Siemens stellt die Weichen für einen Konzern ohne Healthineers

Aktienhandel: Kurstafel mit Kursverläufen an der Börse
Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

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Siemens treibt zwei zentrale Teile seines Konzernumbaus gleichzeitig voran. Der Münchner Technologiekonzern bereitet die weitgehende Verselbstständigung von Siemens Healthineers vor und investiert parallel zusätzliche Milliardenkapazitäten in Wachstumsfelder rund um Digitalisierung, Elektrifizierung und industrielle Künstliche Intelligenz. Besonders sichtbar wird diese Verschiebung derzeit im Geschäft mit Rechenzentren. In den USA baut Siemens seine Fertigung für elektrische Infrastruktur deutlich aus.

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Die Siemens Healthineers Abspaltung ist dabei noch keine abgeschlossene Transaktion. Der nächste entscheidende Schritt soll auf der ordentlichen Hauptversammlung von Siemens im Februar 2027 erfolgen. Dort sollen die Aktionäre über die vorgesehene Direktabspaltung abstimmen. Nach dem derzeitigen Plan sollen rund 30 Prozent der Healthineers-Aktien direkt auf die Anteilseigner von Siemens übertragen werden.

Damit würde sich die Beteiligungsstruktur des Konzerns grundlegend verändern. Siemens hielt bei Bekanntgabe der Pläne im November 2025 noch rund 67 Prozent an Siemens Healthineers. Mittelfristig soll die verbleibende Beteiligung nach Angaben des Konzerns den Charakter einer Finanzbeteiligung erhalten. Siemens Healthineers würde damit deutlich unabhängiger vom Mutterkonzern.

Healthineers-Abspaltung für Februar 2027 vorbereitet

Siemens hatte die Entkonsolidierung von Healthineers im November 2025 angekündigt. Seitdem wurden die rechtlichen, vertraglichen und steuerlichen Voraussetzungen weiter vorbereitet. Im April 2026 legte das Unternehmen den Februar 2027 als nächsten wichtigen Termin fest und kündigte an, eine Abspaltung nach dem deutschen Umwandlungsgesetz vorzubereiten.

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Ein weiterer Schritt folgte im August. Siemens erklärte bei Vorlage seiner Zahlen für das dritte Geschäftsquartal, dass relevante steuerliche Fragen inzwischen verbindlich mit den Finanzbehörden geklärt worden seien. Der Konzern könne deshalb mit der geplanten Abspaltung wie vorgesehen fortfahren.

Vollzogen ist die Trennung damit allerdings noch nicht. Der Plan hängt weiterhin von den notwendigen gesellschaftsrechtlichen Schritten und Beschlüssen ab. Die Hauptversammlung von Siemens soll darüber erst 2027 entscheiden. Die genaue spätere Beteiligung von Siemens an Healthineers hängt zudem von der Umsetzung der angekündigten Struktur ab.

Strategisch soll die Transaktion das Portfolio vereinfachen. Siemens will sich stärker auf Geschäfte konzentrieren, bei denen Software, Automatisierung, Elektrifizierung und industrielle Hardware eng miteinander verbunden sind. Gesundheitstechnik bleibt ein attraktives Geschäft, weist aber deutlich weniger operative Verbindungen zu Bereichen wie Fabrikautomation, Gebäudetechnik oder elektrischer Infrastruktur auf.

Rechenzentren werden zum Wachstumsfeld für Siemens

Parallel zur Neuordnung des Portfolios gewinnt das Rechenzentrumsgeschäft erheblich an Bedeutung. Siemens liefert dabei nicht die Grafikprozessoren oder Server, die meist im Mittelpunkt der KI-Debatte stehen. Der Konzern verdient an einem anderen Teil der Infrastruktur: Stromverteilung, Schaltanlagen, Automatisierung, Steuerungstechnik und digitale Systeme, die für den Bau und Betrieb großer Rechenzentren benötigt werden.

Der zunehmende Einsatz von KI verändert die Anforderungen an diese Anlagen. Leistungsstarke Rechner benötigen große Mengen Strom und erzeugen hohe Wärmelasten. Dadurch steigen die Anforderungen an Energieversorgung, Verteilung, Kühlung, Überwachung und Steuerung.

Die Entwicklung schlägt sich bereits im Auftragseingang nieder. Siemens meldete für die ersten neun Monate seines Geschäftsjahres 2026 ein dreistelliges Auftragswachstum im Rechenzentrumsgeschäft der Sparte Smart Infrastructure. Das Digitalgeschäft des Konzerns wuchs im selben Zeitraum um 18 Prozent.

Auch die jüngsten Konzernzahlen zeigen die Größenordnung des Wachstums. Im dritten Geschäftsquartal stieg der Auftragseingang auf vergleichbarer Basis um 14 Prozent. Nominal erreichte er mit 27,9 Milliarden Euro einen Rekordwert. Das Ergebnis des industriellen Geschäfts erhöhte sich um 25 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro.

Diese Zahlen allein belegen nicht, wie dauerhaft der weltweite KI-Investitionsboom sein wird. Sie zeigen jedoch, dass der Ausbau von Rechenzentren inzwischen einen messbaren Beitrag zur Nachfrage bei Siemens leistet.

Mehr als 200 Millionen Dollar für neue US-Werke

Besonders stark investiert Siemens derzeit in den Vereinigten Staaten. Anfang August kündigte der Konzern an, mehr als 200 Millionen US-Dollar in zwei neue Produktionsstätten in Pendergrass im Bundesstaat Georgia und Grand Prairie in Texas zu investieren. Dort soll elektrische Infrastruktur für Rechenzentren und andere Anwendungen mit hohem Energiebedarf gefertigt werden.

Nach Angaben von Siemens sollen durch die Projekte mehr als 1.500 neue Arbeitsplätze entstehen. Die Investitionen ergänzen bereits zuvor angekündigte Erweiterungen der amerikanischen Produktion.

Im März hatte Siemens mehr als 165 Millionen Dollar für neue und ausgebaute Werke in North und South Carolina angekündigt. Dort werden unter anderem Mittelspannungs-, Niederspannungs- und Stromverteilungssysteme gefertigt. Hinzu kommen frühere Investitionen unter anderem in Fort Worth in Texas und Pomona in Kalifornien.

Die Investitionen sind Teil einer breiteren Kapazitätserweiterung. Auch in Deutschland kündigte Siemens 2026 zusätzliche Ausgaben für Produktionsstandorte an, die vom Wachstum bei Rechenzentren und KI-Infrastruktur profitieren sollen.

Der Konzern positioniert sich damit als Zulieferer für einen Infrastrukturboom, der weit über klassische IT-Unternehmen hinausreicht. Der Bau neuer KI-Rechenzentren erhöht nicht nur die Nachfrage nach Chips und Servern, sondern auch nach Transformatoren, Schaltanlagen, Kühlsystemen, Kabeln, Energieversorgung und Automatisierung.

Siemens setzt stärker auf zusammenhängende Technologiegeschäfte

Die Healthineers-Pläne und der Ausbau der Rechenzentrumskapazitäten gehören zu derselben strategischen Richtung. Siemens versucht seit Jahren, sein Portfolio stärker auf miteinander verzahnte Technologiegeschäfte auszurichten.

Frühere Umbauten umfassten unter anderem die Abspaltung von Siemens Energy. Gleichzeitig verstärkte Siemens sein Softwaregeschäft und investierte in vernetzte industrielle Systeme. Mit dem Programm ONE Tech Company soll diese Integration weiter vorangetrieben werden.

Im Mittelpunkt stehen Geschäftsfelder, in denen Siemens physische Anlagen mit Software und digitalen Diensten verbinden kann. Bei Rechenzentren reicht dieses Angebot beispielsweise von elektrischer Verteilung und Gebäudeautomation über Simulationslösungen und digitale Zwillinge bis zu Software für die Planung elektronischer Systeme.

Healthineers passt weniger eindeutig in dieses Modell. Das Unternehmen ist zwar technologisch anspruchsvoll und selbst stark digitalisiert, operiert aber überwiegend in medizinischer Bildgebung, Diagnostik und Krebstherapie. Eine geringere Beteiligung würde die Konzernstruktur deshalb vereinfachen und Siemens stärker auf Industrie, Infrastruktur, Mobilität und Software konzentrieren.

KI-Boom bringt Chancen und neue Abhängigkeiten

Der Umbau verschiebt zugleich die wirtschaftlichen Schwerpunkte des Konzerns. Der starke Ausbau von KI-Rechenzentren eröffnet Siemens zusätzliche Absatzmöglichkeiten, erhöht aber auch die Bedeutung eines Investitionszyklus, dessen langfristige Geschwindigkeit nicht sicher vorhergesagt werden kann.

Die weltweiten Technologieunternehmen geben derzeit große Summen für neue Rechenkapazitäten aus. Gleichzeitig wächst in den USA die Debatte darüber, welche angekündigten Rechenzentrumsprojekte tatsächlich realisiert werden und wie stark Stromnetze und Energiepreise durch die neuen Großverbraucher belastet werden.

Siemens versucht dieses Risiko durch eine breite Aufstellung zu begrenzen. Elektrifizierungs- und Automatisierungstechnik wird nicht nur für KI-Rechenzentren benötigt, sondern auch für Fabriken, Gebäude, Energieversorger und andere Infrastrukturprojekte.

Für den Konzernumbau ist deshalb weniger entscheidend, ob jedes derzeit angekündigte Rechenzentrum gebaut wird. Bedeutender ist, dass Siemens sein Kapital und seine Produktionskapazitäten zunehmend auf Märkte konzentriert, in denen Digitalisierung und Elektrifizierung zusammenkommen. Mit der geplanten Verselbstständigung von Healthineers würde dieser Wandel auch in der Konzernstruktur deutlich sichtbar.

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