
Die Wahl-Gruppe mit Hauptsitz in Siegen hat für sechs operative Gesellschaften Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Betroffen ist damit ein großer deutscher Autohändler mit insgesamt 31 Standorten und rund 1.000 Beschäftigten. Der Geschäftsbetrieb soll nach Angaben des Unternehmens an sämtlichen Standorten vollständig weiterlaufen. Kunden sollen vereinbarte Werkstatttermine, Fahrzeugkäufe und andere Leistungen weiterhin wie gewohnt wahrnehmen können.
Die Anträge wurden beim zuständigen Gericht am Stammsitz der Unternehmensgruppe eingereicht. Zuständig ist das Amtsgericht Siegen. Anders als bei einem regulären Insolvenzverfahren bleibt die Geschäftsführung bei einer Eigenverwaltung grundsätzlich im Amt. Sie führt das Unternehmen weiter, während ein gerichtlich bestellter Sachwalter das Verfahren überwacht.
Nach Angaben der Wahl-Gruppe beziehen sich die Anträge auf sechs operative Unternehmen. Genannt werden die Horst Wahl GmbH & Co. KG, die Alfred Wahl GmbH & Co. KG, die K & W-Wahl Management GmbH, die Räder- & Pflegecenter Wahl GmbH, die Lackierzentrum Siegerland GmbH und die K & W mobility GmbH.
Die Insolvenz der Wahl-Gruppe bedeutet nach dem derzeitigen Stand nicht, dass die Autohäuser geschlossen werden. Vielmehr soll die Eigenverwaltung genutzt werden, um das Unternehmen während des laufenden Betriebs neu aufzustellen. Die Gruppe ist in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz vertreten. Sie nennt selbst 31 Standorte.
Für die rund 1.000 Beschäftigten sollen Löhne und Gehälter zunächst bis Ende November über Insolvenzgeld abgesichert sein. Das Unternehmen verfolgt nach eigener Darstellung das Ziel, die Personalkosten anschließend wieder aus dem laufenden Geschäft finanzieren zu können. Ob und in welcher Form im Zuge der Sanierung Veränderungen an einzelnen Standorten oder in anderen Unternehmensbereichen notwendig werden, war zunächst nicht konkretisiert.
Geschäftsführender Gesellschafter Thomas Wahl erklärte, Kunden könnten die Autohäuser und Meisterwerkstätten weiterhin nutzen. Das Unternehmen wolle die begonnenen Verfahren dazu einsetzen, seine bereits eingeleitete Neuaufstellung fortzuführen und abzuschließen. Ziel sei eine tragfähige Perspektive für die Standorte und das Händlernetz.
Bei der Restrukturierung wird die Geschäftsführung von der Kanzlei Schultze & Braun unterstützt. Nach Angaben aus der Unternehmensmitteilung sollen Sanierungslösungen in den kommenden Monaten erarbeitet und mit den Beteiligten abgestimmt werden. Die Sanierungsexperten Jürgen Erbe und Michael Böhner sollen als Generalbevollmächtigte die Geschäftsführung ergänzen.
Eine Eigenverwaltung dient grundsätzlich dazu, einem Unternehmen die operative Führung auch während des Insolvenzverfahrens zu lassen. Ob der angestrebte Sanierungsplan umgesetzt werden kann und welche konkreten Maßnahmen dafür erforderlich werden, entscheidet sich im weiteren Verfahren.
Die Wahl-Gruppe gehört nach eigenen Angaben zu den 20 größten Autohandelsgruppen Deutschlands und blickt auf eine mehr als 125-jährige Unternehmensgeschichte zurück. Das Unternehmen bezeichnet sich als ältesten noch aktiven BMW-Händler weltweit. Aus dem ursprünglich regional ausgerichteten Händler entwickelte sich eine Gruppe mit einem breiten Markenportfolio.
Aktuell führt Wahl 16 Marken: BMW, MINI, BMW Motorrad, Ford, Opel, Peugeot, Citroën, Kia, Mazda, MG, XPENG, Leapmotor, Jeep, Alfa Romeo, DS Automobiles und Maxus. Zusätzlich bietet die Gruppe an einzelnen Standorten Werkstattleistungen für weitere Marken an.
Das Portfolio wurde in vergleichsweise kurzer Zeit stark verändert. Die langjährige Zusammenarbeit mit Renault und Dacia endete 2024. Seitdem nahm Wahl zahlreiche andere Fabrikate hinzu. Dazu zählen mehrere Marken des Stellantis-Konzerns sowie Mazda, Kia, MG, XPENG und zuletzt Leapmotor. Im März 2026 eröffnete die Gruppe zudem einen weiteren Mazda-Standort in Koblenz.
Als Hintergrund der wirtschaftlichen Schwierigkeiten nennt die Wahl-Gruppe eine Kombination aus gestiegenen Kosten und rückläufigen Umsätzen. Insbesondere in den vergangenen Monaten habe es sowohl bei Privatkunden als auch bei gewerblichen Käufern eine stärkere Zurückhaltung gegeben. Hinzu sei die organisatorische und finanzielle Belastung durch die Neuausrichtung des Markenportfolios gekommen. Dabei handelt es sich um die Darstellung des Unternehmens. Vollständige Angaben zur Vermögenslage, zu Verbindlichkeiten oder zur Liquiditätsentwicklung lagen zunächst nicht vor.
Die Entwicklung des deutschen Automarktes ist zugleich differenzierter als eine reine Absatzkrise. Nach Daten von VDA und Kraftfahrt-Bundesamt wurden von Januar bis August 2026 rund 1,97 Millionen Pkw neu zugelassen. Das waren knapp fünf Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Der Markt liegt jedoch weiterhin deutlich unter dem Niveau vor der Corona-Pandemie. Gegenüber 2019 fehlten nach acht Monaten rund 21 Prozent.
Gleichzeitig verändert sich die Zusammensetzung des Marktes erheblich. Rein batterieelektrische Pkw legten in den ersten acht Monaten 2026 besonders stark zu. Ihre Neuzulassungen stiegen nach VDA-Angaben um 53 Prozent auf rund 515.500 Fahrzeuge. Solche Verschiebungen erhöhen für Händler den Anpassungsdruck bei Markenangebot, Verkaufsorganisation, Werkstätten, Schulung und Infrastruktur.
Der Fall Wahl steht nicht allein. Erst unmittelbar zuvor war die Berliner Autohausgruppe König in ein Insolvenzverfahren gegangen. Das Amtsgericht Charlottenburg ordnete Anfang September vorläufige Insolvenzverfahren für die Autohaus Gotthard König GmbH und ihre Tochtergesellschaft Autohaus König GmbH an. Ziel ist auch dort eine Restrukturierung und Fortführung des Geschäftsbetriebs.
Bereits im Frühjahr hatte zudem die baden-württembergische Autolöwen GmbH Insolvenz angemeldet. Für einen Großteil ihrer Standorte konnte später keine Investorenlösung gefunden werden. Mehrere Betriebe wurden Anfang Juli geschlossen, während ein Standort übernommen werden konnte.
Die einzelnen Fälle haben unterschiedliche Ursachen und Geschäftsmodelle und lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres gleichsetzen. Sie fallen allerdings in eine Phase, in der auch die Zahl der Unternehmensinsolvenzen insgesamt auf einem erhöhten Niveau liegt. Das Statistische Bundesamt registrierte von Januar bis Mai 2026 insgesamt 10.546 beantragte Unternehmensinsolvenzen. Das waren 4,9 Prozent mehr als im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres. Bereits 2025 war die Zahl der Unternehmensinsolvenzen bundesweit um 10,3 Prozent gestiegen.
Für die Wahl-Gruppe beginnt nun das eigentliche Sanierungsverfahren. Kurzfristig ist für Kunden vor allem entscheidend, dass Verkauf und Werkstattbetrieb nach Unternehmensangaben an allen 31 Standorten fortgeführt werden. Welche strukturellen Veränderungen die Sanierung darüber hinaus mit sich bringt, war am Donnerstag noch nicht im Einzelnen bekannt.
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