharmaindustrie große Hoffnungen setzt: den Einsatz von CAR-T-Therapien gegen schwere Autoimmunerkrankungen und neurologische Erkrankungen.
Die Studienpause wurde nach Angaben des Unternehmens am 24. August 2026 eingeleitet. Betroffen sind Untersuchungen aus den Bereichen Immunologie und Neurologie. Novartis überprüft die Sicherheitsdaten gemeinsam mit den unabhängigen Sicherheitsgremien der einzelnen Studien und steht nach eigenen Angaben mit Gesundheitsbehörden im Austausch. Bereits behandelte Teilnehmer sollen weiterhin entsprechend den Studienprotokollen überwacht werden.
Rapcabtagene autoleucel, kurz Rap-cel und während der Entwicklung auch als YTB323 bezeichnet, wird von Novartis für eine Reihe schwerer Erkrankungen untersucht. Von der Pause betroffen sind Phase-2-Studien bei systemischem Lupus erythematodes und Lupusnephritis, systemischer Sklerose, ANCA-assoziierter Vaskulitis sowie idiopathischen entzündlichen Myopathien.
Hinzu kommen Phase-1/2-Programme bei schwer behandelbarer rheumatoider Arthritis und Sjögren-Syndrom, generalisierter Myasthenia gravis, schubförmiger Multipler Sklerose und nicht aktiver progressiver Multipler Sklerose. Screening, Aufnahme neuer Teilnehmer und weitere Behandlungen innerhalb dieser Programme sind vorerst ausgesetzt.
Nicht betroffen sind nach Angaben von Novartis zwei Studien, in denen Rap-cel bei Leukämien und Lymphomen untersucht wird. Damit richtet sich die aktuelle Sicherheitsmaßnahme ausdrücklich gegen die Entwicklung außerhalb der Krebsmedizin und nicht gegen das gesamte klinische Programm des Wirkstoffs.
Wann genau die drei Todesfälle eintraten und in welchen der acht Studien die betroffenen Patienten behandelt wurden, war zunächst nicht öffentlich bekannt. Auch zu Alter, Herkunft und Grunderkrankungen der Verstorbenen lagen zunächst keine gesicherten Angaben vor.
Nach Angaben von Novartis waren bei den drei Patienten schwere Fälle eines sogenannten Immune Effector Cell-Associated Hemophagocytic Syndrome aufgetreten, kurz IEC-HS. Komplikationen dieser Immunreaktion führten demnach zum Tod der Patienten.
IEC-HS ist eine bekannte, potenziell lebensbedrohliche entzündliche Komplikation von Therapien mit Immun-Effektorzellen wie CAR-T-Zellen. Dabei kann das aktivierte Immunsystem eine ausgeprägte systemische Entzündungsreaktion entwickeln. Zu den charakteristischen Veränderungen können unter anderem ein starker Anstieg bestimmter Entzündungsmarker, Störungen der Blutbildung und Blutgerinnung sowie eine Beeinträchtigung von Organfunktionen gehören.
Das Syndrom wird von Fachgesellschaften von anderen bekannten Nebenwirkungen der CAR-T-Therapie wie dem Zytokinfreisetzungssyndrom und bestimmten neurologischen Komplikationen abgegrenzt. Die schweren Ereignisse bei Rap-cel sollen nun genauer untersucht werden. Novartis will nach eigenen Angaben dabei auch Möglichkeiten prüfen, gefährliche Reaktionen früher zu erkennen.
Die drei Fälle bedeuten nicht automatisch, dass zwischen allen Todesfällen und bestimmten Eigenschaften von Rap-cel bereits ein abschließend geklärter ursächlicher Zusammenhang besteht. Gesichert ist nach Angaben des Unternehmens, dass die Todesfälle nach schweren IEC-HS-Ereignissen auftraten und die Komplikationen dieser Reaktionen zum Tod führten. Weitere Einzelheiten der Sicherheitsanalyse lagen zunächst nicht vor.
CAR-T-Therapien werden bislang vor allem bei bestimmten schweren Blutkrebserkrankungen eingesetzt. Dafür werden T-Zellen aus dem Blut eines Patienten gewonnen und gentechnisch so verändert, dass sie ein bestimmtes Merkmal auf anderen Zellen erkennen können. Anschließend werden die veränderten Immunzellen dem Patienten wieder verabreicht.
Rap-cel richtet sich gegen das Oberflächenprotein CD19, das auf B-Zellen vorkommt. Bei Blutkrebs sollen die veränderten T-Zellen dadurch bösartige B-Zellen erkennen und vernichten. Bei Autoimmunerkrankungen verfolgen Forscher einen verwandten Ansatz: Durch die möglichst weitgehende Beseitigung bestimmter B-Zellen soll der fehlgeleitete Teil des Immunsystems zurückgedrängt und anschließend neu aufgebaut werden.
Novartis entwickelt Rap-cel mit seiner sogenannten T-Charge-Plattform. Diese soll die Herstellung der individuellen Zelltherapie beschleunigen und bestimmte Eigenschaften der T-Zellen erhalten. Das Unternehmen hatte zuvor frühe Daten unter anderem bei Patienten mit schwerem, therapieresistentem Lupus vorgestellt. Solche frühen Studien können Hinweise auf Wirkung und Risiken liefern, sind aber keine Grundlage für eine reguläre Zulassung.
Rap-cel ist für die nun betroffenen Autoimmun- und neurologischen Erkrankungen nicht zugelassen. Die laufenden Untersuchungen sollen erst klären, ob Nutzen und Risiken einen Einsatz in diesen Patientengruppen rechtfertigen.
Der Vorfall betrifft einen Forschungsbereich, in dem mehrere Pharma- und Biotechnologieunternehmen aktiv sind. Die Aussicht, mit einer einmaligen Zelltherapie schwer behandelbare Autoimmunerkrankungen längerfristig zurückzudrängen, hat die Entwicklung von CD19-gerichteten CAR-T-Verfahren in den vergangenen Jahren beschleunigt.
Gleichzeitig stellt sich bei einem Einsatz außerhalb der Krebsmedizin die Frage nach dem Verhältnis zwischen möglichem Nutzen und schweren Nebenwirkungen besonders deutlich. Die bekannten Risiken von CAR-T-Verfahren reichen von ausgeprägten Immunreaktionen und neurologischen Komplikationen bis zu schweren Infektionen. Bei zugelassenen CAR-T-Produkten werden Patienten deshalb engmaschig überwacht.
Auch Bristol Myers Squibb hat Studien mit einer eigenen CD19-CAR-T-Therapie bei Autoimmunerkrankungen vorübergehend pausiert. Das Unternehmen begründete diesen Schritt mit entzündlichen Ereignissen, die nach seinen Angaben vorübergehend und reversibel waren. Daraus ergibt sich bislang kein Nachweis, dass die Ereignisse bei beiden Unternehmen dieselbe Ursache haben oder dass sämtliche CAR-T-Therapien gegen Autoimmunerkrankungen ein vergleichbares Risikoprofil besitzen.
Für Rap-cel hängt die weitere Entwicklung in Immunologie und Neurologie nun von der laufenden Bewertung der Fälle ab. Novartis arbeitet dabei nach eigenen Angaben mit den unabhängigen Sicherheitsgremien der Studien zusammen und stellt Informationen auch den zuständigen Gesundheitsbehörden zur Verfügung.
Einen Zeitpunkt für eine mögliche Wiederaufnahme der acht Studien nannte das Unternehmen zunächst nicht. Ebenso offen blieb, ob Studienprotokolle, Überwachung oder Behandlungsschemata als Konsequenz aus der Untersuchung verändert werden müssen.
Die Pause betrifft damit einen wesentlichen Teil der Pläne, Rap-cel über die Krebsmedizin hinaus einzusetzen. Die Entwicklung bei Leukämien und Lymphomen wird dagegen fortgeführt. Ob und unter welchen Bedingungen die acht Programme gegen Autoimmun- und neurologische Erkrankungen wieder aufgenommen werden können, hängt von der nun laufenden Sicherheitsbewertung ab.
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