
Eine über Jahre weitgehend unter Verschluss gehaltene Dokumentation über die frühere Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes ist beim Telluride Film Festival überraschend erstmals gezeigt worden. You Can See Everything stammt von Nathan Fielder und Lance Oppenheim. Der US-Verleih A24 veröffentlichte parallel zur Premiere einen ersten Teaser und kündigte einen Kinostart für Oktober 2026 an.
Die Weltpremiere fand am Sonntagabend, 6. September, beim Filmfestival im US-Bundesstaat Colorado statt. Der Titel war zuvor nicht Teil der regulär angekündigten Auswahl für diesen Termin. Branchenmedien wie IndieWire, Variety und The Hollywood Reporter bestätigten erst unmittelbar zur Vorführung, welcher Film sich hinter dem geheim gehaltenen Programmpunkt verbarg.
Nach der offiziellen Beschreibung von A24 setzt der Film 34 Tage vor Holmes Haftantritt ein. Demnach erlaubte sie einem Filmteam, ihren Alltag zu dokumentieren. Aus diesem Ausgangspunkt entwickelte sich nach Darstellung des Verleihs ein Projekt, das sich über drei Jahre erstreckte. Nathan Fielder und Lance Oppenheim führten gemeinsam Regie.
Damit bestätigt sich zumindest im Kern eine Geschichte, über die zuvor lediglich einzelne Branchenberichte und Spekulationen kursiert waren. Schon vor der offiziellen Vorstellung hatte es Berichte gegeben, wonach Fielder Holmes im Gefängnis besucht und an einem bislang unbekannten Projekt gearbeitet habe. Eine offizielle Bestätigung durch Fielder oder A24 gab es damals jedoch nicht. Erst die Präsentation in Telluride machte öffentlich, dass tatsächlich eine gemeinsame Dokumentarproduktion entstanden ist.
Der erste von A24 veröffentlichte Teaser zeigt Fielder und Holmes direkt miteinander im Gespräch. Holmes erklärt darin nach Darstellung des Trailers, sie täusche ihn nicht. Fielder fragt anschließend sinngemäß nach, ob sie sich in diesem Moment authentisch verhalte. Welche Bedeutung diese Szene im vollständigen Film erhält und wie die Regisseure die Begegnungen einordnen, lässt sich aus dem kurzen Ausschnitt nicht bestimmen.
Der juristische Hintergrund des Films ist durch das Verfahren vor dem Bundesgericht für den Northern District of California dokumentiert. Eine Jury befand Holmes im Januar 2022 in einem Anklagepunkt wegen Verschwörung zum wire fraud gegen Theranos-Investoren sowie in drei weiteren Fällen von wire fraud gegen einzelne Investoren für schuldig. Von den patientenbezogenen Anklagepunkten wurde sie freigesprochen. Bei drei weiteren investorenbezogenen Punkten erzielte die Jury kein einstimmiges Ergebnis.
Bundesrichter Edward Davila verhängte im November 2022 eine Freiheitsstrafe von 135 Monaten, also elf Jahren und drei Monaten. Holmes trat ihre Haft 2023 an. Der zuständige US Court of Appeals for the Ninth Circuit bestätigte im Februar 2025 ihre Verurteilung, das Strafmaß und die gerichtlich festgesetzte Entschädigungsanordnung.
Theranos hatte mit dem Versprechen Aufmerksamkeit und Milliardenbewertungen erreicht, umfangreiche Blutanalysen mit sehr kleinen Blutmengen ermöglichen zu können. Im Strafverfahren stellte das Gericht unter anderem fest, dass Holmes Investoren falsche Angaben über Leistungsfähigkeit, Geschäftsbeziehungen und wirtschaftliche Aussichten des Unternehmens gemacht hatte.
Mit Nathan Fielder und Lance Oppenheim treffen bei You Can See Everything zwei Filmemacher mit deutlich unterschiedlichen bisherigen Schwerpunkten aufeinander. Fielder wurde vor allem mit Formaten wie Nathan for You und The Rehearsal bekannt, in denen dokumentarische Situationen, Inszenierung und die Rolle des Filmemachers bewusst miteinander verschränkt werden. Oppenheim hat unter anderem die Dokumentarfilme Some Kind of Heaven und Spermworld gedreht.
Wie stark You Can See Everything klassische Dokumentation mit inszenierten oder selbstreflexiven Elementen verbindet, lässt sich aus den bislang offiziell veröffentlichten Informationen noch nicht abschließend bestimmen. A24 bezeichnet das Werk ausdrücklich als Dokumentation. Aussagen über seine formale Wirkung stammen bislang vor allem aus Festivalberichten und ersten Reaktionen nach der Premiere.
Fest steht dagegen das geplante Veröffentlichungsfenster. A24 kündigt You Can See Everything offiziell für die Kinos im Oktober 2026 an. Ein von A24 veröffentlichter Teaser nennt bislang lediglich den Monat und kein konkretes Datum. Einzelne Branchenquellen führen den 16. Oktober an, diese Datumsangabe lässt sich derzeit jedoch nicht in der öffentlich zugänglichen A24-Ankündigung bestätigen.
Unklar blieb zunächst auch, wie umfangreich der Film Holmes während ihrer Haft begleitet und auf welche Weise Teile des dreijährigen Projekts entstanden. Die offizielle Beschreibung bestätigt lediglich den Beginn 34 Tage vor ihrem Haftantritt und die Gesamtdauer des dokumentarischen Projekts. Frühere Berichte über Besuche Fielders im Gefängnis erhielten durch die Enthüllung zwar zusätzlichen Kontext, sämtliche Produktionsumstände sind damit aber noch nicht offiziell offengelegt.
Mit der überraschenden Telluride-Premiere ist die Existenz des zuvor nur gerüchteweise bekannten Projekts nun bestätigt. Innerhalb weniger Wochen soll die Dokumentation einem größeren Kinopublikum zugänglich werden. Damit folgt auf die überraschende Enthüllung beim Festival bereits im Oktober die reguläre Veröffentlichung durch A24.
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